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Anton Holzer

Eine Geschichte der „Zigeuner“-Fotografie

Frank Reuter: Der Bann des Fremden. Die fotografische Konstruktion des „Zigeuners“, Göttingen: Wallstein Verlag, 2014, 568 S., 23 x 15,5 cm, zahlreiche Abb. in S/W und Farbe, gebunden mit Schutzumschlag, 64 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte 135, 2015

Um es gleich vorwegzunehmen: Frank Reuter hat eine hervorragende Studie zu Geschichte und Gegenwart der „Zigeuner“-Fotografie geschrieben. Der Autor, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg arbeitet, setzt sich mit seinem voluminösen Band (568 Seiten, 154 Abbildungen)  zum Ziel, einen Überblick über die „fotografische Konstruktion des ‚Zigeuners’“ von den Anfängen bis in die Gegenwart zu geben. Er löst dieses Vorhaben auf exzellente Weise ein. Da es bis heute keine vergleichbare Forschungsarbeit, die die „Zigeuner“-Fotografie materialreich und fundiert in einem längeren historischen Zusammenhang verortet, wird das Buch gewiss bald zum Standardwerk avancieren.

Es gibt keine europäische Minderheit, die derart stark im Fokus der Fotografie stand und steht als die Roma und Sinti. Bereits wenige Jahre nach der öffentlichen Ankündigung des neuen fotografischen Verfahrens im Jahr 1839 entstanden die weltweit ersten „Zigeuner“-Fotografien. Sie wurden zwischen 1854 und 1856 vom österreichischen Militärapotheker und Fotografen Ludwig Angerer in Rumänien aufgenommen.[1] Um die Jahrhundertwende intensivierte sich die Begeisterung für „Zigeuner“-Motive noch einmal und erreichte um 1930 einen Höhepunkt. Seit dem späten 19. Jahrhundert sind die Bilder zum Thema auffallend zweigeteilt: Auf der einen Seite wurden die „Zigeuner“ (ein Terminus, der bis in die 1980er Jahre bedenkenlos verwendet wurde, ohne die pejorativen Zuschreibungen zu problematisieren) in fotografischen Bildern romantisiert, exotisiert, aber auch als außerhalb der bürgerlichen Zivilisation stehend abgewertet. Reuter: „Verlangen und Empörung, Faszination und Verachtung sind eng miteinander verzahnt.“ Auf der anderen Seite gerieten die „Zigeuner“ schon früh – spätestens in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts – in die Mühlen der staatlichen Repression. Die Bilder, die in diesem Kontext entstanden, zeigen die „Zigeuner“ als „gefährliche Elemente“ oder als prototypische Kriminelle. Im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er Jahre schlug diese Repression in systematische Verfolgung und schließlich in den NS-Völkermord um. Die Bildbestände aus diesen Jahren umfassen rassenbiologische und -anthropologische Bildbestände ebenso wie Fotodokumente, die die Verfolgung und Deportation von Sinti und Roma in die NS-Konzentrations- und Vernichtungslager zeigen.

In den ersten Jahrzehnten nach 1945 wurde diese Verfolgungsgeschichte kaum – auch nicht in Bildern – thematisiert, die populäre Ikonografie (etwa in Fotobänden, aber auch in der illustrierten Presse) hielt, so als ob zwischen 1933 und 1945 nichts geschehen sei, weiterhin an der romantisierenden Darstellung der „Zigeuner“ fest. Aber auch die kriminalisierende Typologisierung war in der Öffentlichkeit weiter zu finden. Erst in den 1970er und endgültig in den 1980er Jahren wurde – zumindest in der Bundesrepublik Deutschland – die Sichtweise auf die „Zigeuner“ einer grundlegenden Revision unterzogen. Unter dem Einfluss politischer und sozialer Bürgerrechtsbewegungen wurde ein gesellschaftlicher Dialog mit Sinti und Roma begonnen. Die öffentliche Darstellung diversifizierte sich. Auch in der Fotografie schlug sich dieser emanzipatorische Schritt nieder. Es gab zwar immer noch pauschalisierende Darstellungen, aber sie wurden nun auch ergänzt um Fotoprojekte, die die Minderheit auf Augenhöhe zeigten.

Auch wenn sich die inzwischen 160jährige fotografische Fototradition in den letzten Jahren ausdifferenziert hat, eines bleibt festzuhalten: Fast alle Fotografien, die von Roman und Sinti im öffentlichen Umlauf sind, wurden nicht von Angehörigen der Minderheit aufgenommen, sondern von Außenstehenden. Dabei gäbe es sehr wohl eine bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichende fotografische Tradition innerhalb der Sinti- und Roma-Community, die erst einer genaueren Analyse zu unterziehen wäre. Sie würde vermutlich u.a. eines zeigen: Dass viele Roma und Sinti, die selbst fotografierten oder sich im Atelier ablichten ließen, Anschluss an die Fotokonventionen der Mehrheitsgesellschaft suchten. In einem schmalen Kapitel stellt der Autor zwar einige Bilder aus diesen Beständen vor, analysiert sie aber nicht weiter. Hier könnte die weitere Forschung ansetzen.

Frank Reuters Publikation schlägt also den Bogen von den frühesten „Zigeuner“-Fotos, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, bis in die Gegenwart. Der Autor zeigt sehr anschaulich, auf welche Weise die fotografische Konstruktion der „Zigeuner“ mit der Herausbildung der westlichen bürgerlichen Zivilisation sowie mit der „Ausformung bürgerlicher Selbstbilder und Normen“ (Reuter) verbunden ist. In gewisser Weise, könnte man sagen, ist die Zigeunerfaszination so etwas wie die Negativfolie dieser bürgerlichen Emanzipation. Die „Zigeuner“ sind in dieser Sicht all das, was die Bürger nicht (mehr) sind: etwa vorzivilisatorische Relikte eines naturnahen Volkslebens mit all ihren idealisierten und auch negativen Begleiterscheinungen, aber auch Menschen, die angeblich in scheinbarer Freiheit außerhalb jeglicher Normen leben.

Reuter legt eingangs zu Recht dar, wie wichtig es sei, die Entstehungsbedingungen und auch die Ideologie der Sammelpraktiken in Archiven und Behörden zu reflektieren. Denn „Zigeuner“-Fotografien sind keine neutralen, quasidokumentarischen Quellen, sondern sie sind sehr häufig visuelle Belege für stereotype oder rassistische Vorannahmen. Das gesellschaftliche Machtverhältnis ist diesen Bildern also von vorneherein eingeschrieben, auch wenn, etwa im ethnologischen Kontext, scheinbar wissenschaftlich-sachlich Bildtexte den Anschein einer neutralen Quellengattung vermitteln. Die „Zigeuner“-Bild in Fotografien ist also das Produkt einer komplexen Zuschreibungsmaschinerie. Reuters weist in seinem Buch darauf hin, dass es, um die bildliche Konstruktion der „Zigeuner“ fassbar zu machen, notwendig ist, die Verschränkung unterschiedlicher (pseudo-)wissenschaftlicher (Ethnologie, Kriminologie, Rassenforschung etc.) und populärer Diskursstränge zu untersuchen. Wer die Personen auf den „Zigeuner“-Fotografien sind, wissen wir in den allermeisten Fällen bis heute nicht. Es ist nicht einmal klar, ob es sich bei den Dargestellten historischer Aufnahmen wirklich in allen Fällen um Sinti oder Roma handelte, da gelegentlich auch „Zigeuner“-Szenen mit Statisten im Atelier nachgestellt wurden. Klar ist einzig und allein: die Protagonisten im Bild wurden von Fotografen, Redakteuren u.ä. als „Zigeuner“ bezeichnet.

Während wir über die Abgebildeten in vielen Fällen nichts oder fast nichts wissen, ist die Quellenlage zu den Fotografen deutlich besser. Reuter stellt zwar viele anonyme Bilder vor, immer wieder aber kommt er auch auf Konvolute zu sprechen, deren Fotograf/Fotografin bekannt ist. Es ist etwas schade, dass die Forschungsperspektive des Autors vor allem auf die Bilder und ihre Inszenierungen und kaum auf die Protagonisten hinter der Kamera gerichtet ist. Es wäre spannend gewesen, beispielhaft Fotoserien zu untersuchen und dabei auch die Fotografen, ihre Arbeitsweise und ihre Auftraggeber (über die wir im Buch relativ wenig erfahren) stärker in den Blick zunehmen. Gewiss: das wäre in einigen Fällen mit zusätzlichen Recherchen verbunden gewesen, hätte die Arbeit aber weiter bereichert. In anderen Fällen wurde diese Vorarbeit von Fotohistorikern schon gemacht.

Eines vermittelt die Forschungsarbeit von Frank Reuter, die 2013/2014 als Dissertation an der Universität Oldenburg angenommen wurde, ganz deutlich: die Archiv- und Quellenbestände, die „Zigeuner“-Fotos aufbewahrt haben, sind umfangreich und weit verstreut. Über weite Strecken handelt es sich um noch kaum erschlossene bzw. kaum erforschte Bildbestände. Im Anhang listet der Autor die Bildarchive mit nennenswerten Konvoluten zum Thema in einer für die weitere Forschung sehr hilfreichen Übersicht auf. In Klammern: Der Autor konzentriert sich vor allem auf die deutschen Archive, aber die geografische Reichweite der im deutschen Sprachraum zirkulierenden Bilder, die sehr oft in Ost- und Südosteuropa aufgenommen wurden, ist sehr viel größer. Französische, spanische und englische Fotos fanden hingegen im deutschen Sprachraum weit weniger Verbreitung. Der Autor arbeitet teilweise mit Bildern, die direkt aus den Fotoarchiven kommen. Aber ebenso wichtig ist ihm der mediale Kontext, in dem die „Zigeuner“-Fotos an die Öffentlichkeit kommen. Reuter beschäftigt sind etwa mit der Rolle der Fotopostkarte in der Verbreitung von „Zigeuner“-Bildern. Nach 1900 erlebte dieses Bildmassenmedium teilweise enorm große Auflagen. Er untersucht an einigen (leider nur stichprobenartig erfassten) Illustrierten und Magazinen der Zwischenkriegszeit (und teilweise der Nachkriegszeit), welche „Zigeuner“-Bilder in Reportagen der Zwischenkriegszeit Verbreitung fanden. Schließlich kommt der Autor auch noch auf das wichtige Medium des Fotobuchs zu sprechen, das, etwa nach 1945, „Zigeuner“-Bilder in populären Aufmachungen fürs große Publikum aufbereitet hat. Fotobücher der Zwischenkriegszeit werden dagegen in der Untersuchung weitgehend ausgespart. Auch hier könnte die weitere Forschung ansetzen.

Während der Autor die „Zigeuner“-Fotografie im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert, aber auch die Jahre nach 1945 aufgrund „eines quantitativ kaum überschaubaren Bildkorpus“ zwar ungemein detailreich, aber vor allem kompilativ und beispielhaft behandelt, rückt er im umfangreichsten Kapitel des Buches die Rolle der Fotografie in der NS-Zeit in den Mittelpunkt. Das Thema NS-Zeit wird im Unterschied zu den anderen Kapiteln nicht nur ausschnitthaft, sondern in aller Breite behandelt. Wie wichtig dem Autor dieses Kapitel ist, kann man auch daran ermessen, dass er seinen Querschnitt durch gut eineinhalb Jahrzehnte „Zigeuner“-Fotografie mit der NS-Zeit beginnt. Das ist nicht ganz einleuchtend ist, zumal die Darstellung anschließend in die Mitte des 19. Jahrhundert springt und dann weitgehend chronologischen Entwicklungen folgt. Man kann den Fokus auch an einem anderen Detail erkennen: Das Titelfoto zeigt, scheinbar ganz in der Tradition uralter „Zigeuner“-Darstellungen, einen jungen Mann mit einer Geige (vgl. Abb.). Das Foto fängt aber keineswegs eine Idylle am Land ein, sondern es entstand 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, im Grenzgebiet zwischen Albanien und Montenegro. Der Fotograf, Georg Fruhstorfer, war als deutscher Soldat am Balkan unterwegs. Und auch die rückwärtige Umschlagabbildung verweist auf eine Geschichte der Gewalt: zu sehen ist eine dreiteilige erkennungsdienstliche Aufnahme, die die „Zigeunerin“ Stephanie Holomek als Häftling in Auschwitz zeigt.

Im zentralen Kapitel zur NS-Zeit stellt Reuter eine ganze Reihe von neuen, interessanten Forschungsergebnissen vor. Unter anderem beschäftigt er sich ausführlich mit dem Bilderbe, das die 1936 gegründete „Rassenbiologische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle“ (RHF) zusammentrug, die zuerst in Tübingen, später in Berlin tätig war. In der 30.000 Fotos umfassenden Sammlung, die heute im Bundesarchiv in Koblenz aufbewahrt wird, finden sich zahlreiche Bilddokumente, die die rassistische Erfassung und „Erforschung“ von Roma und Sinti zeigen: Erkennungsdienstliche Aufnahmen, Fotos einzelner Körperteile (Hände, Augen etc.), aber auch Fotos von Deportationen. Das Medium der Fotografie, ebenso wie Blut- oder Haarproben, Handabdrücke oder Vermessungsergebnisse spielten nicht nur eine abstrakte wissenschaftliche Rolle, sondern dienten, so der Autor, auch der Legitimierung der nationalsozialistischen Definitions-, Selektions- und Vernichtungspolitik gegenüber Sinti und Roma. Neben derartigen Großbeständen analysiert der Autor im zentralen Kapitel seines Buches aber auch kleinere hochinteressante Bildfunde, etwa eine Serie von Fotos, die den Alltag und die anschließende Deportation von Sinti-Kindern aus dem katholischen Kinderheim Neustrelitz (Mecklenburgische Seenplatte) zeigen. Die Fotos wurden vom katholischen Kaplan Heinrich Kortmann heimlich zwischen Sommer 1942 und dem 8. März 1943 aufgenommen, jenem Tag, als die Deportation stattfand. Sie zählen zu den wenigen Bilder, die die NS-Verfolgung der Sinti und Roma nicht aus der Perspektive der Täter dokumentieren.

Die Deportation von Roma und Sinti ist – vor allem in ihrer Anfangsphase – vergleichsweise gut dokumentiert, es gibt sogar Farbdias, die den Abtransport von „Zigeunern“ zeigen. Je weiter die Wege der Deportierten in Richtung KZ führen, desto dünner wird freilich die Materiallage. Während die Ghettos und Zwangslager, etwa im besetzten Polen, noch in zahlreichen Fotos dokumentiert sind, gibt es kaum Bilder von „Zigeunern“ in den Konzentrationslagern (einige wenige konnte der Autor aufgrund akribischer Recherchen zu den biografischen Daten und durch Vergleich der Häftlingsnummern identifizieren). Schließlich beschäftigt sich Reuter auch mit der gewaltsamen Auslöschung der „Zigeuner“ im Zuge des deutschen Vernichtungskrieges an der Ost- und Südostfront während des Zweiten Weltkrieges. Insgesamt sind von diesen Aktionen nur sehr wenige Bilddokumente überliefert, der Autor schätzt, dass es an die 50 Fotos der Propagandakompanien (PK) gibt, die „Zigeuner“ zeigen. Eine der Aufnahmen stammt vom österreichischen Fotografen Lothar Rübelt, der im August 1941 eine Verhaftungsaktion von „Zigeunern“ in Serbien fotografierte. Von den Massenexekutionen in der besetzten Sowjetunion gibt es nur vereinzelte Bilder, ein Foto, das eine Hinrichtung auf freiem Feld in der Sowjetunion im Jahr 1942 zeigt, hat der Autor im Archiv von Yad Vashem entdeckt.

Der gewaltsame Einschnitt des Nationalsozialismus hatte enorme menschliche und soziale Folgen für Sinti und Roma. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung schlug sich dieser Zivilisationsbruch weit weniger nieder als man hätte erwarten können. Erstaunlicherweise, das dokumentiert Reuter auf überzeugende Weise, knüpften nach 1945 etwa populäre Bildbände (der Autor stellt u.a. Fotobücher von Anno Willms, Jaroslav Suchy und Walter Starkie vor) an die Stereotypisierungen der Vorkriegszeit an, wenn auch meist einige Sätze zum NS-Völkermord eingeflochten wurden. Eine tiefgreifende Wende brachten erst die Bürgerrechtsbewegungen, die ab den frühen 1980er Jahren ein neues Bild der Sinti und Roma etablierten. Den Auftakt für diesen Paradigmenwechsel waren emanzipatorische Proteste von Sinti und Roma-Organisationen ebenso wie eine geänderte politische Sensibilität in Teilen der Öffentlichkeit. Unter anderem sorgte ein Hungerstreik deutscher Sinti in der Gedenkstätte Dachau zu Ostern 1980 für große internationale Medienaufmerksamkeit. Als ein Jahr später der von Jörg Boström und Uschi Dresing herausgegebene Fotoband Das Buch der Sinti erschien, war nicht nur der jahrzehntelang geläufige Begriff „Zigeuner“ vom Titel verbannt. Im Untertitel nannte sich der Band selbstbewusst-trotzig: „ ... nicht länger stillschweigend das Unrecht hinnehmen!“ Tatsächlich brechen die Fotos des Buches (sie stammen von Jörg Boström, Uschi Dresing, Jürgen Escher und Axel Grünewald) mit der langen Traditionen der „Zigeuner“-Fotografie. Die Bilder entstanden auf Augenhöhe und im Dialog mit deutschen Sinti, die nun (wiewohl immer noch von außen aufgenommen) nicht mehr als stereotype Repräsentanten eines fremden Volkes, sondern als Individuen mit vollen Namen und differenzierten Lebensgeschichtenvorgestellt wurden.

Das Buch von Frank Reuter stellt insgesamt eine beeindruckende Forschungsleistung dar, auch wenn der Wunsch möglichst viele Aspekte des Themas unterzubringen den Autor immer wieder dazu verführt hat, additiv Kapitel an Kapitel zu reihen und dabei der große Bogen der Analyse und Darstellung gelegentlich etwas aus dem Blick gerät. Frank Reuter öffnet – metaphorisch gesprochen - immer neue „Archivschachteln“, die für sich interessant sind, die aber den Blick auf die großen Linien des Ganzen manchmal etwas verstellen. Gewichtiger ist der Einwand, dass Text und Abbildungen auf unzureichende Weise miteinander verzahnt sind. Ein Großteil der Abbildungen trägt im Haupttext des Bandes seltsamerweise nur eine Nummer, aber keine dem Bild beigestellte Bildlegende. Diese findet sich teilweise im Bildnachweis im Anhang, teilweise muss sich der Leser die Informationen mühsam aus dem Fließtext zusammenklauben. Zudem sind einige Abbildungen im Buch etwas gar zu klein geraten sind um Details erkennen zu können. Die Farbabbildungen sind, wohl aus Kostengründen, in den Anhang verbannt. Ein Werk dieses Umfangs, das den Anspruch hat, eine Geschichte der „Zigeuner“-Fotografie von den Anfängen bis heute zu schreiben, ist dazu prädestiniert, ein Referenzwerk für die künftige Forschung zu werden. Der vorbildlich gestaltet Anhang bietet zwar ein umfangreiches und sehr brauchbares Quellen- und Literaturverzeichnis, aber leider kein Register.

Reuter plädiert im Schlussteil seines Bandes dafür „den reduktionistischen Blick auf die Minderheit zu überwinden“. Seine differenzeiert, materialreiche Arbeit ist ein wichtiger Beitrag dazu, ihr ist eine möglichst große Leserschaft zu wünschen.


 

 

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