Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Angela Müller, Felix Rauh

Außereuropäische Kulturen in Reisefotografien undDokumentarfilmen des deutschsprachigen Raums, 1920–1990

Zwei Dissertationen am Historischen Seminar der Universität Luzern, Prof. Dr. Aram Mattioli (Universität Luzern), Beginn/Ende: Juni 2011 bis Mai 2014, Art der Finanzierung: Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Kontaktadressen: angela.mueller(at)unilu.ch; felix.rauh(at)unilu.ch

Erschienen in: Fotogeschichte 128, 2013

Eine Aufnahme, fotografisch oder filmisch, eröffnet zugleich drei Räume. Einerseits lässt sie vorwärts auf das dargestellte Sujet blicken, andererseits rückwärts auf die Person hinter der Kamera. Als drittes entsteht ein Imaginationsraum in Auseinandersetzung des Betrachtenden mit dem Bild. Diese dreifache Perspektive aufnehmend, untersucht das Forschungsprojekt (audio-)visuelle Repräsentationen außereuropäischer Kulturen im deutschsprachigen Raum zwischen 1920 und 1990.

In einer transnationalen Langzeitperspektive möchte das Projekt neue Erkenntnisse zu Wandel und Kontinuität von Wahrnehmungen der kolonialen und postkolonialen Welt im deutschsprachigen Raum generieren. Die interdisziplinäre Verbindung von globalgeschichtlichen Fragestellungen mit Ansätzen der Visual History erlaubt es, Fragen von Identität und Alterität auf dem Hintergrund sich verändernder Raum- und Zeitwahrnehmungen zu analysieren.

In den Blick genommen werden publizierte Reisefotografien und populäre Dokumentarfilme, die in Afrika, Asien und Lateinamerika entstanden sind. Sowohl bekannte als auch weniger bekannte Bildschaffende rücken in den Fokus. Unter ihnen der Schweizer Verleger und Fotograf Martin Hürlimann und der Reiseschriftsteller und Filmer René Gardi, zu denen umfassende Forschungsarbeiten bisher ausgeblieben sind.

Über Illustrierte und Bücher, das Kino, den Schulunterricht oder das Fernsehen gelangten Bilder außereuropäischer Gebiete in die Alltagskultur verschiedener Bevölkerungsgruppen. Die Bilder versprachen dem Publikum vermeintlich authentische Eindrücke fremder Kulturen, fungierten aber zugleich und vor allem als Spiegel der eigenen Gesellschaft.

Das erste Teilprojekt Südasien im Sucher beschäftigt sich mit fotografischen Imaginationen Südasiens zwischen 1920 und 1960. Dominierend waren Vorstellungen Südasiens als eskapistische Augenweide. Gleichzeitig stieg Mahatma Gandhi in den 1920er und 1930er Jahren mithilfe des Mediums Fotografie zur politischen Ikone auf. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stellten Bilder von Hungerkatastrophen auf dem Subkontinent vermehrt Vorstellungen Südasiens als Wunderland in Frage. Neben Martin Hürlimann, Walter Bosshard oder Alice Schalek, beleuchtet die Studie mit dem Schweizer Hans Keusen eine bisher weniger bekannte Figur.

Im zweiten Teilprojekt mit dem Arbeitstitel Audiovisuelle Repräsentationen der „Dritten Welt“ geht es um Wandel und Kontinuitäten von dokumentarfilmisch geprägten Vorstellungen Afrikas und Lateinamerikas. In den 1960er Jahren changierten populärethnografische Betrachtungen mit paternalistischem Unterton zwischen Steinzeitnostalgie und Entwicklungszweifeln. Die neuen entwicklungspolitischen Solidaritätsgruppen, die sich im deutschsprachigen Raum zu Beginn der 1970er Jahre formierten, verhalfen Filmen zu Aufmerksamkeit, welche die porträtierten Menschen über ihre Entwicklungsbedürfnisse reden ließen, wobei post- und neokoloniale Machtasymmetrien im Zentrum der Kritik standen. 

Die Forschungsarbeiten untersuchen Produktions-, Distributions- und Rezeptionskontexte auf dem Hintergrund sich verändernder Mediensysteme. Die Rolle der beteiligten Personen und Institutionen, interessiert ebenso, wie die Funktion und Bedeutung der Bilder selbst. In einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive eröffnet das Projekt neue Blicke auf Entstehung, Verbreitung und Wirkungsweise von kulturellen Fremdbildern, die bis heute fortwirken.

Letzte Ausgaben

 

Hefte ab 150 | Siehe auch: Themen- und Stichwortsuche | Hefte und Einzelbeiträge aus dem Archiv auch als PDF bestellbar.

162

Den Blick erwidern

Fotografie und Kolonialismus

Sophie Junge (Hg.)

Heft 162 | Jg. 41 | Winter 2021

 
161

Norm und Form

Fotoalben im 19. Jahrhundert

Bernd Stiegler, Kathrin Yacavone

Heft 161 | Jg. 41 | Herbst 2021

 
160

Keepsake / Souvenir

Reisen, Wanderungen, Fotografien 1841 bis 1870

Herta Wolf, Clara Bolin (Hg.)

Heft 160 | Jg. 41 | Sommer 2021

 
159

Weiterblättern!

Neue Perspektiven der Fotobuchforschung

Anja Schürmann, Steffen Siegel (Hg.)

Heft 159 | Jg. 41 | Frühjahr 2021

 
158

Die Zukunft der Fotografie

Anton Holzer (Hg.)

Heft 158 | Jg. 40 | Winter 2020 

 
157

Fotogeschichte schreiben. 40 Jahre Zeitschrift Fotogeschichte

Anton Holzer (Hg.)

Heft 157 | Jg. 40 | Herbst 2020 

 
156

Aquatische Bilder. Die Fotografie und das Meer

Franziska Brons (Hg.)

Heft 156 | Jg. 40 | Sommer 2020 

 
155

Wozu Gender? Geschlechtertheoretische Ansätze in der Fotografie

Katharina Steidl (Hg.)

Heft 155 | Jg. 40 | Frühjahr 2020

 
154

Protestfotografie

Susanne Regener, Dorna Safaian, Simon Teune (Hg.

Heft 154 | Jg. 39 | Winter 2019

 
153

Fotografie und Text um 1900

Philipp Ramer, Christine Weder (Hg.)

Heft 153 | Jg. 39 | Herbst 2019

 
152

Fotografie und Design

Linus Rapp,  Steffen Siegel (Hg.)

Heft 152 | Jg. 39 | Sommer 2019

 
151

Nomadic Camera

Fotografie, Exil und Migration

Burcu Dogramaci, Helene Roth (Hg.)

Heft 151 | Jg. 39 | Frühjahr 2019

 
150

Polytechnisches Wissen

Fotografische Handbücher 1939 bis 1918

Herta Wolf (Hg.)

Heft 150 | Jg. 38 | Winter 2018