Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Dagmar B. Hüpgens

Franz Hanfstaengl (1804–1877): Porträtfotograf und Chronist des gesellschaftlichen Fortschritts

Dissertation, Universität zu Köln, Kunsthistorisches Institut, Prof. Dr. Herta Wolf, Abschluss: Juli 2015, Veröffentlichung in Vorbereitung, Kontaktadresse: dagmar.huepgens (at) gmail.com 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 137, 2015

Die Dissertation befasst sich mit dem Werk des Münchner Fotografen Franz Hanfstaengl. Ausgangspunkt für die monografische Aufarbeitung ist der rund 300 Originalabzüge beinhaltende Nachlass Franz Hanfstaengls in der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum. Zusätzlich erforscht die Verfasserin im Rahmen ihrer Dissertation erstmals das mehr als 60 Originalabzüge umfassende Konvolut im George Eastman House in Rochester, New York, identifiziert erstmalig die Personen auf den Porträtaufnahmen und publiziert die Fotografien in einem Bestandskatalog. Die Erforschung dieser Vintage Prints und die Identifizierung der Modelle ist vor allem deshalb von Bedeutung, da von dem Großteil der Aufnahmen keine weiteren Abzüge bekannt sind. Darüber hinaus erschließt die Verfasserin weitere Originale Hanfstaengls in anderen Museen und Sammlungen. Ergänzend dazu werden Schriftquellen aus Hanfstaengls Nachlass im Hinblick auf die Strukturen des Ateliers und die Arbeitsweise des Fotografen analysiert.

Franz Hanfstaengl war einer der bedeutendsten Fotografen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als begehrter Porträtist der gesellschaftlichen Elite fotografierte er in seinem Münchner Atelier in den 1850er und 1860er Jahren berühmte Personen des öffentlichen Lebens, Mitglieder des Adels und des gehobenen Bürgertums, die das geistige und kulturelle Leben der Haupt- und Residenzstadt bestimmten. Zu seinen Kunden zählte er bedeutende Wissenschaftler, wie Justus von Liebig, erfolgreiche Maler, Bildhauer und Architekten, wie Carl Spitzweg, Christian Daniel Rauch und Ludwig Lange, sowie berühmte Musiker und Komponisten, wie Richard Wagner. Auch Schriftsteller, wie Hans Christian Andersen, beehrten den Fotografen in seiner Werkstätte. Hanfstaengls Porträtfotografien zeichnen daher auch ein eindrucksvolles Bild der Münchner Gesellschaft dieser Zeit. Es sind insbesondere die Bauten und Kunstwerke seiner Porträtkunden, so etwa der von Leo von Klenze im Stil des Klassizismus umgestaltete Königsplatz, die bis heute das Stadtbild Münchens prägen. Als Franz Hanfstaengl sein Fotoatelier im Jahr 1852 eröffnete, war er bereits ein erfolgreicher und international angesehener Lithograf für Bildnisse und Kunstreproduktionen, der Mitglieder des deutschen und europäischen Hochadels, wie die britische Königin Victoria und ihren Ehemann Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, zu seinen Porträtkunden zählte. Auf seinen exklusiven Kundenstamm konnte er auch als Fotograf zurückgreifen.

Hanfstaengls Porträtfotografien sind heute, mehr als 150 Jahre nach ihrer Entstehung, noch immer allgegenwärtig. Ob als Originale in Ausstellungen zur historischen Fotografie oder als Reproduktionen zur Illustration von Biografien bedeutender Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, immer wieder trifft man auf Porträtfotografien, die in dem Münchner Fotoatelier entstanden sind. Teilweise handelt es sich dabei um das einzige erhaltene fotografische Porträt oder sogar um das einzige überlieferte Abbild einer Person überhaupt. Nicht zuletzt dieser Omnipräsenz der Bildnisfotografien mag es geschuldet sein, dass Hanfstaengl nicht nur im öffentlichen Bewusstsein, sondern auch in der fotohistorischen Forschung vor allem als Porträtfotograf verankert ist. Die Bildnisse bilden rein quantitativ den Hauptanteil der erhaltenen Originalabzüge. Sein fotografisches Gesamtwerk – so die These der vorliegenden Untersuchung – ist jedoch vielschichtiger, da es zahlreiche Genres der Fotografie des 19. Jahrhunderts widerspiegelt oder teilweise sogar vorwegnimmt. Es besteht aus Architekturaufnahmen von Bauwerken und Plätzen in München, einer Dokumentation der Erbauung des Münchner Glaspalastes mit Innenansichten der dort veranstalteten Allgemeinen Deutschen Industrieausstellung aus dem Jahr 1854, Kostümaufnahmen vom Rubens-Fest von 1857 und seltenen Aktaufnahmen.

Ziel der Dissertation ist es, erstmals Franz Hanfstaengls fotografisches Œuvre in seiner Gesamtheit zu betrachten, im Hinblick auf die Wechselbeziehungen zu seinen Fotografenkollegen zu untersuchen und vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in den fotohistorischen Kontext einzuordnen. Dabei werden auch die Anfänge der Fotografie in München anhand von zeitgenössischen Quellen erforscht. Auf der Grundlage des erstmals erstellten Bestandskatalogs der Originalabzüge im George Eastman House konnten im Rahmen der Dissertation zahlreiche Zuschreibungen geklärt werden.

Dabei motiviert die Vielschichtigkeit seines Gesamtwerkes die Kernthese der Dissertation, dass Franz Hanfstaengl nicht nur als einer der bedeutendsten frühen Porträtfotografen zu betrachten ist, sondern dass ihm auch in seiner Funktion als richtungsweisender Chronist und Dokumentar des gesellschaftlichen und technischen Fortschritts seiner Zeit eine Schlüsselrolle in der Geschichte der Fotografie des 19. Jahrhunderts zukommt.

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