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Anton Holzer

Magnum: Arbeit am Mythos

Magnum Manifesto, hg. von Clément Chéroux, in Zusammenarbeit mit Clara Bouveresse, München: Schimer/Mosel 2017, aus dem Englischen und Französischen von Saskia Bontjes van Beek, 415 S., 29,5 x 24,4 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, geb. mit Schutzumschlag, 49,80 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 145, 2017

„So legendär die Erfolgsgeschichte von Magnum, so sagenumwoben ist die eigentliche Gründung dieser berühmtesten aller Photoagenturen“, so heißt es im Klappentext zum Band Magnum Manifesto. Diese Publikation tritt selbstbewusst an, um Licht in die wechselvolle und noch immer wenig bekannte Geschichte der Agentur, insbesondere in ihren Anfangsjahren, zu bringen. Der deutschsprachige Band erscheint anlässlich des 70. Geburtstag von Magnum und ist eine Übersetzung der englischen Originalausgabe, die fast zeitgleich in London bei Thames & Hudson erschien. Die Erwartungen sind also hoch. Liefert diese Publikation den angekündigten fundierten Blick hinter die Kulissen der Agentur?

Immer wieder wird der 27. April 1947 gilt als Gründungsdatum der Fotoagentur Magnum genannt. Über dieses erste Treffen ist aber so gut wie nichts bekannt. Wer bei diesem Mittagstisch am Museum of Modern Art in New York stattfand, anwesend war, ist ebenfalls umstritten. Dass eine Flasche Magnum Sekt in der Mitte gestanden habe, gehört ins Reich der Mythen. Gesichert ist lediglich, dass die neue Firma unter dem Namen „Magnum Photos Inc.“ am 22. Mai 1947 in das New Yorker Handelsregister eingetragen wurde. Diesen Eintrag stellt der vorliegende Band als eine Art „Gründungsurkunde“ und in großen Lettern gedruckt an den Beginn. Vor diesem Manifest findet sich – auf lediglich 29 der 415 Seiten des Buches – eine leider sehr allgemein gehaltene Einleitung von Clément Chéroux und eine kurze Überblicksdarstellung von Clara Bouveresse über die Gründung und die Geschichte der Agentur.

Allzu viel Neues kommt in diesen sehr kurz geratenen Ausführungen leider nicht zum Vorschein. In seiner Einleitung kommt Chéroux auf die Schwierigkeiten der Geschichtsschreibung zu sprechen, die gegen die Legendenbildung der Agentur und seiner „stark ausgeprägten Persönlichkeiten“ zu entwickeln sei. „Magnum“, so konstatiert er, „ist ein Mythos für sich“. Anschließend lässt die französische Kunst- und Fotohistorikerin Clara Bouveresse, die vor kurzem eine Dissertation über die Agentur verfasst hat (erstaunlicherweise ist das die erste umfangreiche wissenschaftliche Publikation zum Thema überhaupt: Clara Bouveresse: L’invention d’une académie. Magnum Photos 1947–2015, Université Paris I, Panthéon-Sorbonne 2016), ihre Geschichte Revue passieren. Da die Autorin Zugang zum Magnum Archiv hatte und zahlreiche Quellen im Original gesichtet hat, sind die Erwartungen an diese Studie hoch. Aber wirklich eingelöst werden sie nicht, möglicherweise, weil die Dissertation noch unveröffentlicht ist und die Autorin die wichtigsten Ergebnisse erst in der Buchveröffentlichung preisgeben will. Zwar erwähnt sie eine Reihe interessanter Dokumente, etwa Briefe der Gründungsfiguren, aber ihre Rekonstruktion fügt dem bekannten Wissen wenig Neues hinzu. Nur ansatzweise bürstet sie die Legendenbildung gegen den Strich, etwa wenn sie in einem kurzen Abschnitt auf die häufigen internen Streitereien in der Agentur zu sprechen kommt oder auf die finanzielle Gebahrung von Magnum, die letztlich aber im Dunkeln bleibt.

Völlig unzureichend ist die Darstellung der Gründungsgeschichte im Jahr 1947 selbst. Mit keinem Wort wird die Vorgeschichte der Agentur erwähnt, die in das Berlin der späten 1920er und das Paris der frühen 1930er Jahre führt. Denn im Frühjahr 1947 entstand Magnum nicht, wie der vorliegende Band suggeriert, aus dem Nichts heraus, sondern baute auf langen Erfahrungen im Agenturbereich auf. Zu nennen ist hier beispielsweise die innovative deutsche Fotoagentur Dephot, für die Robert Capa (damals noch unter seinem bürgerliche Namen Ernö Friedmann) als Assistent und zuletzt auch als Fotograf gearbeitet hat oder die Pariser Fotoagentur Alliance Photos, die die aus Deutschland stammende Maria Eisner 1934 gegründet hatte und die u.a. die Fotos von Capa und Chim (David Seymour) aus dem Spanischen Bürgerkrieg vermarktete. Ganz nebenbei: Capa hatte schon lange vor 1947 Pläne, eine eigene Fotoagentur zu gründen.

Frauen spielten, das wird im Band nur in einem Nebensatz erwähnt, bei der Gründung von Magnum eine ganz entscheidende Rolle, etwa die bereits erwähnte Maria Eisner oder Rita Vandivert, die in einem Brief vom 19. Mai 1947 an George Rodger als „Präsidentin“ der neuen Kooperative auftritt. Sie entfachte einen derartigen organisatorischen Elan, dass sie von Rodger einmal als „Wirbelwind“ bezeichnet wurde. Beiden Frauen, Vandivert und Eisner, die die organisatorischen Geschicke der Agentur in den Anfangsjahren wesentlich mitbestimmten, ist in der einleitenden „Hall of Fame“, in der die Gründungsfiguren in Bildern und Dokumenten kurz vorgestellt werden, kein Eintrag gewidmet. Es finden sich hier nur die männlichen fotografierenden Stars: Robert Capa, David Seymour, Henri-Cartier-Bresson, George Rodger, der noch Anfang Juni 1947 in einem Brief aus Zypern erstaunt ist, dass er mit dabei ist. Capa haber zwar einmal kurz mit ihm gesprochen, aber Genaues wisse er noch nicht.

Die Frühgeschichte der Agentur Magnum ist ohne Hinweise auf die Kriegszeit, die Vertreibung zahlreicher europäischer Fotografen, von denen viele jüdischer Herkunft waren, aber auch ohne Hinweise auf das kommerzielle Umfeld, etwa die konkurrierende Agentur Black Star (1936 von deutschen Emigranten in New York gegründet) nicht verständlich. Capa selbst hatte intensiven Kontakt zu Black Star und zur Emigrantenszene in New York. Aber all diese Details suchen wir im vorliegenden Band vergeblich. Wenig erfahren wir auch zu den Prozessen der Elitenbildung und zur Reproduktion männlicher Mythen in einem durch und durch männlich geprägten Verein. Noch heute sind unter den insgesamt 91 Magnum Mitgliedern nur 12 Frauen.

Spannend wäre es auch gewesen, die kommerziellen Strategien der Agentur näher kennen zu lernen, etwa anhand von bisher unbekannten Dokumenten aus der Agentur die Beziehungen zu Life und Look genauer zu beleuchten, Auftraggeber und Kooperationspartner (etwa Unternehmen, für die Magnum tätig war) einzuordnen und die Beziehungen der Agentur zum Filmgeschäft zu skizzieren. All dies wird, wenn überhaupt, nur ganz kursorisch abgehandelt.

Um Magnum und seine Erfolge zu verstehen, wäre es weiters notwendig gewesen, die goldenen Jahre des amerikanischen Fotojournalismus in den 1940er und 50er Jahren genauer zu beleuchten. Auch diese Hinweise fehlen. In den 1940er Jahren schnellten die Auflagen der großen amerikanischen Illustrierten Life und Look in die Höhe. Die Zeitschrift Look etwa konnte ihre Auflage zwischen 1940 und 1946 von 1,3 auf 6,4 Millionen steigern. Der Konkurrent Life, der 1936 vom Verleger Henry Luce gegründet worden war, war mit bescheidenen 380.000 Stück pro Woche gestartet. Nach dem Krieg erschien das Magazin in einer amerikanischen und einer internationalen Ausgabe und erreichte bis 1953 auf eine Auflage von 5 Millionen Exemplaren wöchentlich und über 20 Millionen Lesern weltweit. Das Anzeigengeschäft blühte in diesen Jahren, die Einnahmen der Verlage sprudelten. Magnum segelte jahrelang sehr erfolgreich im Windschatten dieses Booms.

Interessant wäre auch gewesen, die fotojournalistischen Strategien von Magnum genauer zu untersuchen. Die Gründer von Magnum waren nämlich bestrebt, nicht nur Bilder als Waren zu verkaufen, sondern große Bildgeschichten international renommierter Fotografen. In dieser Hinsicht folgten sie den kommerziellen Strategien innovativer deutscher Agenturen aus den 1930er Jahren, etwa Weltrundschau, Dephot oder Mauritius. Diese Reportagen waren nicht nur die Summe von Einzelbildern, sondern sie beinhalteten auch einen an den Agenturnamen geknüpften symbolischen Mehrwert, der sich in den oft enormen Garantiesummen niederschlug. Um diesen symbolischen Mehrwert vermarkten zu können, war eine intensive Markenpflege, also ein kontinuierliches „Branding“, notwendig. Nicht das einzelne, womöglich anonyme Nachrichtenbild stand also im Zentrum der Fotobotschaft von Magnum, sondern das Werk eines außergewöhnlichen Fotografen (oder oft das Gemeinschaftswerk mehrerer Fotografen): die aus mehreren Bildern bestehende Fotoreportage. Diese Akzentverschiebung vom isolierten Einzelbild zur Bild-Serie eines bekannten Fotografen hat Magnum freilich nicht erfunden. Entscheidende Neuerungen, wie etwa die genaue Planung von Reportagen in der Redaktion, die Konstruktion von Fotoessays aus dem Fundus eines Fotografen, die Aufwertung des Fotografennamens gegenüber dem Textautor waren schon im experimentierfreudigen deutschen Fotojournalismus im Berlin der 1920er und frühen 30er Jahre eingeführt worden. Die Rolle der Fotoreportage und ihre Weiterentwicklung im Kontext von Magnum wird ebenfalls im Band nicht beleuchtet.

Ausgespart wird auch die politische Positionierung von Magnum. Spannend wäre es gewesen, die Rolle der Agentur im Kalten Krieg genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Schweizer Fotograf Werner Bischof, einer der ersten, die von der Agentur aktiv zum Beitritt eingeladen wurden, charakterisierte Magnum am 9. September 1948 in einem Brief folgendermaßen: „Die Besten der Welt: Capa, Henri Cartier-Bresson, Chim und Rodger.“ Und er setzte hinzu: „Was mir wichtig erscheint, dass alle zuverlässige und sozialistisch gesinnte Menschen sind. Zwei davon waren im spanischen Bürgerkrieg.“ Diese Hoffnung, auf einen neuen linken und humanistischen Neuanfang verblasste freilich in der Praxis rasch. Obwohl die Magnum-Gründer persönlich keineswegs mit der aggressiv antikommunistischen Politik der amerikanischen Regierung übereinstimmten, mussten (und wollten) sie sich mit den Redaktionen ihrer amerikanischen Großkunden Life und Look arrangieren: Und diese stellten sich in der Regel mehr oder weniger offen hinter diesen Kreuzzug. Die vielbeschworene „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“ der Agentur ist einer der Mythen, der einer genaueren Recherche nicht standhält. Unter dem politischen und ökonomischen Druck war Magnum immer wieder bereit, Kompromisse zu machen, sich anzupassen.

Um die eigentliche Geschichte von Magnum darzustellen, die Zeitspanne von 70 Jahre zwischen 1947 und 2017, vertrauen die Herausgeber im Hauptteil des Buches fast ausschließlich auf die Kraft der Bilder. In drei chronologisch geordneten Abschnitten werden wichtige Fotografen und ihre publizierten und unpublizierten Arbeiten vorgestellt, ohne viel Textkommentar. Hier wird wunderbares Material gezeigt, aber die Einordnung fehlt weitgehend. Spannend wird der Band wieder auf Seite 345, im Anhang: hier werden wichtige ausgewählte Dokumente aus der Geschichte der Agentur, etwa Briefe, Stellungnahmen, Memos usw., abgedruckt. Es ist dies eine wertvolle Materialsammlung, die interessante Einblicke in das Innenleben der Agentur liefert. Hilfreich ist auch die aus publizierten Dokumenten und nicht publizierten Originalquellen zusammengestellte Chronologie, in der alle bisherigen Magnum-Fotografen und ihr Eintritt in die Agentur (oder gelegentlich auch Austritt aus der Agentur) festgehalten sind. Illustriert ist diese Zeitleiste mit Bildern der vielen Treffen, die während der 70-jährigen Geschichte der Agentur stattgefunden haben.

Auf der letzten Seite ihrer Geschichte der Agentur kommt Bouveresse auf die 2007 in New York ins Leben gerufene Magnum Foundation zu sprechen. Diese hüte das Erbe von Magnum „ganz in der Tradition der Agentur“ und setze sich „für eine Renaissance der Dokumentarphotographie ein“. Drei Jahre später, 2010, so erfahren wir, beschloss die Agentur, „sich eine stärkere virtuelle Präsenz zu schaffen“. Was genau das heißt, wird nicht ausgeführt, auch nicht, dass dieser Schritt im Vergleich zu anderen Agenturen sehr später erfolgte. Und sonderbarerweise erfahren wir in diesem ganz der Geschichte von Magnum gewidmeten Band gar nichts vom Schicksal des analogen Magnum-Archivs, das parallel zur verstärkten Verlagerung des Geschäfts ins Internet verkauft wurde. Warum wird dieser wichtige Schritt mit keinem Wort erwähnt?

Die berühmten Magnum Vintage prints, die originalen Fotoabzüge wurden offenbar mehr und mehr zum Klotz am Bein der Agentur, denn ihre Lagerung und Verwaltung war teuer und aufwändig. 2009 verkaufte Magnum daher das umfangreiche analoge Fotoarchiv an MSD Capital, eine private amerikanische Investmentfirma des Computerunternehmers Michael S. Dell. Dieser schenkte die rund 200.000 Fotos umfassende Fotosammlung 2013 dem Harry Ransom Center an der University of Texas in Austin/USA, wo sie nun aufbewahrt und fotohistorisch erforscht wird. Unbestätigten Berichten zufolge soll der Preis der Sammlung über 100 Millionen Dollar betragen haben – eine wichtige Finanzspritze für die zu dieser Zeit kommerziell strauchelnde Agentur.

Fazit: Der Band begnügt sich letztlich – und das ist enttäuschend – mit einer recht unkritischen Fortschreibung des Mythos Magnum. Die Schlusspassagen im Aufsatz von Clara Bouveresse muten an wie die Zeilen einer von Magnum in Auftrag gegeben Festschrift. Da ist die Rede von der „Leidenschaft“, der „großen Freundschaft“ und der „Phantasie“, die mit dem Namen Magnum verbunden ist. Und als ob damit nicht schon genug Pathos aufgetischt wäre, dürfen auch „einige Tropfen Champagner“ nicht fehlen.

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