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David Keller, Steffen Siegel

 Psychologie und Fotografie. Editorial

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 140, 2016

Muss nicht ein Interesse für das Verhältnis von Psychologie und Fotografie paradox erscheinen? Denn in welcher Weise sollen sich psychologische Forschungen, die doch ganz einem Wissensfeld des Unsichtbaren verpflichtet scheinen, eines Mediums bedienen, das ganz wesentlich der Sichtbarkeit und der Sichtbarmachung verpflichtet ist? Fotografien sind visuelle und taktile Phänomene – psychische Prozesse und Bewusstseinsvorgänge hingegen nicht. Als Rudolf Arnheim 1925 so emphatisch von der „Seele in der Silberschicht“ schrieb, hatte er jedenfalls gewiss kaum mehr als eine Metapher im Sinn. Dieses Themenheft zu „Psychologie und Fotografie“ soll zeigen, warum es dennoch lohnt, das Verhältnis von psychologischer Forschung und fotografischen Medien genauer in den Blick zu nehmen.

Die Rolle von Fotografien im Kontext der Psychiatrie-Geschichte ist gerade in jüngerer Zeit intensiv erforscht worden.[1] Vor allem aber hat sich die Forschung für die parapsychologische Indienstnahme fotografischer Bilder interessiert.[2] Nicht übersehen werden sollten zudem zahlreichen Schriften, etwa zur Erfahrung des Fotografiert-Werdens im Fotoatelier, die sich in einem allenfalls populärpsychologischen Horizont bewegen.[3] In welcher Weise jedoch sich die modernen psychologischen Wissenschaften auch unter Zuhilfenahme von Fotografien als eine Lebenswissenschaft formierten, ist bislang kaum untersucht worden. Benannt ist mit diesem Zusammenhang von Wissens-, Wissenschafts- und Mediengeschichte ein Forschungsdesiderat, dem die insgesamt fünf Beiträge des Themenheftes im Sinne eines Auftakts begegnen wollen.

Die hier versammelten Fallstudien nehmen bislang kaum oder gar nicht untersuchte Forschungsfelder der psychologischen Wissenschaften in den Blick: das breite Feld psychologischer ›Grundlagenforschung‹ unter Einschluss der Experimentalpsychologie, schließlich gehören hierzu aber auch angewandte Felder wie die psychologische Diagnostik. Die wesentliche Phase eines solchen Interesses, das sich zuletzt zu einer anerkannten Lebenswissenschaft formieren wird, betrifft einen Zeitraum zwischen dem späten 19. und dem mittleren 20. Jahrhundert. Mit den hier versammelten fünf Beiträgen soll der Versuch unternommen werden, für die verschiedenen Abschnitte einer solchen Phase erste Schlaglichter zu setzen.

Gemeinsame Voraussetzung aller Beiträge ist ein übergreifender Fragekatalog: Welche wissensstiftende Funktion besitzen fotografische Praktiken und Techniken für die Vorstellung psychischer Dimensionen und Prozesse des Menschen? Welchen analytischen Mehrwert versprechen fotografische Bilder für Fragen der psychologischen Forschung? Welche medienästhetischen und ikonographischen Traditionen schreiben sich in diesen Bildgebrauch ein? Und schließlich: In welchen intermedialen wie interdisziplinären Zusammenhängen wurden fotografische Bilder für die psychologische Forschung eingesetzt? Neben der Frage nach dem Ort des Fotografischen in der Psychologie der Moderne möchte das Themenheft damit auch an den gerade in jüngerer Zeit intensiv diskutierten Zusammenhang von fotografischen Materialien und Praktiken anknüpfen.

Als Auftakt widmet sich der Beitrag von David Keller und Steffen Siegel der Medialität psychologischer Praktiken und gibt einen einleitenden Überblick über bisherige Forschungsschwerpunkte sowie bestehende Desiderate. Beatriz Pichel nimmt in ihrem Beitrag in der französischen Experimentalpsychologie um 1900 herrschende pathologische Methode in den Blick. Am Beispiel von George Dumas, der mit seinen Experimenten eine physiologisch begründete Psychologie des Lächelns formulieren wollte, untersucht Pichel die Funktion und Bedeutung der dabei zum Einsatz gebrachten fotografischen Praktiken. Pichel plädiert dafür, dass gerade eine Rekonstruktion der Ursprünge, der Verwendungsweisen und der Zirkulation dieser Fotografien näheren Aufschluss über die Geschichte der französischen Psychologie geben kann. Die Fallstudie von Sigrid Leyssen untersucht das von Albert Michotte an der Katholischen Universität Löwen initiierte Forschungsprogramm zur Morphologie von Bewegungen. Dort entwickelte Michotte in den 1920er und 1930er Jahren gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe ein hybrides, zwischen Fotografie und Kinematografie stehendes Verfahren, das die Handbewegungen von Probanden als Lichtlinien auf einem Träger festschrieb. Leyssen arbeitet die materielle Kultur von Michottes Experimentalsystem heraus und beleuchtet, wie gerade die dabei hervorgebrachten postkartengroßen Foto-Objekte (»Kinesigramme«) als visuelle Synthesen verschiedener Daten dienten, die das Subjektive auf objektive und kontrollierte Weise messbar machen sollten. David Kellers Beitrag untersucht die Wissenspraktiken der charakterologischen Diagnostik in Deutschland am Beispiel der psychologischen Eignungsauslese, die durch die Wehrpsychologie in den späten 1920er Jahren entwickelt wurden. Als Teil eines komplexen Medienverbundes integrierten die Protagonisten dieses Forschungs- und Praxisfeldes kinematographische Verfahren in ihre Testsituationen, um das nonverbale Verhalten der Geprüften aufzuzeichnen und für die charakterologische Persönlichkeitsanalyse nutzbar zu machen. Keller arbeitet anhand von drei Forschungspublikationen und deren Bildtafeln heraus, wie der Ausdruck der Persönlichkeit in seinen statischen und dynamischen Komponenten als Wissensobjekt über die kinematographische Methode fixiert und die kinematographischen beziehungsweise fotografischen Bildmedien zugleich als visuelle Evidenz der charakterologischen Episteme in den Dienst genommen werden konnten. Lisa Schreibers Artikel setzt sich mit der fotografischen Aufzeichnung von Emotionen am Beispiel der Forschung der amerikanischen Psychologen Paul Ekman und Wallace V. Friesen auseinander. Besonders bekannt für das Facial Action Coding System (FACS), publizierten beide 1975 den fotografischen Gesichtsatlas Unmasking the Face, dessen Bildgenese und Ästhetik von Schreiber rekonstruiert wird. Schreiber arbeitet heraus, wie die von Ekman und Friesen produzierten Fotografien in der laborgestützten Affektforschung den Status epistemischer, breit zirkulierender Bilder annehmen, die als Substitut des natürlichen Affektausdrucks dienen, ohne dass ihre voraussetzungsreiche Produktionsgeschichte thematisiert würde.

Betrachtet man den Korpus der hier zusammengetragenen Fotografien, so fällt ihre zuweilen mindere Qualität in den Blick – jedenfalls dann, wenn man sie an ästhetischen Standards der Kunstfotografie misst. Dies liegt in der Natur der hier untersuchten Sache begründet. Die Beiträge dieses Themenheftes interessierten sich für bislang nicht publizierte fotografische Materialien aus wissenschaftlichen Labors sowie für Bilder, die im Kontext fachwissenschaftlicher Publikationen erschienen sind. Im Ganzen folgen sie einer instrumentellen Ästhetik, die die epistemische Bedeutung solcher Bilder als zentrale Referenzpunkte der Wissensgenese spiegelt. Sie funktionieren hierbei nie solitär, sondern stellen vielmehr einen wichtigen Bestandteil innerhalb eines komplexen Netzwerks sich gegenseitig stabilisierender Wissens- und Kulturtechniken dar. Das vorliegende Themenheft möchte dafür plädieren, die verschiedenen Dimensionen einer Bildmediengeschichte der psychologischen Wissenschaften zukünftig noch genauer in den Blick zu nehmen.


[1]           Siehe hierfür, einzig stellvertretend, Susanne Regener: Visuelle Gewalt. Menschenbilder aus der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2010.

[2]          Siehe Rolf H. Krauss: Jenseits von Licht und Schatten. Die Rolle der Photographie bei bestimmten paranormalen Phänomenen – ein historischer Abriß, Marburg 1992; Clément Chéroux et al.: Le troisième œil. La photographie et l’occulte, Paris 2004; Martyn Jolly: Faces of the Living Dead. The Belief in Spirit Photography, London 2006; John Harvey: Photography and Spirit, London 2007.

[3]          Siehe zum Beispiel Roland Barthes: La chambre claire. Note sur la photographie, Paris 1980. Steve Edwards: The Machine’s Dialogue, in: Oxford Art Journal, 13. Jg., Heft 1, 1990, S. 63–76; Robert A. Sobieszek: Ghost in the Shell. Photography and the Human Soul, 1850–2000. Essays on Camera Portraiture, Cambridge (Mass.), London 1999.

 

 

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