Deutsch
English

Yes, keep me informed about new issues! Please send me your newsletter, even though it is in German.

Name:

Email:


Muriel Willi

 Museale Fotosammlungen

 Konstruktionen und Rekonstruktionen

Elizabeth Edwards, Christopher Morton: Photographs, Museums, Collections. Between Art and Information, London und New York: Bloomsbury Academic, 2015, 304 S., 15,7 x 1,9 x 23,5 cm, 52 Abb. in S/W und 20 Abb. in Farbe, broschiert, 29,50 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 140, 2016

Selten werden in einer fotohistorischen Publikation so zahlreiche Grenzen überwunden wie im vorliegenden, aus dem Workshop „Between Art and Information: Collecting Photographs“ (2013 in Leicester GB) entstandenen, Sammelband zu musealen Fotokollektionen. Auch wenn die meisten Beitragenden ihre professionelle Basis in Großbritannien haben, werden Fotosammlungen aus den verschiedensten Weltteilen besprochen. Gleich im ersten Beitrag des Bandes (S. 27) werden die Leser zu mittelamerikanischen Maya-Stätten entführt, von denen der Archäologe Alfred Maudslay Ende des 19. Jahrhunderts eine 800 Bilder umfassende Fotosammlung anlegte. Es folgen Exkurse nach Südafrika, Kuba oder gar Neuseeland von wo Athol McCredie berichtet (S. 195), welchen Bedeutungsänderungen eine Sammlung von Maori-Porträts des Te Papa Tongarewa Museums ausgesetzt war. Bedingt wird diese große geografische Reichweite unter anderem durch die Bandbreite der Disziplinen, in denen die Beitragenden forschen. So beschränkten die Editoren ihre Wahl nicht auf Beiträge aus der Feder von Fotografie- oder Kunsthistorikern, sondern im Band finden sich auch Texte von Anthropologen oder Wissenschaftshistorikern. Zeitlich befassen sich die Autoren mit Fotosammlungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Die Beiträge des Bandes überschreiten nicht nur geografische, disziplinäre und zeitliche Grenzen, sondern auch jene zwischen Theorie und Praxis. Neben Forschenden aus dem akademischen Bereich geben auch Museumskuratoren/innen ihre Erfahrungen, welche sie sich durch die praktische Arbeit mit den Sammlungen angeeignet haben, weiter. Zahlreiche Beiträge stammen zudem von Nachwuchsforschenden, denen hier neben etablierten Wissenschaftlern eine Plattform geboten wird. Dass sich auffällig viele junge Autoren mit dieser Thematik auseinandersetzen, wiederspiegelt auch deren Aktualität. Denn lange Zeit war die wissenschaftliche Aufarbeitung und -Reflexion von historischen Fotosammlungen kein zentrales Thema der Fotografiegeschichte. In den 1970er Jahren erwachte das Interesse an alternativen historischen Narrativen, wodurch die Fotografie als historisch signifikante Praktik in den Fokus rückte. Erst in den 1990er und 2000er Jahren schlug sich dieses gesteigerte Interesse dann aber auch in der Literatur zu institutionalisierten Fotosammlungen nieder. Neben Elizabeth Edwards, der Mitherausgeberin des vorliegenden Bandes, hat sich zuletzt u.a. auch die Leiterin der Fotothek des Kunsthistorischen Institutes in Florenz - Max Planck Institut, Constanza Caraffa, mit der kritischen Aufarbeitung institutionalisierter Fotosammlungen beschäftigt: etwa in Form von Konferenzreihen (Photo Archives ab 2009) und Sammelbänden Photo Archives and the Photographic Memory of Art History (2011) und Photo Archives and the Idea of the Nation (2015). Im November 2015 fand ausserdem an den Universitäten Lausanne und Genf die internationale Konferenz „A l’image du monde. Musées et collections de documentation visuelle et sonore autour de 1900“ statt.

In den vier Sektionen des Bandes, „Becoming Collections“, „Scientific Documents“, „Shaped in History“ und „Cultural Practices“, werden 13 sehr unterschiedliche Sammlungsgeschichten vorgestellt. Die Herausgeber sind sich durchaus der Überschneidungen innerhalb dieser momentanen Forschungshauptinteressen bewusst. Dem Leser wird es so ermöglicht, entlang der Beiträge eine abstrahierbare, chronologische Struktur im Umgang mit Fotosammlungen in Museen herauszuarbeiten. Diese offenbart, dass der ursprünglichen Sammlungsentstehung, oft über mehrere Umwege und mit einem beachtlichen zeitlichen Abstand, deren Wiederzusammenführung und Institutionalisierung folgt. Innerhalb der Institution findet dann die wissenschaftliche Aufarbeitung statt, welche oft das Zugänglichmachen der Fotografien für die Öffentlichkeit zum Ziel hat. Nicht alle Beiträge befassen sich jedoch mit Sammlungen, welche dieser Struktur folgen. Spannende Abweichungen werden etwa von Geoffrey Belknap und Sophie Defrance mit der aus Charles Darwins Korrespondenzen rekonstruierte Sammlung von Fotografien präsentiert (S. 139), welche heute physisch gar nicht besteht. Oder von Kristine Juncker, da die von ihr besprochene Fotosammlung des Kubanischen Museo de la Revolucion (S. 159) erst und einzig zum Zweck einer Ausstellung entstand. Als besonders konstruktiv erweisen sich dann gerade diejenigen Sammlungsgeschichten, bei denen die Form der öffentlichen Zugänglichmachung ausführlich diskutiert wird. Wie etwa Darren Newburys Bemühungen, den fotografischen Nachlass von Bryan Heseltine (S. 65) nicht nur zusammenzuführen sondern auch an seinem Entstehungsort in Südafrika auszustellen. Sowie Gareth Syvret’s (der in den „Notes on Contributors“ leider nicht vorgestellt wird) Hinterfragen der Ausstellungspraxis von „Occupied behind Barbed Wire“ in seinem Beitrag (S. 177) über Fotografien aus Jersey in der Zeit der Deutschen Besatzung.

Neben Ausstellungen und Publikationen erhielten die Museen in den 1990er Jahren mit der Digitalisierung eine zusätzliche Möglichkeit Fotografien der Öffentlichkeit zu präsentieren. In der Einleitung weisen Edwards und Morton sehr wohl auf das steigende Interesse von Museen digitale Artefakte zu bilden sowie die damit einhergehende Gefahr einer Rückstufung der Fotografien auf den Status eines rein visuellen Informationsträgers und der dadurch implizierten Redundanz hin. Eine Problematik, auf die das Kunsthistorische Institut in Florenz - Max Planck Institut mit einer Deklaration zur Bewahrung der analogen Fotoarchive reagierte. In den verschiedenen Publikationsbeiträgen wird diese Thematik jedoch kaum angesprochen. Einzig Damarice Amao (S. 231) und Caroline Edge (S. 247) setzen sich eingehend mit den Vor- und Nachteilen der Digitalisierung von Fotosammlungen auseinander. Amao im Rahmen des Vorbildcharakters vom Digitalisierungsprojekt zu Man Rays Portraits für ihr Projekt zur Aufarbeitung von Eli Lotars Nachlass und Edge behandelt die Vor- und Nachteile der Einbindung einer Internetseite mit digitalisierten Fotos. In den übrigen Beiträgen bleibt die Zukunft der Fotosammlungen in Form von Digitalisaten leider jeweils nicht viel mehr als eine Randnotiz.

Trotzdem zur drängenden Thematik der Digitalisierung von Fotosammlungen eine etwas breitere Bezugnahme wünschenswert gewesen wäre, vermag diese Publikation mittels der Aufarbeitung und Freistellung von noch unbekannten musealen Fotosammlungen deren erste, sehr fundierte, kritische Geschichte zu schreiben. Die Publikation kann somit einerseits einen Beitrag dazu leisten, den institutionalisierten Fotosammlungen auch in der Praxis mehr Aufmerksamkeit zuteil kommen zu lassen. Andererseits trägt sie auch dazu bei, eine eigenständige Methode zu konstruieren, um Fotosammlungsgeschichten nachzuzeichnen, wodurch von der Entlehnung nicht ganz adäquater Methoden wie der „social biography“ abgelassen werden kann. Durch die Erarbeitung einer Geschichte von musealen Fotosammlungen entlang geografisch derart vielfältigen Beiträgen, wurde zudem, ganz im Sinne der „Global Art History“ ein wichtiger Beitrag zur Etablierung der Fotogeschichte als globale Disziplin geleistet.

last issues: