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Anton Holzer

Fotografin im Spanischen Bürgerkrieg

Irme Schaber: Gerda Taro. Fotoreporterin. Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg. Die Biografie, Marburg: Jonas Verlag, 2013, 256 S., 27 x 21 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, geb., 35 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 131, 2014

Als die deutsch-jüdische Fotografin Gerda Taro (1910–1937) am 26. Juli 1937 an der Brunete-Front im Spanischen Bürgerkrieg unter tragischen Umständen ums Leben kam – sie wurde von einem republikanischen Panzer überrollt – wurde sie in Spanien und in v.a. Frankreich, wo sie zuvor gelebt hatte, als Märtyrerin gefeiert. Sie galt als erste Kriegsfotografin, die am Kampfschauplatz getötet wurde. Als sie Tage später in Paris beigesetzt wurde, folgten Zehntausende ihrem Sarg.

Wenige Jahre später war sie vergessen. Es ist das große Verdienst von Irme Schaber, die Lebensgeschichte und das fotografische Werk von Gerda Taro, die eigentlich Gerta Pohorylle hieß, nach Jahrzehnten wieder in die Öffentlichkeit zurückgebracht zu haben. In ihrem 1994 erschienenen Buch Gerta Taro. Fotoreporterin im Spanischen Bürgerkrieg (Jonas Verlag) legte sie erstmals eine gut recherchierte Biografie der Fotografin vor, die auch ins Französische übersetzt wurde. Das Buch ist leider längst vergriffen. Nun liegt mit dem Band Gerda Taro. Fotoreporterin. Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg. Die Biografie (Jonas Verlag) eine deutlich überarbeitete und ergänzte Neuauflage vor, die nicht nur zahlreiche neue Forschungsergebnisse präsentiert, sondern darüber hinaus auch viel neues, erst in den letzten Jahren entdecktes Bildmaterial enthält.

Die Materiallage zu Taro hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Der bei weitem größte Teil ihrer Fotos liegt heute im International Center of Photography (ICP) in New York, das 1974 von Cornell Capa in Erinnerung an seinen Bruder Robert Capa und anderer Reportagefotografen gegründet worden war. Cornell Capa hat das eigenständige fotografische Werk Taros, die an der Seite Robert Capas im Spanischen Bürgerkrieg unterwegs war, zeitlebens nicht wahrhaben wollen und er trägt wohl auch einen Teil der Verantwortung dafür, dass seinerzeit Taro-Fotos unter dem Namen Capa abgelegt wurden. Erst Robert Capas Biograf Richard Whelan, der 1985 eine erste fundierte Lebensgeschichte des Fotografen veröffentlichte und später weitere Studien zu Capa herausbrachte[1], stieß die Tür zur – zunächst zögerlichen – Wiederentdeckung Gerda Taros auf. Er war in Paris bei seinen Recherchen zu Capa auf Fotos von Taro gestoßen, die ihr eigenständiges fotografisches Talent unter Beweis stellten. Erstmals waren diese Bilder in den Archives Nationales 1970 von Carlos Serrano entdeckt worden. Aber es sollte noch mehr als zwei Jahrzehnte dauern, bis das ICP Taro eine eigene Ausstellung widmete. Diese fand 2007 statt und wurde von einem Katalog begleitet, für den auch Schaber einen Text beisteuerte.[2] Erstmals wurden alle damals im ICP aufbewahrten Fotos (insgesamt 84 Vintage Prints) im Werkverzeichnis aufgelistet, nicht aber Bilder, die in französischen Archiven liegen. Aber immerhin: Taro war nun auch einem englischsprachigen Publikum wieder bekannt.

Kurze Zeit nach dem Ende dieser Ausstellung wurde ein sensationeller Fund gemacht, der das fotografische Werk Taros in ein ganz neues Licht stellen sollte. Der sog. „mexikanische“ Koffer, der nach einer langen Odyssee wiederentdeckt wurde und schließlich Ende Januar 2008 an das New Yorker ICP kam, enthielt, neben zahlreichen Negativen der Bürgerkriegsfotografen Robert Capa und Chim (Dawid Szymin, später bekannt geworden als David Seymour) auch rund 800 Negative von Gerda Taro.[3] Mit einem Schlag war damit das fotografische Werk Taros von einem kleinen Überbleibsel zu einer ansehnlichen Sammlung angewachsen. Das Fotomaterial aus dem Koffer trug wesentlich dazu bei, das Bild von Gerda Taro als Fotografin zu vervollständigen, es diente aber auch dazu, manche Thesen (z.B. zur Chronologie der Ereignisse) zu präzisieren bzw. zu revidieren.

Das neue Buch von Irme Schaber beruht auf dem neuesten Stand der Recherchen zu Gerda Taro, die durch den Fotofund im „mexikanischen Koffer“ noch einmal neu in Schwung kamen. Ihr Band ist aber auch eine überaus fundierte Quelle,  um das Werk von Robert Capa zum Spanischen Bürgerkrieg aus einem neuen Blickwinkel zu entdecken.[4] Es gelingt der Autorin, Biografie und fotografisches Werk von Taro (aber auch von Robert Capa) in einen überzeugenden Zusammenhang zu setzen. Auch in einigen Detailergebnissen bietet der Band Überraschendes: so konnten etwa einzelne Bildserien anhand von verwendeten Kameratypen und der winzigen Spuren, die sie in den Negativen hinterließen Taro oder Capa zugeordnet werden. Auch die Mittelformatkamera, die Taro in Spanien verwendete, konnte nun ermittelt werden. Es war nicht, wie bisher geglaubt, eine Rolleiflex, sondern, so weist Thomas Pantke in einem Texteinschub zum Buch nach, eine Reflex-Korelle der Dresdner Firma Kochmann.

Im abschließenden Teil rekonstruiert die Autorin die Rezeptionsgeschichte Taros und ihrer Bilder. In der westlichen Welt geriet die Fotografin, wie erwähnt, bald nach ihrem Tod in Vergessenheit. Capa hingegen, der nach 1945 dem Kommunismus-Vorwurf der McCarthy-Ära mit Not entkam, wurde weltberühmt. 1949 legte der amerikanische FBI unter dem Namen „Gerta Pohorylle“ eine Akte über seine ehemalige Gefährtin an, was jahrelang nicht gerade zu ihrer Wiederentdeckung beitrug. In der Bundesrepublik entsann man sich der Fotografin erst Mitte der 1980er Jahre, als sich das Ende des Kalten Krieges abzeichnete. 1987, anlässlich des 50. Todestages, veröffentlichte die Zeitschrift Arbeiterfotografie eine ausführliche Lebensbeschreibung Taros und einige ihrer Bilder. In der ehemaligen DDR hingegen wurde Taro schon früher ideologisch eingemeindet und in holzschnittartiger Manier einem heldenhaften Antifaschismus zugeschlagen, wobei einige biografische Details, z.B. eine angebliche Moskau-Reise, frei erfunden waren. 1970 wurde in Leipzig eine Straße nach ihr benannt, eine 1973 geplante Fernsehserie nahm die Biografie Taros zum Vorbild, 1988 wurde ein Gerda-Taro-Preis für „hervorragende bildjournalistische Leistungen“ ausgeschrieben.

Der vorliegende Band ist ein wichtiger Beitrag zur Fotogeschichte. Er stellt nicht nur eine große, lange vergessene Fotografin vor, sondern bietet auch viel biografisches Kontextmaterial zu Taro und ihrem Freundeskreis. Das Buch bietet darüber hinaus einen spannenden Einblick in den journalistischen Alltag und die Medienlage im Spanischen Bürgerkrieg. Während der ICP-Katalog aus dem Jahr 2007 die publizistische Verwertung der Pressefotos nur ansatzweise reflektiert und aufgearbeitet hat, hat Schaber große Mühe darauf verwendet, die originalen Veröffentlichungen zu recherchieren. Ihre Ergebnisse reichen also weit über den schmalen Ausstellungskatalog aus dem Jahr 2007 hinaus. Das Buch räumt den zahlreichen Fotografien, Presseauszügen und Dokumenten viel Platz ein und ist ausgezeichnet gedruckt und gestaltet. Man sollte dieser Publikation ein breites Publikum wünschen.


[1] Kurz vor seinem Tod 2007 erschien ein letztes großes Buch über Capa. Richard Whelan: This is War! Robert Capa at Work, New York: International Center of Photography, Göttingen: Steidl, 2007.

[2] Irme Schaber, Richard Whelan, Kristen Lubben (Hg.): Gerda Taro. From the Collection of the International Center of Photography, New York: International Center of Photography, Göttingen: Steidl, 2007 (Rezension in Fotogeschichte, Heft 109, 2008).

[3] The Mexican Suitcase, hg. von Cynthia Young, 2 Bde. im Schuber: Bd. 1: The History. The Rediscovered Spanisch Civil War Negatives of Capa, Chim, and Taro, Bd. 2: The Films: The Rediscovered Spanish Civil War Negatives of Capa, Chim, and Taro, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im International Center of Photography, New York, Göttingen: Steidl, 2010 (Rezension in: Fotogeschichte, Heft 121, 2011).

[4] Einzig die Quellenangabe ist gelegentlich etwas irritierend. Manche Zitate im Text sind nicht nachgewiesen, zumindest nicht an der Stelle, an der sie vorkommen.

 

 

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