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Kerstin Meincke

Germaine Krull. Wegbereiterin des modernen Fotojournalismus

Michel Frizot (Hg.): Germaine Krull (1897–1985), Ostfildern: Hatje Cantz, 2015, Ausstellungskatalog Jeu de Paume, Paris (2015) / Martin-Gropius-Bau, Berlin (2015/2016), Texte von Michel Frizot, 264 S., 23 x 28 cm, 270 Abb., broschiert, 39,80 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 139, 2016

„Der Fotograf ist ein Zeuge. – Der Zeuge seiner Zeit. – Der wahre Fotograf ist der Zeuge des Alltags, es ist der Reporter.“[1] Dies konstatierte Germaine Krull im Jahr 1931, nur kurze Zeit nach ihrem durchschlagenden Erfolg als Künstlerin mit der Publikation von Métal 1928. Und doch fällt der Text zugleich in die Hochphase eines von der bisherigen Forschung eher marginal berücksichtigen Betätigungsfeldes der Fotografin: ihrer editorischen Arbeit für Zeitungen und Magazine. Dieser Leerstelle widmet sich nun die Ausstellung „Germaine Krull (1897–1985)“, die nach ihrem Auftakt im Pariser Jeu de Paume im Winter 2015/16 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war.

Das von Michel Frizot kuratierte Projekt ist die vierte nennenswerte monografische Würdigung eines Werks, das zu Lebzeiten Germaine Krulls in größerem Rahmen im Pariser Palais Chaillot (1967) und im Kunstmuseum Bonn (1977) gezeigt worden war. Rund 15 Jahre nach „Germaine Krull. Avantgarde als Abenteuer“ am Museum Folkwang, Essen, einer zweifellos grundlegenden Darstellung von Leben und Werk der Fotografin, für die erstmalig der 1995 in die Fotografische Sammlung gekommene Nachlass berücksichtigt und vorgestellt werden konnte, ist Frizots Fokus wesentlich enger gefasst. Der Kurator nimmt die späten 1920er und frühen 1930er Jahre in den Blick, die er als Germaine Krulls bedeutendste, künstlerisch innovativste – wenn nicht gar einzig relevante – Schaffensperiode gewürdigt wissen möchte, denn „Germaine Krull [stellte] ihre ganze Fantasie lediglich in ihrer kurzen Pariser Zeit unter Beweis“ (S. 9). Daher sei das zentrale Anliegen des Projekts, „die Stellung Germaine Krulls in dem komplexen und bewegten Kontext ihrer Pariser Zeit neu zu bewerten“ (S. 10).

Dabei geht es dem Kurator zunächst „ganz besonders um die Realität ihres Lebens als Fotografin“, um die „Realität ihres täglichen Arbeitens“ (S. 11) – kurzum: um den alltäglichen, von Zwiespalt begleiteten Kampf um neue künstlerische Ausdrucksformen und die gleichzeitige ökonomische Verwertbarkeit dieses Outputs. Den Referenzrahmen dafür bilden einerseits ihre fotografischen Projekte für die zahlreichen bebilderten und vornehmlich künstlerischen, literarischen und experimentellen Printmedien, die im hier betrachteten abgesteckten Zeitrahmen in großer Vielzahl initiiert worden waren – und nicht selten ebenso schnell auch wieder vom Firmament verschwunden sind – andererseits ihre eigenen editorischen Aktivitäten und die Produktion zahlreicher Bildbände wie z. B. La route de Paris à Biarritz und Route de Paris à la Méditerranée (beide Paris, 1931) und Marseille par Germaine Krull (Paris, 1935). Dass die bedeutende Vertreterin des Neuen Sehens damit ganz unabhängig von ihrer Position im Feld der Bildenden Künste als prägende Figur des modernen Fotojournalismus und des modernen Fotobuchs konturiert werden soll,[2] ist zweifelsohne eine spannende und neue Ausgangsüberlegung, die zugleich Germaine Krulls eingangs zitiertem Blick auf Fotografie und Fotografen um das Jahr 1930 entspricht.

Zumindest der zeitlichen Zuspitzung des seitens des Kurators formulierten Interesses trägt der Katalog nur bedingt Rechnung. Zwar zeigt sich im Aufbau – und vor allem in den Kapitelüberschriften, die mit Zitaten der Fotografin oder Zitaten anderer über ihre Fotografien arbeiten, oder aber thematische Schwerpunkte manifestieren, die der Kurator nachvollziehbar erkennt, z.B. „Auto und Straße“ oder „Hände“ – der Versuch einer poetischen Lesart ihrer Biografie, schließlich bleibt die Struktur aber doch chronologisch. Der insgesamt dreizehn Kapitel umfassende Katalog beginnt mit „Zottel“, Germaine Krulls Spitzname aus frühen Münchner Studienzeiten, ist in der Mitte reich angefüllt mit interessanten visuellen Zeugnissen und Dokumenten ihrer Pariser Jahre und endet gleich nach dem Kapitel „Im Krieg“, das sich knapp ihrer Tätigkeit als Militärfotografin der französischen Résistance in den damaligen Kolonialgebieten Französisch-Äquatorialafrikas widmet, mit „In Asien“. Hierhin hatte Germaine Krull nach dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft ihren Lebensmittelpunkt verlegt, zunächst nach Thailand und später nach Indien, wo sie sich in den 1970er Jahren leidenschaftlich für das Schicksal der Exiltibeter eingesetzt hatte. Dass diese beiden Kapitel – gerade im Vergleich mit den äußerst ausführlichen Darstellungen ihrer europäischen Arbeiten – so knapp ausfallen, ist ein wenig bedauerlich. Schließlich spiegeln beide Handlungsfelder, wie sehr Germaine Krulls Leben und Schaffen von politischem Engagement geprägt war, beginnend mit ihrem Einsatz für die Münchner Räterepublik nach dem Ersten Weltkrieg.

Ganz unabhängig davon sind es zweifelsohne spannende und zum Teil rare Zeugnisse, die Frizot zu Tage bringt und in Bezug setzt, um seine These am Material zu belegen. Dazu liefert der Katalog über Texte, die allesamt aus der Feder des Kurators stammen, minutiöse Rekonstruktionen von Kooperationen zwischen der Fotografin und Herausgebern, versucht, die Rollen beider voneinander abzugrenzen und stellt nicht zuletzt Germaine Krulls künstlerische Entwicklung in einen unmittelbaren Zusammenhang mit ihren kommerziellen Auftraggebern. Germaine Krulls Hauptabnehmer dieser Zeitspanne war Lucian Vogels Magazin Vu. Nach Frizot bildete die Vu jedoch nicht allein das relevanteste Publikationsorgan ihrer Arbeiten, sondern fungierte vielmehr als Motor ihrer künstlerischen Entwicklung (S. 11). Die neuen Formen der Publikation, die neuen Zeitungsformate und der neue Umgang mit Bild und Text hätten demnach wesentlichen Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung ihres fotografischen Ausdrucks gehabt.

Besonders erwähnenswert ist, dass der Katalog neben Veröffentlichungen in bereits bekannteren französischen Medien wie der angeführten Vu aber auch in Jazz, L’Art vivant, Marianne, Grand’Route oder Les Annales in diese Diskussion auch weniger bekannte (und zum Teil internationale) Distributionswege von Germaine Krulls Fotografien zu Tage fördert, wie etwa ihre Beiträge in der belgischen Zeitschrift Variétés (1928–1930). Zu den spannendsten dieser Quellen, die das Herzstück der Auswahl bilden, gehört hier die bislang von der Forschung noch weitgehend unberücksichtigte Literatur- und Kunstzeitschrift Le Courrière littéraire (1930), ganz besonders das im zweiten (und letzten) Heft erschienene Portfolio mit Arbeiten Germaine Krulls, das der Herausgeber Eugène Merle im Rückgriff auf ganz unterschiedliche Betätigungsfelder der Fotografin selbst auf künstlerische Weise gestaltet hatte und das im Katalog dankenswerterweise ungekürzt präsentiert wird (S. 210, S. 213-216).

Vor allem dieser große Materialreichtum bietet den Leser_innen die Möglichkeit, einen visuellen Zugang zu Germaine Krull als Wegbereiterin des modernen Fotojournalismus zu bekommen. Auch wenn es sicherlich spannend gewesen wäre, in diese Auseinandersetzung auch die Perspektiven anderer Expert_innen einzubeziehen, leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag für die kunst- und fotohistorische Forschung zu dieser nur schwer kategorisierbaren Künstlerpersönlichkeit.


[1] Germaine Krull: Préface, in: Dies.: Études de nu, Paris: Librairie des Arts Décoratifs, 1931. Übersetzung ins Deutsche durch Florian Ebner, in Duncan Forbes, Florian Ebner (Hg.): Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie, hg. v. Museum Folkwang, Essen, und vom Fotomuseum Winterthur, Göttingen: Steidl 2014, S. 188.

[2] Vgl. Germaine Krull (1897–1985). Un destin de photographe, Imagefilm zur Ausstellung im Jeu de Paume. Einsehbar unter www.jeudepaume.org/index.php (Zugriff: 20.9.2015).

 

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