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Eine gefallene Sowjetsoldatin inmitten eines zerstörten Sowjettrupps, fotografiert von einem finnischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg (Sammlung Kleemola).

Olli Kleemola

”vertierte Typen und hinterhältige Heckenschützen”

Das Feindbild an der Ostfront anhand von deutschen und finnischen Fotobeständen aus dem Zweiten Weltkrieg

Dissertation, Universität Turku (Finnland), Institut für Zeitgeschichte. Prof. Dr. Timo Soikkanen, Prof. Dr. Kimmo Rentola Beginn: Juni 2011. Finanzierung: Finnish Doctoral Programme of History. Kontaktadresse: owklee(at)utu.fi

Erschienen in: Fotogeschichte 131, 2014

In dem Dissertationsprojekt wird zum ersten Mal das Bild des Feindes an der Ostfront anhand deutscher und finnischer Kriegsfotos aus dem Zweiten Weltkrieg länderübergreifend analysiert. Die zentralen Fragen des Projekts sind: Mit welchen Fotos wurde des Bild „der Feind“ rekonstruiert? Welche Unterschiede lassen sich zwischen den Aufnahmen der Propagandakompanien (PK) und den sogenannten Knipserbildern des jeweiligen Landes finden? Welche Bilder hat die Zensur im jeweiligen Land (nicht) genehmigt? Wie unterscheidet sich das Bild der Kriegsgefangenen in den beiden Länder voneinander? Wie wurden gegnerische Gefallene an der Ostfront fotografisch in Szene gesetzt? Wie wurden Zivilisten in den besetzten Ostgebieten fotografiert?

Als Material werden sowohl offizielle Propagandafotos der finnischen Armee,  die sogenannten TK-Fotos, wie auch offizielle deutsche PK-Fotos herangezogen. Die Propagandafotos waren während des Krieges praktisch das einzige Bildmaterial, das publiziert werden durfte. Die Propagandafotografen unterlagen zudem strengen Richtlinien. Die etwa 160.000 finnischen TK-Fotos haben den Krieg überlebt und sind seit dem 25. April 2013 im Internet abrufbar.[1] Etwa 2.000 dieser Fotos zeigen Gefangene oder die Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete.

 Neben den TK-und PK-Fotos werden auch zwei bis drei der größten illustrierten Zeitschriften des jeweiligen Landes auf die Veröffentlichung von “Feindbilder” hin untersucht. Dies ist insofern wichtig, als weder in Finnland noch in Deutschland die Dokumente der Bildzensur überliefert sind. Die Analyse der Illustrierten bietet somit die einzige Möglichkeit zu recherchieren, welche Fotos die Zensoren während des Krieges genehmigt haben. Indirekt lässt sich daraus schließen, was nicht zugelassen wurde. In Deutschland werden hierfür die Berliner Illustri[e]rte Zeitung, der Illustrierte Beobachter sowie die Zeitschrift Die Wehrmacht untersucht.

Als Vergleichsmaterial werden die inoffiziellen Knipserbilder aus beiden Länder befragt. In Finnland war die Fotografie an der Front offiziell verboten, erfreute sich aber trotzdem großer Beliebtheit unter den Soldaten. In Deutschland dagegen wurden die Soldaten geradezu dazu aufgefordert, zu fotografieren. So entstanden in den beiden Ländern persönliche Fotosammlungen und -alben die auch jene Seite des Krieges zeigen, die von der Propaganda bewusst totgeschwiegen wurde.

Primär- und Sekundärmaterial für die Arbeit findet sich sowohl in deutschen als auch in finnischen Archiven. Ein Forschungsaufenthalt in Deutschland trug dazu bei, den Bildkorpus bedeutend zu ergänzen. Als wichtigste Archive können hier das Bundesarchiv-Bildarchiv in Koblenz mit seinen PK-Fotobestand sowie das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden, das Deutsch-Russische Museum in Berlin und das Hamburger Institut für Sozialforschung mit ihren Knipserfotosammlungen genannt werden.

In methodischer Hinsicht folgt die Arbeit einer angepassten seriell-ikonografischen Analyse. Anhand eines Merkmalrasters werden die Bilder in verschiedene Typen unterteilt. Diese Typen werden dann länderübergreifend miteinander verglichen um die Unterschiede herauszuarbeiten. Danach werden diese anhand von Sekundärquellen gedeutet und erklärt.

Einen interessanten Aspekt stellt das Bild sowjetischer Soldatinnen, der sogenannten “Flintenweiber”, als Gefallene dar. Während die finnischen Soldaten gefallene sowjetische Soldatinnen relativ oft mit entblößtem Brust- oder Schambereich fotografierten, haben die Recherchen in deutschen Archiven keine entsprechenden Fotos zutage gefördert. In deutschen Archiven finden sich jedoch einige Fotos von toten Zivilistinnen, dessen Brust- oder Schambereich entblößt ist. Diese Bilder wiederum scheinen in Finnland komplett zu fehlen.

Das vorliegende Forschungsprojekt gibt Einblicke in die visuellen Propagandastrategien, die während des Krieges in Deutschland und Finnland zur Anwendung kamen. Darüber hinaus bietet es Antworten auf die Frage ob und wie der Propagandakrieg sich in der Welt der Knipserbilder niederschlägt. Gleichzeitig beschäftigt sich das Projekt mit der Frage, welche visuellen Elemente des Feindbilds universal und welche länderspezifisch sind.


[1] Mehr hierzu: nordichistoryblog.hypotheses.org/1585.

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