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Arbeiterkalender 1925, Titelseite nach dem Entwurf von Jolán Szilágyi. Deutsche Nationalbibliothek Leipzig

Wolfgang Hesse

Der Rote Abreißkalender

Geschichts-Bilder als Wandschmuck

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 144, 2017 

Die Kalender zählen die Zeit also nicht wie Uhren. Sie sind Monumente eines Geschichtsbewußtseins.“

(Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 1940)

Die lange ideologisch besetzte und nach dem Untergang der DDR ebenso lange tabuisierte kommunistische Bildpolitik seit der Revolution 1918 als Teil nichtbürgerlicher Alltagsgeschichte erfreut sich seit einigen Jahren vergleichsweise emsiger Beforschung. Befördert wurde dies durch die Öffnung der Moskauer Archive mit ihren Quellen zur Politik der Kommunistischen Internationale in Deutschland, auf dessen revolutionären Umsturz sich die Hoffnungen der Führer der Bolschewiki in erster Linie gerichtet hatten. Aufgrund dieser historischen Konstellation und der Forschungslage dazu kann nun eine bedeutende Lücke in der Kenntnis der Funktionen von Fotografie des beginnenden Medienzeitalters seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zunehmend geschlossen werden. Dies ist in doppelter Hinsicht relevant: Zum einen gerät die Eigentätigkeit bisher vom aktiven Zugang zur Fotografie und zur illustrierten Presse weitgehend ausgeschlossener sozialer Gruppen in den Blick, zum anderen sind nun anders nicht zu erhaltende Einblicke in die Rezeption der bisher schon extensiv und intensiv wahrgenommenen Bildwelten der Presse- wie der Kunstfotografie möglich. Nicht zuletzt von solchen Wechselwirkungen hatte 2013 ein Themenheft der Fotogeschichte zur Arbeiterfotografie einen Eindruck vermitteln können.[1]

Verbindendes Element dieser Praxen ist der Einsatz von Fotografien in Druckwerken aller Art, in Büchern, Broschüren und Illustrierten, auf Plakaten, Werbeschriften oder Handzetteln als Elementen der visuellen Massenkommunikation. Dabei richtete sich außer auf die proletarische Amateurfotografie die Erforschung des Bildgebrauchs kommunistischer Parteien in den letzten Jahren – etwa mit den Publikationen von Ulrich Hägele, Anton Holzer, Sabine Kriebel, Jorge Ribalta oder Andrés Zervigón – vor allem auf die im Vorfeld der KPD wirkmächtige Arbeiter Illustrierte Zeitung mit ihrem innovativen Layout und den Werken John Heartfields bzw. auf die von hiervon angeregten österreichischen oder französischen Fotomontagen.

Bis auf einen verlagsgeschichtlichen Beitrag von Barbara Kontny, einen frühen Aufsatz von Roland Jaeger sowie weitere knappe Erwähnungen blieb bisher jedoch ein monumentales Werk übersehen: der als Abreißkalender konfektionierte Arbeiterkalender, der von 1923 bis 1933 jährlich im deutschen Verlag der Komintern erschienen ist.[2] Dessen insgesamt etwa 3500 Bild- und Textseiten vereinen eine Vielzahl reproduzierter Grafiken, Gemälde, Plastiken, Schaubilder und Fotografien mit immensen Textmengen in den Datumskästen und auf den Rückseiten zu einer Bildgeschichte der Klassenkämpfe insbesondere seit etwa 1830, jedoch auch mit Rückblicken bis in die frühe Neuzeit.

Die Erzählform greift auf die seit den 1870er Jahren auch in den Arbeiterbewegungen gebräuchlichen gebundenen Kalender zurück, die ihrerseits auf älteren volksaufklärerischen Traditionen aufsitzen. Zugleich in starker Konkurrenz zur Kalenderflut der 1920er Jahre stehend, sollten nun Abreißblätter ihren lesenden Betrachtern vielfältiges Anschauungs- und Studienmaterial geben. Hierfür war das Format gewählt worden, um im privaten Raum als Wandschmuck präsent zu sein: Der fast tägliche Wechsel der Blätter brachte immer neue Bilder und Themen, ihre Betrachtung und Lektüre nahm vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch, doch waren sie als Sammlung auch wie ein Buch nutzbar. So konnte der Arbeiterkalender gelebtes Leben mit historischer Zeit und utopischem Denken verbinden – emotionalisierend, aufklärend, unterhaltend: „[H]ier haben wir die Tendenzphotographie in ihrer höchsten Vollkommenheit.“ (Kurt Tucholsky)

Die Kenntnis und Analyse dieser bedeutenden Quelle wird den fotografie- und pressegeschichtlichen Zugang zur Bildkultur der Weimarer Republik wesentlich erweitern. Denn im Arbeiterkalender als Feuilleton sind von Beginn an, und mit der Autorität der Komintern vorgetragen, erstmals wesentliche Elemente jener kulturpolitischen Strategie entwickelt, die später in der Arbeiter Illustrierten Zeitung realisiert werden sollte: satirische Polemik mit politischer Schulung zu verbinden; auf Anschaulichkeit statt auf bloße schriftliche Indoktrination zu setzen; durch Wissensvermittlung agitatorisch und propagandistisch zu wirken; hierbei unter informatorischen Gesichtspunkten Tendenzfotografie und Kunst als gleichwertig zu setzen.

Mit Bild und Text richtete sich der Arbeiterkalender sowohl an die Mitglieder der Partei und deren Nebenorganisationen wie an alle, die aus kommunistischer Sicht Bündnispartner sein konnten und die man außer durch fotografische Zeugnisse aus aller Welt durch die Publikation von Kunstwerken (etwa von Kollwitz, Masereel, Steinlen), mit Karikaturen (etwa von Grosz, Holtz, Heartfield) und einer vielfältigen Textauswahl von Freund und Feind zu erreichen suchte. Damit steht er für die Modernität kommunistischer Medienpolitik. Und so erinnerte sich 40 Jahre später Lily Becher, als Lily Korpus von 1926 bis 1933 Chefredakteurin der AIZ, nicht nur daran, dass sie „am ‚Arbeiterkalender‘ als Mitarbeiterin [ihre] ersten journalistischen Erfahrungen gesammelt“ habe, sondern dass dieser das „erste in Massenauflage verbreitete Dokument unserer revolutionären Pressearbeit Anfang der 20er Jahre“ gewesen sei.

Bei seiner redaktionellen und gestalterischen Entwicklung waren zahlreiche Spezialisten involviert und wurden erhebliche Geldmittel eingesetzt. Initiiert auf Grundlage eines Beschlusses des Sekretariats des Exekutivkomitees der Komintern, wurde der Hamburger Verlag Carl Hoym erworben, konspirativ von dem polyglott gebildeten Berufsrevolutionär Jakov Reich (James Thomas, James Gordon, Arnold Thomas Rubinstein) in Berlin geleitet, von Eduard Fuchs, dem Sammler und Historiker (Walter Benjamin) konzeptionell beraten, mit zahlreichen Motiven aus dessen immenser Grafiksammlung ausgestattet, von der für die Berliner revolutionäre Künstlerszene bedeutenden Exilungarin Jolán Szilagyi gestaltet, aufwendig gedruckt und über die Vertriebswege der KPD mit ihrem System von Kolporteuren, Buchhandlungen und Nebenorganisationen verbreitet, meistens gerichtlich verboten und polizeilich eingezogen – und daher schließlich in nur wenigen Exemplaren erhalten – wird er gegenwärtig erstmals forschend erschlossen.

Diesem Periodikum widmet sich seit zwei Jahren der Autor, dabei auf seiner mehrjährigen Auseinandersetzung mit der Arbeiterfotografie aufbauend.[3] Aufgrund einer günstigen Quellenlage können in diesem Fall über Analysen der Bildformen oder programmatische Verlautbarungen hinaus Dokumente tatsächlichen Gebrauchs exemplarisch erschlossen werden: Verwendung im proletarischen Milieu, die Wahrnehmung in der sozialdemokratischen und liberalen Presse, die Aktivitäten der staatlichen Organe mit Beschlagnahmungen und strafrechtlichen Sanktionen – Elemente einer zunehmend antagonistischen Alltagskultur, die nicht zuletzt in einem Bilderkrieg als Element moderner Medienstrategien im Kampf um die gesellschaftliche Macht ihren Ausdruck fand. Die Arbeiten sind weit fortgeschritten. Sie sollen im Laufe des Jahres 2018 abgeschlossen und in Buchform veröffentlicht werden.

Interessierte können allerdings bereits jetzt schon ihre Blicke auf die digitalisierten Seiten des Arbeiterkalenders werfen. Sie wurden von der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aus eigenem Bestand, sowie aus denen der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig und des Staatsarchivs Chemnitz reproduziert und per OCR-Software für eine gezielte Recherche erschlossen: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/172713/.


[1] Wolfgang Hesse (Hg.): Fotografie im Klassenkampf. Arbeiterfotografie in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Themenheft Fotogeschichte, Heft 127, 2013.

[2] Vgl. Eckhard Siepmann: Montage: John Heartfield. Vom Club Dada zur Arbeiter-Illustrierten Zeitung. Dokumente – Analysen – Berichte, Berlin ³1977, S. 113-120; Barbara Kontny: Der Rote Abreißkalender. Der Arbeiter-Wandkalender für die Jahre 1923 bis 1933, in: Studien zum Buch- und Bibliothekswesen, Bd. 2, Leipzig: VEB Bibliographisches Institut 1982, S. 5-28; Roland Jaeger: „Lesen! Lernen! Kämpfen!“ Arbeiterpresse und Arbeiterbuch, in: Projektgruppe Arbeiterkultur Hamburg (Hg.): Vorwärts – und nicht vergessen. Arbeiterkultur in Hamburg um 1930. Materialien zur Geschichte der Weimarer Republik, Berlin: Frölich & Kaufmann 1982, S. 135-144, insbes. S. 144; Anthony Coles: John Heartfield. Ein politisches Leben, Köln Weimar Wien: Böhlau 2014, insbes. S. 89-93; Roland Jaeger: Wechselnde Bilder. Kalender als Medium der gedruckten Fotografie, in: Manfred Heiting, Roland Jaeger (Hg.): Autopsie. Deutschsprachige Fotobücher 1918 bis 1945, Göttingen: Steidl 2014 (2015), S. 76-99, insbes. S. 86-87.

[3] Vgl. die Bibliografie des DFG-Projekts „Das Auge des Arbeiters“ am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. in Dresden unter www.arbeiterfotografie-sachsen.de/literatur/.

 

 

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