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Robert Polidori: After the flood, Göttingen: Steidl, 2006, Umschlag.

Inga Remmers

Politische Landschaften der Natur

Künstlerische Strategien historischer und zeitgenössischer Umweltfotografie

Dissertation am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Betreuer: Prof. Dr. Michael Diers, Prof. Dr. Hartmut Böhme, Abschluss: voraussichtlich Frühjahr 2015, Kontakt: remmersi(at)cms.hu-berlin.de

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 135, 2015

In der Dissertation wird die Darstellung von Umweltthemen in der Fotografie untersucht. Das Forschungsinteresse richtet sich dabei zum einen auf frühe fotografische Bildbeispiele in Form eines historischen Rückblicks, zum anderen werden künstlerische Strategien und Techniken der Visualisierung von Umweltthemen innerhalb der zeitgenössischen Fotografie untersucht. Die im Titel vorgenommene Beschreibung der Umweltfotografie als „politische Landschaft“ bezieht sich auf die Untersuchung Politische Landschaft. Zur Kunstgeschichte der Natur[1] des Kunsthistorikers Martin Warnke, in der dieser den Begriff für Landschaftsräume einführt, die zu politischen Ausdrucksträgern werden. Der in diesem Zusammenhang angewandte Begriff soll verdeutlichen, dass auch die Umweltfotografie politische Implikationen aufweist, da sie durch die Wahl ihrer Bildmotive in einen gesellschaftspolitischen Diskurs über den Umgang des Menschen mit der Natur eingreift.

Ein Thema innerhalb der betrachteten Umweltfotografie ist die Darstellung von Naturkatastrophen, wie das Auftreten von Wetterextremen, die nach wissenschaftlicher Einschätzung durch den Klimawandel in Häufigkeit und Intensität zunehmen. Der in den USA lebende Fotograf Robert Polidori ( geb. 1951) hat in seinem Fotobuch After the Flood in großformatigen Farbfotografien die Zerstörung der Häuser und der Infrastruktur in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina 2005 und der anschließenden Überflutung festgehalten.[2] Der Begriff der „Naturkatastrophe“ umschreibt ein Naturereignis, das in der menschlichen Wahrnehmung fatale Folgen hat – Naturkatastrophen sind Sozialkatastrophen. Auch Robert Polidori zeigt die sozialen Auswirkungen der Naturkatastrophe. Seine Aufnahmen zeigen zum einen in Außen- und Innenaufnahmen die durch die Flut entstandenen materiellen Schäden, zum anderen präsentieren sie die Wohnhäuser als einen Ort der Erinnerung, der als ein indirektes Porträt der ehemaligen Hausbewohner fungiert. In dieser Art der Repräsentation stehen die Menschen als Opfer der Naturkatastrophe im Blickpunkt der Fotografie.

Die Folgen der Flut werden auch in einer Reihe von Innenaufnahmen festgehalten, etwa im Foto mit dem Titel „5417 Marigny Street“. Links im Vordergrund ist angeschnitten eine Küchenzeile zu sehen, den rechten Vordergrund füllt ein umgefallener Kühlschrank aus. Der Bereich zum Wohnzimmer wird optisch durch eine mit Haken an der Decke angebrachte Stange abgetrennt, an der verschiedene Kochutensilien hängen. Ein Sessel im Wohnzimmer ist umgekippt, neben dem Fernseher liegt Schutt auf dem Boden. Die Schimmelflecken an Decke und Zimmerwand verweisen auf die Überflutung, partiell löst sich die Dämmung von der Decke. Die Fotografie zeigt die Zerstörung durch die Flut, das Buch auf dem Tisch mit dem lesbaren englischen Titel „Concrete“ (Beton) lässt einen Widerspruch zwischen der Baukunst und der zu sehenden Zerstörung menschlicher Artefakte durch Naturkräfte entstehen. Die Innenaufnahme stellt die Individualität der Bewohner heraus, sie vermittelt den Eindruck eines ehemals gemütlichen und behaglichen Raumes, das Stencilmuster auf den Küchenschränken beispielsweise zeugt von einer liebevollen Einrichtung. Auf diese Weise verdeutlicht die Fotografie den persönlichen Verlust der Flutopfer.

Wie Robert Polidori betont, möchte er durch das Fotobuch eine gesellschaftliche Diskussion über Umweltthemen anregen – so sind auch die Aufnahmen zerstörter städtischer Infrastruktur und demolierter Innenräume „politische Landschaften“. Die Darstellung von Naturkatastrophen und andere Aspekte innerhalb der thematischen Bandbreite der Umweltfotografien werden in der Dissertation betrachtet.


[1] Vgl. Martin Warnke: Politische Landschaft. Zur Kunstgeschichte der Natur, München, Wien 1992.

[2] Robert Polidori: After the flood, Göttingen 2006.

 

 

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