Deutsch
English

Yes, keep me informed about new issues! Please send me your newsletter, even though it is in German.

Name:

Email:


Camenzind: Besucher an der Weltausstellung der Photographie in Luzern 1952 [© Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv].

Olivier Lugon

Fotografie und Ausstellung in der Schweiz, 1920–1970

Forschungsprojekt, Université de Lausanne, Centre des Sciences historiques de la culture, Projektleiter: Prof. Olivier Lugon, Mitarbeiterinnen: Dr. Claire-Lise Debluë, Anne Develey, Muriel Willi, Beginn: Januar 2015, Finanzierung: SNF, Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Kontakt: olivier.lugon(at)unil.ch

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 137, 2015

Die Geschichte der Fotografie beschränkt sich nicht auf die Geschichte der Bilder und ihrer Produzenten, der Fotografen. Eine Fotografie steht doch selten für sich allein: ihre Wahrnehmung hängt immer von einem bestimmten Präsentationsrahmen und von ihrem Nutzer ab, der genauso wie der Produzent ihre Wirkung und ihren Sinn bestimmt. Dies gilt bekanntlich für die gedruckte Reproduktion in Veröffentlichungen, aber auch für den „direkten“ Zugang zu den Abzügen in Ausstellungen. Die besondere semantische und materielle Formbarkeit der Fotografie – sie kann frei vergrößert, beschnitten, gebogen, aufgehängt, aufgeklebt, projiziert werden – hat dazu geführt, dass sie im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Instrument der Erneuerung der Bildpräsentation geworden ist und eine Vielfalt an Experimenten im Bereich der Ausstellungsgestaltung gefördert hat. Gewisse deutsche, sowjetische oder amerikanische Innovationen von den 1920er bis zu den 1950er Jahren sind schon gut bekannt (sie waren Thema des vorangehenden Forschungsprojekts „Die moderne Ausstellung der Fotografie, 1920–1970“). Ein weiteres Land hat jedoch ebenfalls eine wesentliche Rolle in dieser Geschichte gespielt, obwohl es in der bisherigen Historiografie vernachlässigt wurde: die Schweiz.

Die Idee eines „schweizerischen Ausstellungsstils“ (Peter Meyer, Das Werk, 1935) verbreitete sich ab Ende der 1930er Jahren bis in die Nachkriegszeit parallel zum internationalen Durchbruch des schweizerischen Graphikdesigns. Dieser Stil wurde gleichermaßen von Graphikern, Architekten, Industriellen und Fotografen geprägt, oder gar vom damals neu aufkommenden interdisziplinären Berufszweig der Gestalter, die gleichzeitig als Graphiker, Designer, Fotografen oder Fotomonteure agierten. Wie der swiss style im Graphikdesign war diese Form von Ausstellungsgestaltung durch eine demonstrative Einfachheit und Bescheidenheit der Mittel, durch die Offenlegung der konstruktiven Struktur, sowie durch eine starke Präsenz der Fotografie geprägt. Der Gebrauch der Fotografie erstreckte sich von rein künstlerischen Präsentationen bis hin zu kommerziellen, industriellen, touristischen und politischen Nutzungen. Dabei oszillierte die Fotografie auch zwischen zwei Rollen, die nie komplett getrennt waren: das Bild als eigentliches Objekt der Betrachtung und das Bild als Kommunikationsmittel im Dienste anderer Objekte. Ein gutes Beispiel dieser Porosität liefert die bis heute von der Historiografie wenig betrachtete Weltausstellung der Photographie in Luzern 1952: sie wurde zwar als eine Weltausstellung von der Fotografie konzipiert, konnte aber auch streckenweise als eine Weltausstellung durch die Fotografie fungieren.

Die Geschichte der Fotografie in der Schweiz liefert also ein ideales Untersuchungsobjekt, um einerseits die Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Ausstellungskategorien zu erkunden, die oft zu isoliert betrachtet werden, und andererseits den regen Austausch zwischen Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen und gegensätzlicher Interessen besser zu verstehen. Da in der Schweiz die Akteure noch dazu aus unterschiedlichen kulturellen Regionen stammen, haben sich hier intensive Debatten um das Verständnis von fotografischen Ausstellungen entwickelt. Die Schweiz bietet also ein gutes Terrain, um eine erweiterte Geschichte solcher Ausstellungen zu umreißen, die das ganze Spektrum der Funktionen der Fotografie berücksichtigt und ihre wichtige Rolle als Vermittler zwischen bildender Kunst, Graphikdesign und Architektur unterstreicht.

Diesen Fragen gehen vier Fallstudien nach. In ihrem Dissertationsprojekt „Die Schweiz in den internationalen Ausstellungen: Szenografie und visuelle Dispositive in den 1930er Jahren“ hinterfragt Anne Develey die Idee des „schweizerischen Ausstellungsstils“ durch eine Studie der Teilnahme der Schweiz an den internationalen Ausstellungen vom Ende der 1920er bis zum Anfang der 1940er Jahre. Die Entstehung des besonderen Rufes der Schweiz im Bereich der Ausstellungsgestaltung wird durch die internationale Rezeption ihrer Pavillons erforscht, sowie durch die unterschiedlichen Beiträge der vielen Akteure die in diese szenografischen und architektonischen Projekte involviert waren.

Muriel Willis Dissertationsprojekt ist der Weltausstellung der Photographie 1952 in Luzern und ihrem Kontext gewidmet. Im Fokus des Projekts steht die Aufarbeitung der ästhetischen, politischen und touristischen Aspekte der Ausstellung. Ihre Kontextualisierung erlaubt zudem die nähere Betrachtung weiterer Luzerner Fotografieausstellungen, sowie ihrer Beziehung zu der Fachzeitschrift Camera und dabei des für die Fotoausstellungen des 20. Jahrhunderts wichtigen Austausches zwischen Edition, Grafik, Reproduktion und Ausstellungsgestaltung.

Claire-Lise Debluës Postdoc-Projekt „Vom Museum zur Messe: die Ausstellung der Fotografie in Basel, 1940–1960 – Diskurs, Praxis, Akteure“ konzentriert sich auf die Schweizer Mustermesse. In den 1940er Jahren wurde die Basler Messe zu einem wahren Laboratorium der Ausstellungsgestaltung. Viele Grafiker, oft an der Basler Allgemeinen Gewerbeschule ausgebildet, nahmen an ihrer Gestaltung teil. Sie benutzten die Fotografie als ein wichtiges Mittel der kommerziellen visuellen Kommunikation. Die Forschung untersucht die Zirkulation der Praktiken und der Akteure zwischen unterschiedlichen Ausstellungsformen, von Gewerbemuseum zu Messe und Schaufenster, und erforscht dabei die institutionellen und ästhetischen Grenzen der fotografischen Praxis in einer wichtigen Zeit für die Professionalisierung des Grafiker-Berufes.

Olivier Lugon befasst sich seinerseits mit dem Platz der Diaprojektion in schweizerischen Ausstellungen. Projizierte und rückbeleuchtete Bilder sind zwar sporadisch präsent in Messen und Ausstellungen seit den 1920er Jahren, die Ausstellungsprojektion erlebt aber ihren Durchbruch in den 1960er Jahren, am Beispiel der Expo 64, der Schweizerischen Landesausstellung in Lausanne 1964. Diese neue Form von zeitbedingten fotografischen Spektakeln bringt neue Herausforderungen und Betätigungsfelder für Graphikdesigner und Fotografen mit sich, aber auch eine wachsende Präsenz der audiovisuellen Industrie. Wie es schon bei den grossformatigen Abzügen der 1920er und 1930er Jahre der Fall war, zeigt sich hier, wie sehr die fotografische Ausstellung immer auch Werbung für ihre eigenen Materialen und Kommunikationsmittel ist.

Ein internationales Symposium ist im Rahmen des Forschungsprojektes für 2017 geplant.

last issues: