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Agneta Jilek

Reportagen, Porträts, Landschaften

Ingo Taubhorn, Brigitte Woischnik, Brigitte (Hg.): Ute und Werner Mahler. Werkschau. Hamburg: Kehrer Verlag, 2014 (dt./engl.), 302 S. (plus begleitendes Textheft), 22,5 x 28 cm, 308 Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 58 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 134, 2014

Obwohl die Fotografen Ute und Werner Mahler seit über 40 Jahren zusammen arbeiten, haben sie erst vor wenigen Jahren ihr erstes gemeinsames Fotoprojekt abgeschlossen: die Monalisen der Vorstädte. Es sind Bildnisse junger Frauen, die zwischen 2009 und 2011 in Liverpool, Minsk, Florenz, Reykjavik und Berlin mit der Großformatkamera aufgenommen wurden. Anders als da Vincis Mona Lisa sind die zeitgenössischen Modelle vor dem Hintergrund unbestimmter, peripherer Stadtlandschaften abgebildet, die sich aufgrund ihrer Unschärfe und Gesichtslosigkeit kaum verorten lassen. Da wäre zum Beispiel das Bild einer jungen Frau mit halblangem dunklem Haar und sorgfältig geschnittenem Pony, das in Reykjavik entstanden ist. Im Blick dieser isländischen  Monalisa liegt – ähnlich wie bei da Vincis Vorlage – etwas äußerst Rätselhaftes, das zwischen Selbstbewusstsein und einer melancholischen Empfindsamkeit changiert. Im Hintergrund bilden ödes Brachland und Hochhäuser eine verschwommene Kulisse, der die junge Frau mit ihrer starken Präsenz zu trotzen scheint. Wie diese Serie zeigt, haben Ute und Werner Mahler auch nach dem Ende der DDR, anders als viele ihrer Kolleg/innen an autorenfotografischen Projekten gearbeitet und dadurch ihre Bildsprache konsequent weiterentwickelt. Dass sie sich auf dem freien Markt in der Zeit nach der politischen Wende behaupten konnten, ist wesentlich der Fotoagentur Ostkreuz in Berlin zu verdanken, die sie 1990 gemeinsam mit Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Jens Rötzsch und weiteren Fotograf/innen aus der DDR gründeten. Vor zehn Jahren ist daraus die Berliner Ostkreuzschule für Fotografie hervorgegangen, an der beide Mahlers Fotografie unterrichten.

Die Monalisen der Vorstädte finden sich im Katalogbuch zur „Werkschau“ von Ute und Werner Mahler, die 2014, kuratiert von Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik im Hamburger Haus der Photographie in den Deichtorhallen stattfand. Mit über 200 Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografien repräsentiert die Auswahl im Katalog das umfangreiche Werk, an dem beide Fotografen seit Mitte der siebziger Jahre kontinuierlich arbeiten. Zwar verlaufen die Biografien von Ute und Werner Mahler erstaunlich parallel, doch haben sie jeweils ganz eigenständige Fotoprojekte und unterschiedliche Bildgruppen geschaffen, die nicht selten über mehrere Jahre als autorenfotografische Langzeitstudien angelegt waren. Was Ute und Werner Mahler in ihren unterschiedlichen fotografischen Zugängen verbindet, ist die Konzentration auf das Bild des Menschen, das sich in sozialdokumentarischen Reportagen und Porträts wie Steinkohlewerk Martin Hoop, Berka, Abiturienten, Fans von Werner Mahler (geb. 1950 in Boßdorf/Sachsen-Anhalt) und Zirkus Hein, Zusammenleben, Brüder und Schwestern, Frauengefängnis Hoheneck und Ibrahim Böhme von Ute Mahler (geb. 1949 in Berka/Thüringen) wiederfindet. Erst nach 1989 begann Werner Mahler diese auf das „human interest“ gerichtete Fotografie mit farbigen Landschaftsaufnahmen zu erweitern. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist die Serie Die seltsamen Tage, die Ute und Werner Mahler seit 2010 gemeinsam produzieren. Die verrätselten, poetischen Farbaufnahmen kommen ganz ohne Menschen aus und entstehen in unterschiedlichen deutschen Landschaftsräumen. Dass die Serie ein Ergebnis der Arbeiten ist, die Ute und Werner Mahler bisher geschaffen haben, zeigt deren Anordnung im Fotobuch, als äußere Klammer. Deutlich wird daran auch, dass sich das Werk der Fotografen nicht auf die Zeit in der DDR reduzieren lässt, und dass sie ihre Werkgeschichte seit dem Ende der 2000er Jahre als eine gemeinsame weiterentwickeln.

Doch zurück zu den Anfängen in der DDR: Den Ausgangspunkt dieses doppelten Œuvres bildet ein Fotografiestudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (HGB), das Ute und Werner Mahler in den siebziger Jahre zeitversetzt absolviert haben. Danach waren beide, organisiert im Verband Bildender Künstler der DDR (VBK), als freischaffende Fotografen tätig und arbeiteten sowohl an autorenfotografischen Projekten, als auch im Presseauftrag. In dieser Verschränkung liegt der Schlüssel für das Verständnis der Fotografie der Mahlers, die deutlich von der Reportage geprägt ist. Der Spagat zwischen „frei“ und „im Auftrag“ spiegelt sich in den Fotografien wieder, die beide für das DDR-Modemagazin Sibylle angefertigt haben. Die Redaktion der Zeitschrift öffnete künstlerische Freiräume indem sie Porträtkonzepte abseits der marxistisch-leninistischen Fotografieästhetik zuließ. Ute Mahler interessierte sich dabei weniger für die Mode, als für die Einbindung der Modelle in ihre eigenen Bildkonzeptionen. Dass die Auftragsarbeiten für die Sibylle im Fotobuch als Originalseiten mit dem Textfeld abgebildet sind, ist als eine der großen Stärken dieser Publikation zu werten. Dadurch berücksichtigen die Herausgeber den Verwendungskontext, der gerade für die Fotografie in der DDR außerordentlich wichtig ist. In der aktuellen Ausstellungs- und Publikationspraxis wird dieser bisher stets vernachlässigt, um die Fotografie aus der DDR als Kunst zu nobilitieren. Diese Verortung der beiden Fotografen in deren professionellen Kontexten erfolgt in der Publikation aber nicht konsequent. So bleibt unklar, welche Arbeiten im „gesellschaftlichen Auftrag“ entstanden sind und welche im „Eigenauftrag“, wie autorenfotografische Konzepte in der DDR bezeichnet wurden. Wer waren die Auftraggeber in der BRD? Welche Arbeiten wurden wann und wo publiziert und ausgestellt? Hätten die Herausgeber dies konsequent gekennzeichnet, ließe sich das Spannungsfeld zwischen Auftrags- und Autorenfotografie besser erfassen, in dem sich beide Mahlers bewegen.

Die Arbeiten sind im Fotobuch chronologisch geordnet. Dies ist einerseits eine kluge Strategie, weil dadurch Bezüge, Parallelitäten und Unterschiede im Werk beider Fotografen im direkten Aufeinandertreffen erkennbar werden, andererseits verliert man ob der immensen Fülle den Überblick. Ist dieses Bild von Ute oder von Werner Mahler?, fragt man sich des Öfteren. Diese Orientierungslosigkeit ist zusätzlich dem extrem reduzierten Layout geschuldet, dass in zurückgenommenen Bildtiteln nur auf das Nötigste verweist. Diese Übereinanderlagerung und der Minimalismus sind jedoch auch als gelungener Kunstgriff zu werten, der den Blick ausschließlich auf die Fotografien lenkt und das Werk der Mahlers nicht als ein getrennt zu rezipierendes zeigt, sondern als eng aufeinander bezogen und ohne den jeweils anderen nicht zu denken. Die Gestaltung des Fotobuches mit seinem hellgrauen Leineneinband und der schlichten Typografie wirkt angenehm unprätentiös. Zusätzlich wurden die begleitenden Texte, um den Bildern den kompletten Raum im Katalog zu geben, in einem schmalen Heft ausgelagert. Dies ist praktisch, weil man dadurch beim Lesen freie Hand hat, das Heft ist allerdings so dünn, dass es schnell knickt und knittert.  Dies ist schade, denn die Texte sind durchaus lesenswert und vermögen es, das Werk der Mahlers vor allem aus persönlicher Sicht zu erhellen. Birgit Lahann und Wolfgang Kil, rufen als Freunde und Wegbegleiter im Gespräch mit den Fotografen sehr persönliche Erinnerungen wach. Auch die übrigen Texte basieren vor allem auf Interviews und sind daher dialogisch gestaltet. Eine fotohistorisch differenzierte Auseinandersetzung mit dem Werk der beiden Fotografen fehlt allerdings.

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