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Rudolf Jobst: „Elsa, Berta und Grete Wiesenthal im Lanner, Schubert-Walzer“, Wien 1908, Postkarte Verlagsanstalt Dr. Trenkler & Co., Leipzig [Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin – Theaterhistorische Sammlungen].

Isa Wortelkamp, Tessa Jahn, Eike Wittrock

Bilder von Bewegung – Tanzfotografie 1900–1920

Forschungsprojekt, Freie Universität Berlin, Institut für Theaterwissenschaft, Beginn: Oktober 2012, Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Kontakt: isa.wortelkamp(at)fu-berlin.de, tessa.jahn(at)fu-berlin.de, eike.wittrock(at)fu-berlin.de

Erschienen in: Fotogeschichte 130, 2013

Fotografien sind Quellen unseres Wissens über Tanz – eines Wissens, das angesichts des Bildes zunächst in der Stillstellung von Bewegung begründet ist. Gebannt im Augenblick und Anblick der fotografischen Aufnahme zeigt sich Tanz im Bild und als Bild und prägt auf diese Weise auch unser Bild von Bewegung. Gesammelt in Archiven und Speichern, veröffentlicht in wissenschaftlichen Publikationen, in Zeitschriften und Internetportalen, tragen Tanzfotografien von der Vergangenheit bis heute zur Veranschaulichung und Vermittlung unseres Wissens über Tanz bei. Als Dokumente von Bewegung dienen sie der Geschichtsschreibung zur Rekonstruktion und bilden einen wichtigen Bezugspunkt in der ästhetischen und theoretischen Reflexion des Tanzes.

Trotz dieser Praxis ist der Status von Tanzfotografie in der Tanzwissenschaft methodologisch ungeklärt. Denn mit der Fotografie des Tanzes vollzieht sich stets ein Umbruch, ein Sprung (in) der Bewegung: ein Sprung von dem transitorischen, unaufhaltsamen Prozess in den statischen Rahmen der fixierten Punkte, in die Materialität des fotografischen Bildes. Diese Spannung zwischen Bild und Bewegung wird besonders wirksam in der frühen Tanzfotografie.

Mit dem einsetzenden 20. Jahrhundert ist die Tanzfotografie in einem kulturellen Kontext situiert, in dem die Bewegung im Zuge des Aufschwungs des modernen Tanzes gegenüber dem Bild bevorzugt erscheint. Während in der Portraitfotografie die Inszenierung der Pose dominiert, tritt mit der tanzästhetischen und fototechnischen Entwicklung die Bewegung in den Fokus. Die ephemere und transitorische Kunst des Tanzes konfrontiert die Fotografie jedoch zugleich mit ihren fixierenden und reproduzierenden Eigenschaften. Dabei scheint gerade die Differenz beider Medien ein Verständnis von Fotografie als Bild zu begründen, in dem die Bewegung zum gestaltenden Prinzip wird.

In Anlehnung an die künstlerischen Darstellungsprinzipien der Malerei des Naturalismus und des Impressionismus prägt innerhalb der sogenannten Kunstfotografie um 1900 die Wahrnehmung das Bild von Bewegung. Damit wird Fotografie in ihrer Funktion als Abbild der Wirklichkeit relativiert und tritt in ihrer eigenen künstlerischen Darstellung als Bild der Wahrnehmung in den Vordergrund.  Ausgehend von diesen zwei Prinzipien untersucht das Projekt in einer interdisziplinären Perspektive zwischen Tanzwissenschaft, Fotografiegeschichte und Kunstwissenschaft die Darstellung von Bewegung in der Tanzfotografie zwischen 1900 und 1920 hinsichtlich ihrer bildtheoretischen und historiografischen Implikationen.

Auf der Grundlage einer umfassenden Analyse damaliger Tanzfotografien und fototheoretischer Schriften werden fotografische Konzepte der Darstellung von Bewegung im Bild herausgearbeitet. Gesichtet und analysiert werden dafür Bestände der Tanzfotografie in Berliner Sammlungen (Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin; Sammlungen Fotografie und Modebild, Kunstbibliothek, Berlin), in nationalen und internationalen Tanz- und Theaterarchiven (Deutsches Tanzarchiv, Köln; Theaterwissenschaftliche Sammlung, Schloss Wahn; Tanzarchiv Leipzig e.V., Leipzig; Archiv des Bibliothèque-Musée de l’Opéra, Paris; Derra de Moroda Dance Archives, Salzburg) sowie auf Fotografien basierende Abbildungen in damals zeitgenössischen Tanzpublikationen.

Anhand des zusammengestellten Corpus von Tanzfotografie des Untersuchungszeitraumsverfolgt das Projekt in einer bildtheoretischen Perspektive Strategien der Fotografie im Umgang mit der medialen Differenz von Bild und Bewegung. In einer historiografischen Perspektive werden die konträren Prinzipien eines Abbilds der Wirklichkeit und eines Bildes der Wahrnehmung in ihren Konsequenzen für die Tanzgeschichtsschreibung des einsetzenden 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart reflektiert.

Zur Disposition steht der Status der Fotografie als statisches und konservierendes Dokument des Tanzes, dem ein prozessualer und dynamischer Bildbegriff gegenübergestellt werden soll, der schließlich auf die künstlerische und mediale Reflexion von Bild und Bewegung im Tanz um 1900 selbst antwortet.

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