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Lucia Halder

Über die Macht der Bilder

Gerhard Paul: BilderMACHT. Studien zur Visual History des 20. und 21. Jahrhunderts, Göttingen: Wallstein, 2013, 22,2 x 14,0 cm, 676 S., 287 überwiegend farbige Abbildungen, geb. mit Schutzumschlag, 39,90 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 130, 2013

Die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts gleichsam als Real-, Bild- und Deutungsgeschichte zu begreifen, ist ein wesentlicher Bestandteil visueller Historiografie. Dass Bilder „eigensinnige Wesen“ (S. 633) seien, die durch ihre Wirkmacht die bisherige Struktur der Machtformen, also die ökonomische und die politische Macht, erweitern und damit eine neue Realität erschaffen, ist die Grundannahme in Gerhard Pauls neuen Werk BilderMACHT. Der Autor geht darin aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive der Frage nach Funktion und Praktiken der visuellen Kultur nach, um die Macht der Bilder im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert entschlüsseln.

Viel hat sich getan, seit Gerhard Paul im Jahr 1990 seine erste bildhistorische Monografie zu Bildwelten des Nationalsozialismus vorlegte.[1] Betonte noch bis vor Kurzem nahezu jede Historikerin und jeder Historiker, die bzw. der sich mit visuellen Quellen befasste, wie wichtig Bilder für die historische Forschung seien, so haben sich die Vorzeichen visueller Geschichtsforschung im deutschsprachigen Raum mittlerweile geändert. Bilder gelten in weiten Teilen der Zunft als anerkannte Quellen.[2] Ein Verdienst, der zu einem großen Teil Gerhard Paul gebührt. Mit dem zweibändigen Sammelwerk Das Jahrhundert der Bilder[3] bescherte Paul der historischen Bildforschung einen Spitzenplatz auf Sachbuch-Bestsellerlisten und trug maßgeblich zur Formierung eines neuen transdisziplinären Forschungsfeldes im deutschsprachigen Raum – der Visual History bei.

Der Flensburger Zeithistoriker hat nun ein neues Buch vorgelegt, mit dem er die spezifische Macht des Visuellen zu ergründen trachtet. Dabei hält er sich weitestgehend an Horst Bredekamps Diktum, dass bestimmte Bilder eine aktivierende eigenständige Kraft besitzen.[4] Es geht Paul also um die unmittelbare Wirkung von Bildern auf den historischen Prozess, um die Historisierung dieses visuellen Musters und um die Erinnerungspraktiken, die mit Bildern verbunden sind. In 17 Einzelaufsätzen analysiert Paul exemplarisch Einzelbilder, Bildcluster oder Filmsequenzen ikonischen Charakters. Die Mehrzahl der Aufsätze waren bereits veröffentlicht und wurden vom Autor nun überarbeitet oder ergänzt. Neu ist die Rahmung der Beiträge durch die Filmanalyse-Methode von Helmut Korte, die auf die unterschiedlichen Realitätsebenen visuellen Materials rekurriert und eine breitere Analyse von Produktions-, Zirkulations- und Rezeptionsbedingungen erlaubt.

Fast 100 Jahre liegen zwischen dem ersten („La fée electricité“) und letztem Bild des Sammelbandes (der „Kapuzenmann“ aus Abu Ghraib): „Ein Jahrhundert, in dem […] die modernen Bildmedien nicht nur zu einem zentralen politischen Machtfaktor avancierten, sondern ebenso zur multifunktional einsetzbaren Waffe“, wie Paul feststellt (S. 8). 

Diesen Prozess möchte der Autor an seinen Bildbeispielen nicht nur sicht- sondern auch begreifbar machen. Während die „Elektrische Fee“ bei Paul als Fortschrittsallegorie für die kulturelle Konsensbildung der Modernisierung steht, beschreibt er anhand der Bilderwelt von Hans Schweitzer (Künstlername „Mjölnir“) die visuelle Kontinuität von Antiparlamentarismus, Antikommunismus und Antisemitismus. Die Katastrophe von Lakehurst steht bei Paul für die Beschleunigung der Nachrichten- und Medientechnik. An drei unterschiedlichen Bildern aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges verdeutlich Paul eindrücklich die Nähe von abgebildeter Gewalt und dem fotografischen Akt als eigenständiger Form der Gewalt. Chronologisch schließt der Autor Bild-Ikonen aus der Zeit des Kalten Krieges an. Die Weitung des Blicks auf Bilder struktureller Gewalt, wie sie etwa der Beitrag über „Stacheldraht & Mauer“ zeigt, lässt Pauls überwiegend auf Ikonisierungspraktiken gestützte Argumentation leicht verschwimmen; sie bleibt dennoch lohnend. An die Betrachtung der visuellen Darstellung der Umbruchsjahre 1989/1990 und der damit einhergehenden Denkmalsturzikonografie schließt Paul seine Analysen mit den Bildern des 11. September 2001 und einer Fotografie aus Abu Ghraib.

„Flanieren“ nennt Gerhard Paul sein Vorgehen und in seinen 17 „Streifzügen“ (S. 10) verwebt er diverse Analysestränge quasi im Vorübergehen. Er beleuchtet Allegorien der Werbung und politischen Propaganda zu Beginn des 20. Jahrhunderts, er entschlüsselt Strukturen massenmedialer Inszenierungen sowie die Kanonisierung von Schlüsselbildern des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit. Er analysiert das Verhalten von Medienikonen und Bildstrategien zur Involvierung des Betrachters. Paul gelingen dabei aufschlussreiche Querverweise zwischen den einzelnen Beiträgen, wenn er etwa die Inkarnation von Elektrizität in Gestalt der „Elektrischen Fee“ in Bezug zu den Körperdarstellungen des NS-Propagandazeichners Hans Schweitzer stellt. Das Mäandern zwischen den Disziplinen – den mittlerweile sprichwörtlichen methodischen Ekklektizismus der Visual History (Karin Hartewig) – beherrscht Gerhard Paul einzigartig. Eine weitere Stärke, die sich durch die gesamten Werke Pauls zieht, ist der weite Bild- und Kulturbegriff des Autors. Der Historiker analysiert Gemälde und Fotografien genauso wie Bühnenbilder, Karikaturen, Comics oder Street art. Zahlreiche Aspekte einer kulturgeschichtlich erweiterten Zeitgeschichte – insbesondere die geschlechtergeschichtliche Betrachtung visueller Konventionen – finden sich in Pauls Analysen wieder.

Doch was ist nun diese Macht der Bilder, die Paul im vorliegenden Band durchweg wie eine Handelsmarke als „BilderMACHT“ in Großbuchstaben beschreibt? Darüber herrsche weitestgehend „babylonisches Stimmengewirr“, bekennt Paul in seinem Resümee (S. 629). Dazu bietet er jedoch eine relativ weitläufig angelegte Erklärung an. Indem er Max Webers Definition von Macht zu Grunde legt, kommt er zu der poststrukturalistisch angehauchten Erkenntnis, dass die Generierung einer neuen Realität durch den Aufstiegsprozess der Bildmedien „und dessen komplexe Folgen für Politik und Kultur“ zur Macht der Bilder beitrage, die Realität gar substituiere. Ebenso bestehe die spezifische Macht darin, Erinnerung zu formen. Paul beschreibt Bilder als „lebende Dinge“ (S. 629), als Bildakte und Möglichkeiten der Immersion, der Teilhabe an fernen Ereignissen, als Gegenstände, die eine Beziehung zum Betrachter stiften und durch ihre Transmedialität und Transmaterialität ikonische Eigenschaften besitzen. Nach Paul überzeuge die „Kraft des Ikonischen“ den Betrachter. Und die Kraft des Ikonischen scheint auch Gerhard Paul überzeugt zu haben. Denn die breite Argumentationsbasis seines Resümees findet sich leider in den Einzelanalysen nur bedingt wieder. Dort beschränkt er sich auf eine meist ähnliche Abfolge der Betrachtung von Entstehungs-, Verbreitungs-, Rezeptions- und Ikonisierungsbedingungen und wird indes nicht müde, Stimmen Dritter zur Bedeutsamkeit der jeweiligen Ikone zu zitieren, als müsse er den Leser noch von der Macht der Bilder überzeugen. Nichtsdestotrotz ist das Buch von Gerhard Paul wieder einmal ein äußerst lesenswertes Panoptikum ikonografischer Praktiken des 20. Und 21. Jahrhunderts.

Dem Autor ist es gelungen, eine beeindruckende Fülle von meist farbigen Abbildungen darzubieten und überzeugend zu strukturieren; ein jeweils ganzseitiger Abdruck wird dem im Folgenden analysierten Bild vorangestellt. Es folgt jeweils ein zirka einseitiges Abstract des Kapitels, bevor der Autor mit seiner detailreichen Analyse beginnt. Die ikonografischen Bildreihungen sind ebenso nachvollziehbar wie die Auswahl der Abbildungen. Paul reagiert damit äußerst geschickt auf das Problem der Rechteerwerbung, mit dem Bildhistoriker bei Ihren Publikationen stets zu kämpfen haben. Dabei bedient er sich der eleganten Argumentationsfigur, dass es sich bei den gezeigten Bildern mitnichten um Illustrationen, sondern um Zitate und Belege handle und verweist in zahlreichen Fußnoten auf weitere Abbildungen im Internet (S. 12). Die Kontextualisierungspraxis lässt für ein Buch, das sich mit visueller Quellenkritik befasst, jedoch ein wenig zu wünschen übrig. Fehlende Angaben zu Originalgrößen und Provenienz werden dem Anspruch Gerhard Pauls an „Bildkritik als Aufklärung“ (S. 653) nicht gerecht. Die Lektüre von Pauls Werk macht ebenfalls deutlich, dass die Rezeptionsforschung noch immer einen blinden Fleck auf der Forschungslandkarte der Visual History darstellt.

Doch das Werk Gerhard Pauls bietet auch einen vortrefflichen Anlass über den Status Quo der Visual History zu räsonnieren. Ist die Frage nach Funktion und Form des Bildgedächtnisses nach wie vor zentral? Wie können sich Bildhistorikerinnen und -historiker Bildwelten jenseits westlicher Ikonografie nähern? Stehen Bilder von Kriegen und Krisen nach wie vor im Zentrum des Forschungsinteressen und welche methodischen Ansätze gibt es bereits zur Erforschung digitaler Bildpraxen? Man wünschte sich, der Autor schriebe bereits am nächsten Buch. Vorliegender Band wurde durch die opus magnum-Förderung der Volkswagenstiftung ermöglich und so kann es wie ein Abschluss Gerhard Pauls mit der Visual History wirken. Es bleibt inständig zu hoffen, dass sich Paul nun nicht ausschließlich auditiven Welten widmet, wie in seinem neuem Forschungsprojekt „Der Sound des Jahrhunderts“, sondern weiterhin solch erkenntnisreiche Bild-Geschichten verfasst.


[1] Gerhard Paul: Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933. Bonn 1990.

[2] Christine Brocks beispielsweise eröffnet ihre jüngste Monografie mit dem knappen Satz: „Vor etwa 15 Jahren hätte ein Studienbuch wie dieses mit einem emphatischen Plädoyer für das Bild als historische Quelle begonnen, hätte die Vorzüge und den Wert von Bildern geschildert und ihre Verwendung als reine Illustration beklagt. Dies ist heute kaum noch nötig.“ Christine Brocks: Bildquellen der Neuzeit, Paderborn 2012, S. 7.

[3] Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder. Bildatlas 1900 bis 1949. Göttingen 2008 und Ders.: Das Jahrhundert der Bilder. Bildatlas 1949 bis heute, Göttingen 2008.

[4] Horst Bredekamp: Theorie des Bildakts, Frankfurt am Main 2010.

 

 

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