Deutsch
English

Yes, keep me informed about new issues! Please send me your newsletter, even though it is in German.

Name:

Email:


Christoph Moderegger

Modefotografin, Kriegsberichterstatterin, Fotomodell

Becky E. Conekin: Lee Miller. Fotografin, Muse, Model, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2013. Deutsch von Claudia Kotte und Harriet Fricke. Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel Lee Miller in Fashion bei Thames & Hudson in London, 224 S., 24,5 x 18,5 cm, 41 Abb. in Farbe und 1101 in S/W, gebunden, 38 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 131, 2014

Lee Miller gilt als große Fotografin, als Muse berühmter Männer – insbesondere von Man Ray – und als faszinierendes Fotomodell sowohl für Mode, als auch für Aktdarstellungen. Und doch ist es unberechtigt ihren Namen allein in Zusammenhang mit dem künstlerischen Werk von Man Ray zu bringen. Die Autorin des vorliegenden Bandes, Becky E. Conekin, die zurzeit Professorin für neuere europäische Geschichte an der Yale-Universität ist, ist mit dem Thema Mode und Geschlechterforschung gut vertraut. Sie arbeitet gegenwärtig unter dem Arbeitstitel A History of Fashion Modelling From the Bomb to Bowie an einem Buch über das Modeln. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Modetheorie, die Zeitschrift Vogue, nationale Identität und Geschlechterforschung. Ihr Band über Lee Miller ist die Fortführung einer Arbeit aus dem Jahr 2006, in der sie über die Fotografin und ihre Rolle der Zeitschrift Vogue arbeitete. Inhaltlich folgt Conekin den Forschungen von Carolyn Burke, die eine ausgewiesene Lee Miller Expertin ist und diese sogar persönlich kannte. Eines der Hauptwerke Carolyn Burkes ist eine ausführliche Biografie über Lee Miller: On Both Sides of the Camera (2005).

Lee Millers Vater war ein begeisterter Hobbyfotograf, der seine Tochter häufig ablichtete. Miller gehörte daher schon vor ihrem professionellen Modeln zu den meist fotografierten Mädchen ihrer Generation. Sie wurde im April 1907 in einer amerikanischen Kleinstadt am Oberlauf des Hudson River geboren. 1927 begann ihre Karriere als Fotomodell. Alle modefotografischen Größen ihrer Zeit fotografierten sie, viele im Auftrag des Verlagshauses Condé Nast in New York. Doch ihre ausschließliche Modellaufbahn währte nur kurz. 1929 wurde sie in Paris Assistentin, Muse und Partnerin von Man Ray. Gemeinsam entdeckten sie durch einen Zwischenfall in der Dunkelkammer die Technik der Solarisation wieder und entwickelten diese Technik zu einem besonderen fotografischen Stilmittel. Beide nutzten diese Technik später für ihre jeweiligen künstlerischen und professionellen Arbeiten. In dieser Pariser Zeit wurzelten Millers lebenslange Freundschaften mit Künstlern wie Dali, Cocteau und Picasso, um nur einige zu nennen. Da Miller ein sehr modernes, auch sexuell ungebundenes Leben führte, kam es schon 1932 zur Trennung von Man Ray, von dem sie sich sehr eingeengt fühlte.

Zurück in Amerika, gründete sie 1932 zusammen mit ihrem Bruder Erik ein Fotoatelier, in dem sie ihr ganzes handwerkliches Können zeigte. Technisch sehr versiert, fotografierte sie werbliche und dokumentarische Sachaufnahmen in Schwarzweiß und sogar in Farbe, für Kunden aus der Werbung und dem Verlagswesen. Da sie auch künstlerisch den Geschmack der Zeit traf, wurden ihre Bilder auch auf Ausstellungen gezeigt. Ihr Spezilagebiet war die Porträtfotografie, für die sie sich sehr viel Zeit nahm. Sie fotografierte nur einen Kunden pro Tag. 1934, in der Zeit allgemeinen wirtschaftlichen Abschwunges, als es nur noch wenige technische und gestalterische Herausforderungen für sie gab, schloss sie ihr Atelier, heiratete einen reichen Ägypter, den sie schon früher in Paris kennen gelernt hatte und ging mit diesem nach Kairo. Einige ihrer Fotografien aus dem Jahr in Ägypten gehören zu ihren bekanntesten surrealistischen Arbeiten. Nach etwa einem Jahr gesellschaftlichen Lebens in Ägypten, ging sie wieder auf Europareise und besuchte ihre alten Bekannten in Paris. Von dort ging sie nach London und trotz der in Europa angespannten politischen Lage nicht zurück nach Amerika.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden viele Mitarbeiter der britischen Vogue zum fotografischen Kriegsdienst eingezogen. Auch Miller bot der britischen Vogue ihre Dienste an, um mit ihrer Kamera einen Beitrag gegen die Bedrohung durch den deutschen Bombenkrieg zu leisten. 1939 begann sie für die Zeitschrift zu fotografieren und später auch zu schreiben. In ihre klassischen, zeitgemäßen Modefotografien schmuggelte sie immer wieder surreale Elemente und Elemente der modernen Kunst. In vielen ihrer Modefotos dokumentierte sie das besondere Leben in London unter deutschem Dauerbombardement. Auf ihren Bildern sind Frauen keine „Anziehpuppen“, sondern immer aktiv und auch im Studio nicht nur zwischen Kulissen gestellt, sondern in einem schlüssigen Kontext verortet. In den Modefotografien, die sie während des Krieges und kurz danach für Vogue machte, ist immer mehr zu sehen, als nur eine schöne Frau in besonderer Kleidung. Die Kulissen erinnern an zerbombte Häuser, bei Straßenszenen werden die alltäglichen Herausforderungen deutlich gezeigt und nicht verdeckt. Auf diese Epoche im Leben Millers geht Conekin ausführlich ein und enthüllt manche spannenden Details.

Im Laufe des Krieges wollte Miller näher an die Front heranrücken. So bewarb sie sich, da sie noch immer amerikanische Staatsbürgerin war, bei der Armee als Kriegsberichterstatterin und wurde offiziell weibliches Mitglied der US-Army. Sie wandelte sich von der Modefotografin zur Frontberichterstatterin. Ihre Fotoreportagen, die sie auch selber mit Texten versah, wurden nach dem Passieren der Zensur, in der englischen und amerikanischen Presse veröffentlicht und erzeugten großes Echo.

Im London der Vorkriegszeit hatte Miller ihren zweiten künftigen Ehemann kennengelernt. Es war der englische Surrealist Robert Penrose. ber erst am 3. Mai 1947, also nach dem Krieg, heiratete sie ihn. Beide lebten bis zum Tod Millers 1977 zusammen in England. Die erste Ehe Millers mit dem Ägypter Aziz Eloui Bey wurde erst kurz vor der Geburt ihres Sohnes Antony Penrose, nach dem Krieg 1947 offiziell nach islamischem Brauch geschieden. Ein dritter Mann aus dem Leben Lee Millers war der Fotograf David E. Scherman. Noch während des Krieges zog er bei Lee Miller und Robert Penrose ein. Penrose akzeptierte offenbar diese ménage à trois als Teil der surrealistischen Lebensweise.

Nach dem Krieg arbeitete Miller von 1948 bis 1953 wieder als Modefotografin für die britische Vogue. Sie fotografierte ganz im Stil des mondänen Jetset an verschiedenen Orten der Erde. Und doch schmuggelte sie immer wieder in einige Bilder besondere surreale Elemente: da verschwindet das Modell beinahe unter dem Heck eines Düsenjets oder eine große Agave „explodiert“ über dem sich pflegenden Modell. Trotz ihres Erfolges fand sie nach dem existenziell sehr aufreibenden Leben der Jahre 1934 bis 1947 in der späteren Nachkriegszeit nur wenig Befriedigung in der Modefotografie. Es begann eine Zeit immer wieder kehrender depressiver Schübe, die dazu führten, dass sie die Fotografie fast vollständig aufgab. Nur im familiären Umfeld und für ein eigenes Kochbuch entstanden Fotografien. Diese Bilder zeigen zum Beispiel Picasso, oder ein surrealistisches Dinner für Max Ernst und Marcel Duchamp, bei dem grünes Huhn mit blauen Spaghetti angeboten wurde.

Das hier besprochene Buch kann durchaus als Ergänzung und Vervollständigung der bisher erschienen Miller-Biografien gesehen werden. Neben Burke hat sich v.a. Millers Sohn Antony Penrose und die Publikation ihres fotografischen Werks bemüht. In Zusammenarbeit mit David E. Scherman hat er 2005 Lee Miller’s War veröffentlicht. In diesem Band liegt der Schwerpunkt auf ihren Reportagen und ihre Modefotografie wird nur am Rande erwähnt. Die Texte von Burke widmen sich dagegen in erster Linie der biografischen Seite der Fotografin und beziehen sich auf ihr künstlerisches und porträtfotografisches Wirken. Die Modefotografie wird auch hier nur kurz angesprochen.

Der vorliegende Band ist in seiner Fokussierung auf die Modefotografin Miller gut und solide gemacht. Aber es ist in Sachen Modefotografie erst ein Anfang. Es wäre spannend, die Ausführungen von Becky E. Conekin weiterzuführen und ihre Überlegungen mit einer detaillierten fotohistorischen Analyse zu verbinden.

last issues: