Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Martina Jung

Die Lust an der Verkleidung

Der Fotograf Will Burgdorf in Hannover (1905–1944)

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 165, 2022

 

Ein eigentümliches Selbstporträt – der Fotograf zeigt sich mit geschlossenen Augen . Will Burgdorf handhabt die Kamera hier als Instrument der Selbstbefragung. Es sind etliche weitere Fotos überliefert, auf denen er sich in verschiedenen Posen und Rollen ins Bild setzt: Elegant mit breitkrempigem Hut und weißem Einstecktuch lässt er an Schauspieleridole der 1920er Jahre denken. Mit vor dem Gesicht wehender Haartolle und einem zum Schrei geformten Mund führt er eine expressionistische Geste vor. Er posiert in schwarzer Hose und schwarzem Kittel mit dramatisch nach oben gerichtetem Blick oder führt Figuren des Ausdruckstanzes vor. Und die Selbstporträts, auf denen er sich geschminkt und mit Ketten geschmückt fotografiert, unterstreichen seine androgyne Ausstrahlung. Um der Frage nachzugehen, was den Fotografen Will Burgdorf antrieb, was ihn auszeichnet, stehen als einzige Quelle seine Fotos zur Verfügung. Weitere Dokumente sind nicht erhalten. Seine Biografie konnte mithilfe von ZeitzeugInnen und Sekundärquellen in groben Zügen recherchiert werden.[1] Das Theatermuseum Hannover widmete ihm 2018/19 eine Sonderausstellung.[2]

Will Burgdorf wurde als jüngster Sohn einer Kaufmannsfamilie in Hannover geboren. Mit 20 Jahren begann er eine Ausbildung bei dem bekannten Dresdner Fotografen Bruno Wiehr (1882– nach 1935). Die Stadt an der Elbe hatte „als Ort der deutschen und internationalen Photoindustrie“[3] bis zum zweiten Weltkrieg eine große Bedeutung. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Dresden „in der Papierfabrikation und der Kameraproduktion zum wichtigsten Zentrum der deutschen Photoindustrie avanciert“.[4] Künstlerisch begabt, nahm Will Burgdorf neben seiner fotografischen Ausbildung Unterricht in der Zeichen- und Malschule des Zeichners, Lithografen und Bildhauers Friedrich Moritz Brodauf (1872–1939) in Dresden-Loschwitz. Der Lehrherr Will Burgdorfs gehörte zu den erfolgreichen Fotografen seiner Stadt. Wiehr betrieb zwei Standorte in Dresden: in der Innenstadt an der Prager Straße und in Loschwitz an der Plattleite. Er arbeitete auch als Kameramann und gründete die Firma Wiehr-Film.[5] 1909 war er mit Hugo Erfurth (1874–1948) an der Dokumentation der Internationalen Photographischen Ausstellung in Dresden (Iphad) beteiligt gewesen.[6] Burgdorf kehrte Ende 1927 nach Abschluss der Ausbildung nach Hannover zurück und eröffnete im Stadtteil List ein eigenes Fotoatelier. Noch in Dresden hatte er die aus wohlhabendem Haus stammende Maria Wolff[7] (geboren 1900) geheiratet, die ihm nach Hannover folgte.

Das Atelier Will Burgdorf

1931 zog Will Burgdorf mit seinem Atelier an einen zentralen Platz in der List, was als Zeichen für seinen Erfolg und seine Ambitionen gelesen werden kann. Er war gerade 26 Jahre alt geworden. In einem Ladenlokal in der Nähe des Ateliers zeigte er zu Beginn der 1930er Jahre eine Ausstellung mit „Bildnisphotographien“. Innerhalb kurzer Zeit gelang es ihm, sich als Porträtfotograf in seiner Heimatstadt einen Namen zu machen. Sein Werk umfasst unterschiedliche Sujets, doch die „Bildnisphotographie“ wurde sein wichtigstes Metier.[8] Ein Beitrag in der Photographischen Chronik, einer Veröffentlichung der Photographen-Innung, würdigte die hohe Qualität seiner Arbeit.[9] Hervorgehoben wurde insbesondere der meisterhafte Umgang mit der Beleuchtung. Den größten Teil des Nachlasses machen Porträts sowie Tanzfotografien aus. Burgdorfs besondere Affinität zur Kunst brachte ihm schon bald Aufträge von KünstlerInnen sowie von aufgeschlossenen bürgerlichen Kreisen. Porträtaufnahmen von TänzerInnen, SchauspielerInnen, Kunstmäzenen, Maler- und BildhauerInnen beweisen, dass seine Arbeiten auf große Resonanz stießen. Möglicherweise war der Kontakt zum Theater ihm bereits während seiner Ausbildung in Dresden vertraut geworden. Bruno Wiehr hatte für zahlreiche BühnenkünstlerInnen in Dresden Autogramm-Karten und Porträtfotografien erstellt.[10] Denkbar ist ebenfalls, dass Will Burgdorf zur Tanzszene in Hannover Zugang fand, weil seine Frau interessiert an modernem Tanz war und in Dresden eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin absolviert hatte. Und schließlich kann, wie die eingangs beschriebenen Selbstporträts nahelegen, davon ausgegangen werden, dass Will Burgdorf sich zu Rollenspiel und Kostümierung hingezogen fühlte.

Porträt- und Tanzfotografien

Unter den Auftragsarbeiten Will Burgdorfs befinden sich zahlreiche klassisch wirkende Porträts, aufgenommen als Halbbüste oder in sitzender Pose, sowie Fotos von SchauspielerInnen und TänzerInnen im Bühnenkostüm, die zu Werbezwecken verwendet wurden. Sie bezeugen sein solides handwerkliches Können. Künstlerisch eindrucksvoll aber sind Porträts, die Burgdorf mit sparsamen Mitteln inszeniert. Von den Aufnahmen geht eine kontemplative Atmosphäre aus. Sie bieten einen unmittelbaren, unverstellt wirkenden Blick auf die Menschen. Viele seiner Arbeiten vermitteln einen großen Ernst und eine intensive Konzentration auf die porträtierte Person. Burgdorf wollte nicht Typen zeigen, sondern Individuen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen.[11] Bei den Aufnahmen wurden meist keinerlei Utensilien und Hintergründe verwendet, wie sie die Porträtfotografie der Jahrhundertwende liebte. Oft ist der Hintergrund neutral, dunkel oder hell, und Anschnitte rücken das Gesicht in den Fokus. Wie nach Umbo zahlreiche andere Porträtfotografen in den späten Jahren der Weimarer Republik setzte Burgdorf in einigen Bildern die filmische Technik des Close-up[12] ein – die Aufmerksamkeit des Fotografen ganz auf das Gesicht konzentriert. Dabei bringen ungewöhnliche Perspektiven sowie eine virtuose Modellierung der Beleuchtung, wie etwa eine verschattete Augenpartie, Spannung in den Bildaufbau. Seine Tanzfotografien sind zum größten Teil im Atelier entstanden, einige wenige zeigen Außenaufnahmen. Er konzentriert sich auf Posen, die für die betreffenden TänzerInnen aussagekräftig sind. Die Fotos verraten eine besondere Sensibilität für tänzerischen und darstellenden Ausdruck. Mit seinem sicherlich auch im Zeichenunterricht geschulten Auge betont er den grafischen Aufbau eines Bildes, die akzentuierte Linienführung, die zurückhaltend, aber wirkungsvoll eingesetzten Schatten und Symmetrien.

Die Porträtierten

Zu Burgdorfs Kunden zählten namhafte Personen der Stadt. Die Porträts spiegeln einen bestimmten Ausschnitt der hannoverschen Stadtgesellschaft, zu dem insbesondere das gebildete Bürgertum, VertreterInnen der hannoverschen Avantgarde, BühnenkünstlerInnen, Kulturschaffende und Mäzene zu rechnen sind. Er arbeitete für freie KünstlerInnen ebenso wie für Ensemblemitglieder der Städtischen Bühnen, die seine Fotos in ihren Almanachen verwendeten. Außerdem hatte er Kontakte zu Mitgliedern der 1926 in Hamburg gegründeten „GemeinschaftDeutscher und Oesterreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen“ (GEDOK), deren Jahrbuch Aufnahmen von ihm veröffentlichte, und zur „Kestner-Gesellschaft“, die sich als Forum für avantgardistische Kunst verstand. Etliche seiner Bilder zeigen interessante Selbstinszenierungen von Frauen – mit Monokel, androgyn in Männerkleidung, mit kahlem Kopf oder mit Turban, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Aufnahmen spiegeln ein breites Spektrum von (weiblichen) Lebensentwürfen.

Burgdorf porträtierte etliche überregional prominente Personen: die neusachlichen Malerinnen Grethe Jürgens und Gerta Overbeck, den Dichter und Kabarettkünstler Joachim Ringelnatz, die TänzerInnen Harald Kreutzberg, Gisela Jeimke, Alice Hammerich, Ilka Schellenberg und Dieter Borsche, die eng mit Kurt Schwitters zusammenarbeitende Autorin und Malerin Käte Steinitz, die Textilkünstlerin Margarethe Naumann[13], den künstlerischen Leiter der „Kestner-Gesellschaft“ Hanns Krenz[14], den Philosophen und Hochschuldozenten Theodor Lessing, den Fabrikanten Fritz Beindorff (Pelikan), den abstrakten Maler und Grafiker Friedrich Vordemberge-Gildewart[15] u. v. m. Neben den Selbstporträts fotografierte Will Burgdorf immer wieder seine Ehefrau Maria. Auch diese Aufnahmen zeigen ein Faible für Verkleidungen. Maria Burgdorf ist z. B. in einem Kimono, mit einem japanischen Schirm und mit einer weißen Kopfbedeckung, die an eine Nonnentracht erinnert, zu sehen. Künstlerische Kreise gehörten offenbar nicht nur zu den Auftraggebern des Ateliers, sondern auch zum Bekanntenkreis des Ehepaars. Einige Fotos stammen von Künstlerfesten, an denen das junge Paar teilnahm. Von etwa 1936 an kam zu den Aufträgen Burgdorfs ein der neuen politischen Lage in Deutschland geschuldetes Sujet hinzu. Zahlreiche Männer ließen sich in Uniform fotografieren und bei vielen Fotografien von Paaren trat der Mann in Uniform vor die Kamera.[16] Burgdorf konnte sein fotografisches Atelier bis Anfang 1942 weiterbetreiben, dann wurde er selbst zur Wehrmacht eingezogen und fiel 1944 in Russland im Raum Mogilew, heute Belarus, im Alter von 39 Jahren. Sein Atelier an der Podbielskistraße wurde im Krieg durch Bombenangriffe zerstört, doch konnten Negativalben und zahlreiche Fotografien gerettet werden. Frank-Manuel Peter, Leiter des „Deutschen Tanzarchivs Köln“, bezeichnet die Aufnahmen von Burgdorf als „echte Entdeckung“[17].

Hinweis: Der Nachlass von Will Burgdorf befindet sich im Besitz von Berthold Graf zu Dohna und Jens Goethel Kunstvermittlung, Hamburg www.will-burgdorf.de.

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[1] Biografische Recherchen durch Berthold Graf zu Dohna, Jens Goethel, Dr. Annette Baumann und die Autorin.

[2] Der Fotograf Will Burgdorf (1905–1944): https://staatstheater-hannover.de/de_DE/geschichte-ausstellungen-theatermuseum (letzter Zugriff 10.1.2022).

[3] Wolfgang Hesse: „Damit die Geschichte sich darstelle …“. Einführung, in: Wolfgang Hesse, Katja Schumann (Hg.): Mensch! Photographien aus Dresdner Sammlungen, Marburg 2006, S. 15.

[4] Ulrich Pohlmann: „Im Einklang mit den Großen der Zeit“, in: Bodo von Dewitz und Karin Schuller-Prokopovici (Hg.): Hugo Erfurth. Photograph zwischen Tradition und Moderne, S. 119–138, hier S. 126.

[5] Das Stadtarchiv Dresden besitzt einen von Wiehr produzierten Film, der Hugo Erfurth bei der Arbeit zeigt. Siehe von Dewitz, Schuller-Prokopovici, (Anm. 4), S. 486–488.

[6] Siehe Pohlmann, (Anm. 4), S. 121.

[7] Maria Wolff wurde als Kind und junges Mädchen sowohl von Hugo Erfurth als auch von Bruno Wiehr fotografiert, siehe Archiv Jens Goethel.

[8] Anzeige im Gedok-Jahrbuch 2, Hannover 1929.

[9]Photographische Chronik. Verbandszeitschrift des Reichsinnungsverbandes des Photographenhandwerks, Halle, 47. Jg. (1940), Nr. 14.

[10] Siehe http://www.deutschefotothek.de/gallery/freitext/bruno+wiehr (letzter Zugriff 10.1.2022): 67 Ergebnisse für Bruno Wiehr, davon zahlreiche SchauspielerInnen- und SängerInnenporträts.

[11] Einige lassen sich identifizieren, da die Fotos in Almanachen der Städtischen Bühnen, in Zeitungen oder im Gedok-Jahrbuch veröffentlicht wurden.

[12] Herbert Molderings: UMBO – der Fotograf als Bohemian und Flaneur, in: Arsprototo. Das Magazin der Kulturstiftung der Länder, Heft 3, 2016, S. 20–32, hier S. 22.

[13] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Naumann (letzter Zugriff 10.1.2022).

[14] Helmut Knocke, Hugo Thielen: Kunst- und Kulturlexikon Hannover, Springe 2007, S. 37: Krenz wurde 1924 künstlerischer Leiter der Kestner-Gesellschaft und arbeitete mit Alexander Dorner als Direktor der Gesellschaft zusammen. Dorner leitete von 1925 bis 1937 das hannoversche Provinzialmuseum.

[15] Nach dem Exil in Amsterdam ab 1954 Professor für Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung Ulm.

[16] Siehe Namensliste zu den überlieferten Negativalben von Will Burgdorf.

[17] Frank-Manuel Peter: Die Zersplitterung eines bedeutenden Fotografen-Nachlasses: https://www.deutsches-tanzarchiv.de/archiv/nachlaesse-sammlungen/b/will-burgdorf (letzter Zugriff 10.1.2022). Das Deutsche Tanzarchiv Köln besitzt den Teil des Nachlasses, der überwiegend TänzerInnen zeigt.

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