Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Denise Wiedner

Polaroid zwischen Hilfswerkzeug und autonomem künstlerischem Medium

Dissertation an der Universität zu Köln, Kunsthistorisches Institut, Lehrstuhl für Allgemeine Kunstgeschichte - Schwerpunkt 20./21. Jahrhundert, Prof. Dr. Ursula Frohne – Beginn: April 2010 – Art der Finanzierung: Stipendium der te Peerdt Stiftung – Kontaktadresse: denise.wiedner(at)gmx.de

Erschienen in: Fotogeschichte 119, 2011

Im Mittelpunkt der Dissertation steht die seit über 60 Jahren existente Sofortbild-Fotografie, welche in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine künstlerisch vielfältig eingesetzte Bildtechnik ist und von den frühen Anhängern, wie Ansel Adams oder Philippe Halsman bis hin zu Mapplethorpe oder Gerhard Richter ganz unterschiedliche Ausdruckskategorien belegt.

Zwar gibt es sehr viel Literatur über die Polaroid Corporation, die in zahlreichen Marketing-, Management,- Business,- und Werbestudien vorkommt. Ebenso gibt es umfangreiche Abhandlungen über die Firmengeschichte. Erstaunlicherweise aber wurden die Polaroidfotografie, seine Materialität und die damit verbundenen Möglichkeiten und Arbeitsweisen, in seiner Ganzheit bisher kaum erfasst. Die Instantfotografie, mit welcher inhaltlich und konzeptuell auf so differenzierte Weise umgangen wird, liefert eine enorme Bandbreite an Ergebnissen – vom einfachen Schnappschuss über medizinische Dokumentation hin zum Kunstobjekt. Offenkundig ist die Ästhetik des Sofortbildes an dessen Technologie geknüpft.

Unabdingbar erscheint daher im ersten Teil der Arbeit eine Abhandlung über die Entstehung des Polaroids, dessen Geschichte und Funktionalität und die damit einhergehenden technischen Entwicklungen. Damit soll das wissenschaftliche Instrumentarium bzw. Verständnis aufgebaut werden, welches anschließend erlaubt, die Charakteristika des Mediums von den persönlichen Stilistika eines Künstlers unterscheiden zu können. Im zweiten Teil – dem Kernstück – widmet sich die Dissertation den eigentlichen Resultaten, den Polaroids selbst, um die überwiegend europäischen und amerikanischen Vertreter, die sich dem Medium der Sofortbildfotografie verschrieben haben, kategorisch geordnet nach Verfahren und Darstellungsformen aufzuzeigen, sie einander gegenüberzustellen, zu vergleichen und somit den Mediendiskurs zu eröffnen. Die Polaroidfotografie, die so facettenreich ist wie die zeitgenössische Kunst selbst, bedient sich etablierter künstlerischer Techniken, wie der Collage etwa bei David Hockney oder Chuck Close, lässt einfache Sepia-Aufnahmen entstehen, offenbart sich zudem im Panorama, im Triptychon oder einer seriellen Darstellungsform. Auch nutzt die polaroide Fotografie im künstlerischen Duktus altbekannte Strategien wie die Inszenierung, die Dokumentation, die bewusste Kalkulation oder die Verfremdung. Das Polaroid dient als Malgrund, wird zur Vorlage für die großformatigen fotorealistischen Gemälde eines Franz Gertsch, dient als Hilfswerkzeug etwa für Warhols Siebdruckeoder zahlreiche Modefotografien, wird spielerisch zum Medium für optische Täuschungen, wie bei David Levinthal.

Trotz der Tatsache, dass das Polaroid zur Gattung der Fotografie zählt und sich auch durchaus fotografisch gängiger Sujets und Techniken bedient, ist die Entstehung eines Konkurrenzverhältnisses etwa zur digitalen Fotografie aus offenkundigen Gründen ausgeschlossen. Gleichwohl kann aber die Parallele zur analogen Fotografie nicht weggedacht werden, so dass die Fototheorie herangezogen wird, um die zur Untersuchung stehenden Arbeiten zu entziffern. Inwieweit sich Aussagen etwa von Roland Barthes, Susan Sontag und Hubertus von Amelunxen oder der Wahrnehmungstheoretiker, wie Michel Foucault oder Bernd Busch, auf die Sofortbildfotografie übertragen lassen, wird sich zeigen.

In Analogie zu etablierten Gattungen gilt es dem autonomen Status des Polaroids, das kommerziell und artifiziell zugleich ist, einen festen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern. Zielsetzung der Dissertation ist es, das Polaroid als künstlerisches Mittel etablierter ästhetischer Repräsentationsstrategien herauszuarbeiten, zu beweisen, dass es weit mehr verkörpern kann als einen Schnappschuss oder ein Hilfsmittel.

Letzte Ausgaben

 

Hefte ab 150 | Siehe auch: Themen- und Stichwortsuche | Hefte und Einzelbeiträge aus dem Archiv auch als PDF bestellbar.

165

Erinnerung, Erzählung, Erkundung

Fotoalben im 20. und 21. Jahrhundert

Bernd Stiegler, Kathrin Yacavone (Hg.)

Heft 165 | Jg. 42 | Herbst 2022

 
164

Zirkulierende Bilder

Fotografien in Zeitschriften

Joachim Sieber (Hg.)

Heft 164 | Jg. 42 | Sommer 2022

 
163

Black Box Colour

Kommerzielle Farbfotografie vor 1914

Jens Jäger (Hg.)

Heft 163 | Jg. 42 | Frühjahr 2022

 
162

Den Blick erwidern

Fotografie und Kolonialismus

Sophie Junge (Hg.)

Heft 162 | Jg. 41 | Winter 2021

 
161

Norm und Form

Fotoalben im 19. Jahrhundert

Bernd Stiegler, Kathrin Yacavone

Heft 161 | Jg. 41 | Herbst 2021

 
160

Keepsake / Souvenir

Reisen, Wanderungen, Fotografien 1841 bis 1870

Herta Wolf, Clara Bolin (Hg.)

Heft 160 | Jg. 41 | Sommer 2021

 
159

Weiterblättern!

Neue Perspektiven der Fotobuchforschung

Anja Schürmann, Steffen Siegel (Hg.)

Heft 159 | Jg. 41 | Frühjahr 2021

 
158

Die Zukunft der Fotografie

Anton Holzer (Hg.)

Heft 158 | Jg. 40 | Winter 2020 

 
157

Fotogeschichte schreiben. 40 Jahre Zeitschrift Fotogeschichte

Anton Holzer (Hg.)

Heft 157 | Jg. 40 | Herbst 2020 

 
156

Aquatische Bilder. Die Fotografie und das Meer

Franziska Brons (Hg.)

Heft 156 | Jg. 40 | Sommer 2020 

 
155

Wozu Gender? Geschlechtertheoretische Ansätze in der Fotografie

Katharina Steidl (Hg.)

Heft 155 | Jg. 40 | Frühjahr 2020

 
154

Protestfotografie

Susanne Regener, Dorna Safaian, Simon Teune (Hg.

Heft 154 | Jg. 39 | Winter 2019

 
153

Fotografie und Text um 1900

Philipp Ramer, Christine Weder (Hg.)

Heft 153 | Jg. 39 | Herbst 2019

 
152

Fotografie und Design

Linus Rapp,  Steffen Siegel (Hg.)

Heft 152 | Jg. 39 | Sommer 2019

 
151

Nomadic Camera

Fotografie, Exil und Migration

Burcu Dogramaci, Helene Roth (Hg.)

Heft 151 | Jg. 39 | Frühjahr 2019

 
150

Polytechnisches Wissen

Fotografische Handbücher 1939 bis 1918

Herta Wolf (Hg.)

Heft 150 | Jg. 38 | Winter 2018