Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anne Vitten

„Der Schrecken aller Schülerinnen – Hereroköpfe“

Wissenschaftliche Fotografie im Lette-Verein

 

Erschienen in: Fotogeschichte 162, 2021

 

Vorbemerkung: Die folgenden drei Beiträge bilden ein Ensemble. Hanns Zischler berichtet über die Entdeckung von 1906 in Berlin angefertigten Fotografien afrikanischer Köpfe; Holger Stoecker untersucht den kolonialgeschichtlichen Kontext dieser Aufnahmen; Anne Vitten beschreibt die technische ‚Dienstleistung‘ des Lette-Vereins für Hans Virchow, Professor am Anatomischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. 

 

In einem 1925 erschienenen Aufsatz über „Die Makrophotographie“[1] schreibt Marie Kundt (1870–1932), Direktorin der Photographischen Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins, über Aufnahmetechniken, über zu verwendenden Apparate, den richtigen Lichteinfall und über die Inszenierung verschiedener Objekte. Bis ins kleinste Detail werden die Anforderungen benannt, die für wissenschaftliche Fotografien wichtig sind. Sie richtet ihren explizit technischen Beitrag an ein Fachpublikum. Ein Satz irritiert. Als Kundt sich der Abbildung von Präparaten widmet, die, in Fixationsflüssigkeit aufbewahrt, beim Herausnehmen feuchtglänzende Oberflächen zeigen und damit zu einer fototechnischen Herausforderung werden, heißt es im Ton einer Problemstellung: „Das Präparat sei in diesem Falle ein N*schädel, der gleichfalls lebensgroß abgebildet werden soll.“[2] Es erstaunt, dass das Beispiel nur nebensächlich angemerkt, doch sehr präzise gewählt scheint. Warum schreibt sie nicht einfach „Schädel“? Liest man weiter, wird deutlich, dass Kundt nicht nur auf ein zufällig gewähltes Beispiel, sondern auf Erfahrungsberichte rekurriert: „Selbst vorsichtiges Nachfeuchten der Haut während der Exposition kann kaum Besserung ergeben. Die Veränderung ging bei einer Aufnahme so weit, daß der Gesichtsausdruck dadurch beeinflusst wurde.“[3] Die Selbstverständlichkeit, mit der bei einem abgetrennten Kopf von einem bestimmten Ausdruck gesprochen wird, ist bizarr. Dass Kundt in ihrer Abhandlung genau dieses Beispiel wählt, lässt darauf schließen, dass das Fotografieren von Schädeln afrikanischer Menschen für die Wissenschaft eine Praxis darstellte, die keiner näheren Erläuterung bedurfte bzw. dass Schädel von „weißen Menschen“ ohnehin nicht in Frage kamen?

Marie Kundt, die nach der Ausbildung an der Königlichen Kunstschule Berlin ein Zeichenlehrerinnenexamen ablegte und nach praktischen Erfahrungen noch ein Handarbeitslehrerinnenseminar in Dortmund abschloss, trat als eine der ersten Schülerinnen in die 1890 neu eröffnete Photographische Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins ein. Sie sollte diese bis zu ihrem Tod prägen: So wurde sie 1891 zur I. Assistentin des damaligen Direktors Dankmar Schultz-Hencke (1857–1913) berufen, wurde 1910 dessen Stellvertreterin und übernahm die Direktion nach dessen Tod. Als Gasthörerin belegte sie an der Berliner Universität Kurse in Physik und Photochemie. Immer darauf bedacht, die Anforderungen aus der Industrie und Wirtschaft, aber auch besonders aus dem medizinisch-wissenschaftlichen Bereich zu berücksichtigen, die Lehrpläne der Anstalt darauf auszurichten, um damit die Schülerinnen gut ausgebildet in die Praxis entlassen zu können, wurde auf wissenschaftliche Fotografie ein Hauptfokus gelegt.[4] Von Beginn an wurde die Photographische Lehranstalt, bedingt durch ihre professionelle Ausstattung und ihr gut ausgebildetes Personal, beauftragt, für Institutionen Aufnahmen anzufertigen. So wird im Rechenschaftsbericht 1891 berichtet, dass die „photographische Lehranstalt, gegen fest vereinbartes Honorar, von dem Kunstgewerbe-Museum mit Aufnahmen photographischer Nachbildungen […] betraut wurde“.[5]

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die stark expandierende Lehranstalt umstrukturiert und bestand ab diesem Zeitpunkt aus drei Abteilungen. Marie Kundt leitete ab dem Berichtsjahr 1905 die Abteilung I für allgemeine und wissenschaftliche Fotografie. Besonders von der Einführung der Mikrofotografie in das Curriculum für medizinische Zwecke erhoffte man sich gute Berufschancen für die Absolventinnen. Die Übernahme ehemaliger Schülerinnen in wissenschaftliche Institute und Krankenhäuser bestätigten diesen Weg. 1906 wurde die Anstalt „mehrere Male behufs Übernahme wissenschaftlich photographischer Arbeiten, speziell mikrophotographischer Aufnahmen, in Anspruch genommen, und durfte für ihre Leistungen öffentliches Lob von sachverständiger Seite ernten“.[6] Besonders Anstellungen ehemaliger Schülerinnen bei renommierten Professoren wurden herausgehoben erwähnt, so fand im Berichtsjahr u.a. eine Schülerin Anstellung bei Hans Virchow in der Anatomie.

Dass Hans Virchow, selbst Verfechter des Frauenstudiums, seit Anfang des 20. Jahrhunderts eng mit der Photographischen Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins verbunden war, bestätigt ein Nachruf einer technischen Assistentin in der gleichnamigen Monatsschrift 1940. Er wurde dort als „einer [ihrer] größten Gönner und Förderer [ihres] Berufsstandes“ bezeichnet, der gemeinsam mit Marie Kundt, „vor mehr als 30 Jahren in der Ausbildung der Technischen Assistentin an mediz[inischen] Instituten den Grundstein […] für die makroskopische Photographie“ gelegt hat.[7] Die Autorin beschreibt die Vielseitigkeit Virchows Arbeiten: Ob es sich um Aufnahmen der Wirbelsäule eines lebenden Eisbären im Berliner Zoo, die feinen Füßchen einer Eidechse oder – „der Schrecken aller Schülerinnen – Hereroköpfe“ handelte, Virchows „aufrichtige Freude war der Dank für wohlgelungene Aufnahmen.“[8] Auch wenn die fotografische Aufnahme von „Hereroköpfen“ als „Schrecken“ bezeichnet wurde, so schien dieser Schrecken überwindbar, schließlich wurden diese Aufnahmen in einer Reihe mit anderen genannt. Die Normalität derartiger Aufnahmen für ‚wissenschaftliche Zwecke‘ war offenbar unstrittig und selbstverständlich.

Es spricht alles dafür, dass die von uns untersuchten Fotografien 1906 für Hans Virchow hergestellt wurden. Das geht aus einem Brief des Lette-Vorstandes im November 1906 an den Preußischen Minister für Handel und Gewerbe hervor. Darin erläutern Elisabeth Kaselowsky und Matthilde Stettiner die neuen Lehrgegenstände, die Mikrofotografie sowie die wissenschaftliche Fotografie zu medizinischen Zwecken und die Übernahmemöglichkeiten von Absolventinnen an Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Der Vorstand des Lette-Vereins erbrachte jährlich einen Rechenschaftsbericht an das Ministerium, das die Photographische Lehranstalt von Beginn an finanziell unterstützte. Um die finanzielle Förderung weiterhin zu sichern, wurden einzelne Erfolge besonders betont. Wohl deshalb gehen die Unterzeichnenden in diesem Brief noch auf einen besonders gut gelungenen Auftrag ein: „Unser Streben, den Schülerinnen eine medizinisch-wissenschaftliche Vorbildung zu geben, brachte es mit sich, dass wir den Anregungen wissenschaftlicher Kreise folgten und seitens der Anstalt die Ausführung wissenschaftlicher Arbeiten übernahmen. Dass wir auch hierbei Erfolge zu verzeichnen hatten, bitten wir Ew. [Euer] Excellenz aus den Verhandlungen der Anthropologischen Gesellschaft zu entnehmen, in welchen ausdrücklich auf die Vorzüglichkeit der in unserer Anstalt im Auftrage des Herrn Professor Dr. Hans Virchow hergestellten Aufnahmen von N*köpfen hingewiesen wurde.“[9] Die Zusammenarbeit von Hans Virchow und der Photographischen Lehranstalt wird als eine Art Leistungsnachweis vorgebracht und betont die Selbstverständlichkeit, mit der die Aufnahmen von abgetrennten afrikanischen Köpfen behandelt wurde. Vor diesem Hintergrund erscheint die irritierende Normalität, die aus Marie Kundts technischen Anleitungen 1925 spricht, in einem anderen Licht. Kundt wählte kein beliebiges Beispiel, sondern erinnerte ohne moralische Skrupel noch einmal ausdrücklich an die zwanzig Jahre zurückliegende Praxis, die von ihr, als der ersten Assistentin der Photographischen Lehranstalt, selbst ausgeführt wurden, bevor Aufnahmen abgetrennter afrikanischer Köpfe zu Übungszwecken oder Auftragsarbeiten gang und gäbe geworden waren, folgt man den Ausführungen von Charlotte Winkler in der Technischen Assistentin.

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[1] Marie Kundt: Die Makrophotographie, in: Emil Abderhalden (Hg.): Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Abt. II: Physikalische Methoden, Teil 1, Berlin 1925, S. 541–608.

[2] Ebd., S.570.

[3] Ebd.

[4] Zur Ausbildung siehe: Anne Vitten: Unbequeme Konkurrentinnen? Ausbildung von Frauen an der Photographischen Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins um 1900, in: Katharina Steidl (Hg.): Wozu Gender? Geschlechtertheoretische Ansätze in der Fotografie, in: Fotogeschichte, Heft 155, 2020, S.25–33.

[5]Neunzehnter Rechenschaftsbericht des Lette-Vereins, Berlin 1892, S.7f.

[6]Vierunddreißigster Rechenschaftsbericht des Lette-Vereins, Berlin 1907, S. 18.

[7] Nachruf von Charlotte Winkler auf Geheimrat Prof. Dr. Hans Virchow, in: Technische Assistentin, 7, Mai 1940, S.69 f.

[8] Ebd., S. 70.

[9] Elisabeth Kaselowsky und Matthilde Stettiner (Vorstand des Lette-Vereins) an den Preußischen Minister für Handel und Gewerbe, Clemens von Delbrück, 15.11.1906, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 120 Ministerium für Handel und Gewerbe E VIII Nr. 301 (Akten betreffend den Lette Verein in Berlin vom Juni 1906 bis Dezember 1909).

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