Heike Wetzig
Eine Geschichte der Aktfotografie
Ulrich Pohlmann, Rudolf Scheutle (Hg.): Nude Visions. 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie / 150 Years of Nude Photography, Heidelberg: Kehrer Verlag 2009 – Ausstellungskatalog (dt./engl.) zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum (Ausstellungskonzeption: Ulrich Pohlmann), 27. Mai bis 13. September 2009 – Mit Beiträgen von Ulrich Pohlmann, Rudolf Scheutle, Margarete Gröner, Petra Steinhardt, Bettina Best (Biografien), Übersetzungen: Jennifer Taylor-Gaida, Katie Cofer – 22 x 16,5 cm, 415 S., 266 Tafeln, 33 Textabb., Gebundene Ausgabe: 39,90 Euro; Kartoniert: 19,95 Euro.
Erschienen in Fotogeschichte 114, 2009
Vision meint im Englischen das Sehvermögen (sight) wie auch den traumartig überwältigenden Anblick von etwas. Der vorliegende Katalog zeigt, beginnend mit der Stereo-Daguerreotypie, Wandlungen eines Genres, das sich heutzutage kaum noch als ein Hilfsmittel für die Aktstudie als Vorarbeit zum Gemälde versteht. Im 19. Jahrhundert „Akademien“ genannt, wurden solche, dank des neuen Verfahrens der Papierabzüge preisgünstigen Aufnahmen im Miniaturformat, das mehrere Positionen auf einem Abzug vereint, europaweit vertrieben, so durch den Verleger A. Calavas, der mit Hermann Heid und Louis Jean Baptiste Igout zusammenarbeitete. Aber auch nicht eigens zu diesem Zweck produzierte Fotografien boten Künstlern Anregung.
„Die Methoden der Verbreitung haben sich geändert, das Thema hat Bestand.” So das Fazit zum Glamourakt (bei dem die Bekleidung eine große Rolle spielt) als vorläufig letztem Kapitel in den Zeiten der privaten Fotografien im Netz (S. 49). Aktfotografie war zunächst tabuisiert und somit für die Forschung „schwer zugänglich” (S. 15). Vermieden wurde seitens der Fotografen - ihrerseits oft vor allem auch Maler – der Eindruck des Pornografischen, das einer Zensur unterlag und für das man andere Verteilungskanäle fand. Vermutlich war es als Anteil am begehrenden Blick der Fantasie verfügbar. Die dem präzise abbildenden Medium abverlangte Erarbeitung eines idealen Körpers, interpretiert als Befreiung von zivilisatorischen Zwängen, wurde erst im späteren 20. Jahrhundert, mit Selbstverletzungen bei Dieter Appelt und Unschärfen bei Thomas Ruff, demontiert. „Bilder von Nacktheit”: Abu Ghraib, Erniedrigung und politische Realität sind erwähnt (S. 12).
Der friedlich drapierte, der transparent verschleierte Leib ließ sich im Orient abbilden (Rudolf Lehnert & Ernst Landrock, J. Pascal Sébah & Policarpe Joaillier). Nicht mehr Göttererzählung, sprach der profane Leib als kalkulierte Verführung den begehrenden Blick an. Als Darstellung der verbotenen Homosexualität war der männliche Akt bis in die 1920er Jahre häufiger als bisher angenommen; seit etwa 1870 gab es den Jünglingsakt bei Guglielmo Plüschow, Wilhelm von Gloeden und Vincenzo Galdi im antikisierenden Idyll. Der Männerakt war legitimiert durch die „Körperkultur” genannte Bodybuilderpose oder, Sinnbild ursprünglicheren Daseins, mit Pfeil und Bogen. Anerkennung als Bildkunst erreichte die Fotografie mit dem Internationalen Piktorialismus. Mit Experimenten, oft der Solarisation, wurden Medium und Motiv erkundet.Hervorzuheben sind in dem grundlegenden Repertoire des Kataloges, das Traditionen und Beziehungen erschließt, Aufnahmen einiger Lehrer zeitgenössischer Fotografen: Hanna Seewald, Otto Steinert und Heinz Hajek-Halke. Arbeiten ihrer Schüler werden ebenfalls gezeigt; man könnte fragen, welche von ihnen dank ihrer Aktfotografien bekannt wurden.
Noch der Glamour (Quellenangabe zum Zitat S. 45 verwirrend: Anm. 2, S. 49), Nebenprodukt der Filmindustrie Hollywoods, will betören, aber vom sexuell anregenden Pin-up unterschieden sein. Der Katalog bringt dazu neben Atelier/Studio Manassé sowie T. W. Salomon zugeschriebenen Werken unter anderem Helmut Newton, Bert Stern, Guy Bourdin, Gerhard Vormwalde und, in kritischer Distanz wie äußerster Nähe zum Sujet, André Gelpke und Juergen Teller.
Das Münchner Stadtmuseum zeigt die Geschichte der imaginären „Unmittelbarkeit” (S. 34) des Blicks auf eine sorgsam hergestellte, als ideal und schön deklarierte künstlerische Anmutung, die der Beobachtung von Volumen, Linie und Licht viel verdankt und die an den Umschlägen der vielen gebundenen Werke ablesbar ist. In angenehm zurückhaltenden, kurzen Zügen erläutern die Katalogtexte die durch anderthalb Jahrhunderte führenden, das Obszöne kaum streifenden Bildkapitel: von den Akademien und der Exotik im 19. Jahrhundert über Kunstfotografie um 1900 und Avantgarden – der Begriff wird nicht diskutiert – der 1920er und 1930er Jahre zu den Künstlerischen Positionen nach 1945 (zumindest die deutsche Nachkriegsfotografie gestaltete und erklärte den Akt künstlerisch-formal), über Freikörperkultur, die die Lebensreform-Bewegung um 1900 aufnahm und mit dem Abbild von Sport, Gymnastik und Bewegung die Aktfotografie der 1920er bis 1940er Jahre in Deutschland prägte (Willy Zielke, Gerhard Riebicke), schließlich zum männlichen Akt und Glamour. Durchweg sehr gelungen (in der Menge nackter Körper zeigt Paul Isenfels’ Getanzte Harmonien, 1927, wohltuend professionelle Tänzer) lässt der kompakte, diskret komponierte Katalog dies eine bedauern, dass die Kurzbiografien der 100 Fotografen und sieben Fotografinnen – teils abenteuerliche, oft preisgekrönte Karrieren; gelegentlich sind Lebensläufte unbekannt – keine Werknummern für das Auffinden der mitunter in den Kapiteln verteilten Arbeiten angeben.
Paradise TV, Tokyo, 2005, von Enno Kapitza ist die jüngste der gezeigten internationalen Arbeiten, die einen Akzent auf mitteleuropäische Fotografen setzen. Es handelt sich ausschließlich um Werke aus der reichhaltigen fotografischen Sammlung des Münchner Stadtmuseum s (S.13), das Bestände von Johann Josef Blitz (darunter eine Serie biblischer Inszenierungen, bühnenhafter Aktkompositionen, die dauerhaften Eindruck im Bildgedächtnis anstreben), von Karl Hubbuch, Helmut Lederer, Herbert List, Floris M. Neusüss und Elfriede Reichelt sowie Josef Breitenbachs Sammlung historischer Fotografien bewahrt. Einblick in das Münchner Lokalkolorit 1967 gibt Stefan Moses. Erstmals vorgestellt werden in Bildbänden und Mappenwerken gedruckte Aktstudien aus der dem Museum gestifteten Bibliothek von Uwe Scheid. Deren Autoren/Fotografen sind (wie Whyte, um 1900) nicht biografiert; auf Werkabbildungen der biografierten Emil Otto Hoppé, Hermann Stamm, E. Uhlenhut und Clarence H. White wurde verzichtet.
Werke von Fotografinnen unterscheiden sich „nicht immer grundsätzlich” von den Bildern ihrer Kollegen (S. 34). Seit Mitte der 1960er Jahre sorgten Hochglanzmagazine für den Blick der Öffentlichkeit auf umfangreiche Farbreportagen. Die Frau und ihr Sexus wurden Leitmotiv auch in der Werbung. Spaltungen zwischen Kunstfotografie und Pornografie lassen sich an Timm Ulrichs Arbeit erkennen. Das ihnen und kommerzieller Fotografie gemeinsame Motiv existiert in einer eher narzisstischen denn, wie im Katalog formuliert, exhibitionistischen Gesellschaft als Bild des Kreatürlichen und also vielleicht auch des Kreativen.
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