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Atelier Manassé: Aktaufnahme, Wien 1932

Birgit Hammers

Aktfotografie zwischen Ideal und Wirklichkeit

Editorial

Erschienen in Fotogeschichte, Heft 143, 2017

Es gibt kaum ein Motiv, das so häufig abgelichtet und publiziert wird wie der nackte weibliche Körper. Das gilt sowohl für die künstlerische als auch für die kommerzielle Fotografie. Die Grenze zwischen diesen beiden Bereichen verläuft indes fließend, womit bereits die erste Frage im Umgang mit diesem Medium auftaucht: Wie lässt sich der Begriff ‚Aktfotografie’ überhaupt definieren? Landläufig wird die künstlerische und ästhetisch ansprechende Darstellung unbekleideter Personen als Aktfotografie bezeichnet – was auch immer ‚künstlerisch‘ in diesem Zusammenhang bedeuten mag. Die meisten Lexika bieten ähnliche Definitionen. In DuMont’s Lexikon der Fotografie heißt es zum Beispiel: „Aktfotografie: Bereich der Fotografie, der sich mit der ästhetischen Darstellung und Abbildung des nackten (meist weiblichen) Körpers befaßt. Schon in den ersten Tagen der Fotografie wurde der Akt als klassisches Genre aus der Malerei übernommen.“[1]

Diese Sichtweise entspricht der Auffassung von Aktfotografie, wie sie im Umfeld der Kunstakademien Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Als Aktfotografie wurden ausschließlich Aufnahmen bezeichnet, die einem an der antike orientierten Idealbild des Körpers entsprachen und keinesfalls erotisch aufgeladen sein durften. Im Laufe des 20. Jahrhunderts lockerte sich diese Definition zwar zunehmend – vor allem im Zuge der Body Art der 60er und 70er Jahre – doch noch heute steht meistens die klassische ‚schöne’ Aktfotografie im Fokus des Interesses. Im Englischen existiert eine solche Unterscheidung interessanterweise nicht. Dort heißt es schlicht ‚nude photography’, ein Begriff, der wortwörtlich alle Spielarten der ‚Nacktfotografie’ umfasst. Angesichts der Fülle an Motiven und Einsatzmöglichkeiten dieser Aufnahmen erscheint das durchaus sinnvoll. Im Folgenden soll der Begriff Aktfotografie daher in diesem erweiterten Sinn gebraucht werden und meint folglich jegliche Darstellung nackter oder halbnackter Körper in der Fotografie. Bis heute polarisiert die Aktfotografie wie kein anderes fotografisches Genre: Das Verruchte, das Sündige schwingt immer mit. Wo hört ‚Kunst‘ auf und wo fängt Pornografie an? Gibt es überhaupt einen Unterschied oder sind es allein Intention und Kontext, die über die Kategorisierung entscheiden? Stets fungiert der Akt als Medium zwischen Faszination und Abscheu, zwischen dem Idealen und dem Abstoßenden. Auf der einen Seite Hochglanzbilder für die Werbung oder Printmedien, auf der anderen Seite Schmuddelimage und ‚anrüchige‘ Amateuraufnahmen. Abseits der Fülle an Coffee Table Books und Magazinen, die den perfekt inszenierten Körper in Szene sezten, sollen daher in diesem Themenheft die Grenzbereiche der Aktfotografie näher betrachtet werden. Des Weiteren werden die Publikationsorte und die damit verbundenen unterschiedlichen Einsatzgebiete der Aktfotografie bezüglich ihrer Kontextabhängigkeit in den Blick genommen.

Patrick Rössler beschäftigt sich mit den Fotografien nackter Körper in der Illustriertenpresse der 1920er und 30er Jahre. Er analysiert in seinem Beitrag den Gebrauch verschiedener Arten der Darstellung in der Aktfotografie in Bezug auf ihre Publikationsorte und die damit verbundenen, teilweise stark differierenden Intentionen. Zudem beleuchtet er das soziale Umfeld dieser Zeit im Hinblick auf den doch recht freien Umgang mit Nacktheit in der Gesellschaft der Weimarer Republik.

Miriam Halwani stellt den lange vergessenen und erst kürzlich in einer Ausstellung im Museum Ludwig Köln präsentierten Fotografen Karl Schenker vor. In den 1920er Jahren war Schenker äußerst gefragt, er galt als bevorzugter Fotograf der Damen der höheren Gesellschaft, die er nicht nur im Porträt sondern auch im Akt aufnahm. Sein Ziel war die Idealisierung des Modells nach dem damals herrschenden Schönheitsbegriff bis hin zur völligen Verfremdung.

Bei Andreas Gormans, der die seit Beginn des 20. Jahrhunderts bestehende Beziehung zwischen Akt und Auto untersucht, geht es hingegen um eine andere Art des Ideals. Die Bandbreite reicht dabei von Hochglanzkalendern und Werbeanzeigen der Luxusmarken bis hin zu Amateuraufnahmen aus dem Bereich der Tuning- und Bodybuilder-Szene. Am Ende steht die Frage nach der Zukunft dieser „schlüpfrigen Liaison“ und den damit verbundenen Konventionen der Aktfotografie.

Auch Kristina Pia Hofer beschäftigt sich mit einem Phänomen aus dem Bereich der Amateurfotografie. Sie stellt das Österreichische Kontaktmagazin (ÖKM) vor, dessen Kontaktanzeigen in den 1980er Jahren mit privaten Aktaufnahmen der Leser und Leserinnen bebildert werden. Diese Fotografien bewegen sich im interessanten Spannungsfeld zwischen pornografischen Abbildungskonventionen und der Vermittlung von Authentizität und Privatheit. Hofer analysiert sie zudem im Hinblick auf Sujet, Inszenierung und Kontext.

Zum Abschluss widmet sich Birgit Hammers einem weiteren Grenzbereich, nämlich der Abbildung des kranken Körpers in der Aktfotografie. Dieses bislang von der Forschung wenig beachtete Motiv bietet eine erstaunliche Vielfalt an Darstellungsweisen in unterschiedlichen Kontexten; ausgehend von der wissenschaftlichen Nutzung über die Aufdeckung gesellschaftlicher Missstände bis hin zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Verfall des eigenen Körpers


[1] Felix Freier: DuMont’s Lexikon der Fotografie. Technik – Geschichte – Kunst, Köln 1992, S. 13.

 

 

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