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Andreas Renner

Das Zarenreich im Zeitalter der Fotografie

Veronica Buckley, Philipp Blom: Das russische Zarenreich. Eine photographische Reise 1855–1918,  München, Wien: Brandstätter 2012, 29,6 x 25 cm 248 S., gebunden mit Schutzumschlag, 49,90 Euro

Boris Groys, Peter Weibel (Hg.): Bilder eines Reiches. Leben im vorrevolutionären Russland / Obrazy imperii. Žizn’ v dorevoljucionnoj Rossii, Heidelberg: Kehrer 2012, 24 x 22,2 cm 397 S., kartoniert, 48 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 128, 2013

Fotografien aus dem Zarenreich sind schon in vielen Bildbänden publiziert worden. Ausländische wie russländische Fotografen haben insbesondere aus den letzten Jahrzehnten der Romanov-Monarchie ein vielfältiges Werk hinterlassen, in denen das vorrevolutionäre Erscheinungsbild der beiden Hauptstädte Petersburg und Moskau ebenso erhalten ist wie Ansichten der zentralasiatischen Besitztümer, Momentaufnahmen von aufbegehrenden Untertanen auf modernen Boulevards wie inszenierte Bilder vom überlebten Prunk einer schmalen Aristokratie. Für den Historiker bieten solche Alben willkommene Quellensammlungen für Forschung und Lehre – ihren Erfolg im außerrussischen Buchhandel verdanken sie wohl zwei anderen Umständen. Sie verheißen nicht nur Einblicke in eine vergangene Wirklichkeit, sondern in eine Welt, die nur wenige Jahre später blutig untergehen sollte und die zudem viel fremder wirkt als Fotografien aus westeuropäischen Ländern der gleichen Zeit. Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat der fotografisch gestützte Blick zurück in die Zarenzeit an Intensität gewonnen, wobei sich Nostalgie mit der Faszination wieder zugänglicher Fotosammlungen mischt. Neupubliziertes und unveröffentlichtes Bildmaterial enthalten auch zwei jüngst erschienene Bildbände; sie erfassen das halbe Jahrhundert zwischen Krimkrieg und den so genannten Großen Reformen des Zaren Alexanders II. einerseits, Weltkrieg und Oktoberrevolution andererseits. Dies waren Jahrzehnte einschneidender politischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Veränderungen, die mit Stichworten wie Aufhebung der Leibeigenschaft, Industrialisierung, Urbanisierung oder politischer, sozialer und nationaler Mobilisierung nur unzureichend skizziert sind. Beide Fotobücher ziehen Querschnitte durch diese Epoche des Wandels – aber sie unterscheiden sich erheblich nicht nur durch Auswahl und Arrangement der Bilder, sondern auch durch die Ziele der Herausgeber. Haben die Publizisten Blom und Buckley ihren Bildband zum Durchblättern mit mehr oder weniger passenden Aphorismen aus der Zarenzeit gespickt, bringen die beiden Kunsthistoriker Groys und Weibel eine sorgfältig kuratierte Ausstellung des Karlsruher Medienmuseums in Buchform. Im direkten Vergleich besticht der Katalogband durch die größere Homogenität der Reproduktionen und ihre quellenkritische Einordnung.

Blom und Buckley gliedern ihr Album geografisch. Von St. Petersburg führen sie den Betrachter im umgekehrten Uhrzeigersinn über die Landkarte des Riesenreichs bis nach Vladivostok und zurück nach Moskau. Jedes Kapitel ist mit einer so kurzen wie oberflächlichen Einleitung versehen, die jeweils einen chronologischen Bogen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Wirren des Bürgerkriegs schlägt. Die Fotografien stammen allerdings in ihrer großen Mehrheit aus dem Vierteljahrhundert vor dem Weltkrieg; im Mittelpunkt steht eine Auswahl der berühmten Drei-Farb-Fotografien von Prokudin-Gorskij, der zwischen 1909 und 1915 im offiziellen Auftrag mehrere Expeditionen zur Dokumentation des Imperiums unternommen hatte.[1] Blom und Buckley ergänzen diese Serie um andere, auch ältere Aufnahmen und zeigen ein Altrussland wie im Bilderbuch – Familienfotos der Zaren und Wolgatreidler, orientalische Teppichhändler und sibirische Verbannte in Ketten, orthodoxe Kirchen und immer wieder ländliche Szenerien: Adelige in der Sommerfrische, Bauernmädchen mit frisch gepflückten Beeren. Es ist allerdings kein Idyll, das hier zu sehen ist. Zu dem Russlandbild gehören auch die Alkoholiker eines Moskauer Nachtasyls und die jüdischen Pogromopfer in den südwestlichen Städten des Zarenreichs. Die Herausgeber unterstreichen in ihrer Einleitung die sozialen Gegensätze zwischen einer dunklen, überwiegend bäuerlich-primitiven Masse und der ignoranten und privilegierten Elite. Diese krasse Gegenüberstellung entspricht jedoch nicht mehr dem Forschungsstand – und wird auch von den Fotografien des Bandes nicht bestätigt. Auch barfüßige Bauern im Schlamm blicken selbstbewusst in die Kamera. Wer hat sie aus welchem Anlass fotografiert? Die Frage bleibt ungestellt; statt dessen schreiben die Herausgeber den Fotografierten mit einem literarischen Zitat „Unbildung, Gestank“ (S. 102) zu. Fast alle Fotografien bleiben ohne seriösen Kommentar; auch ein genauer Quellennachweis fehlt. In den Bildunterschriften und Einführungen irritieren Anachronismen („baltische Staaten“, S. 56; „Wolgaföderation“, S. 140) und Fehler (die offiziell zweite Hauptstadt Moskau als Provinzstadt, S. 201; die Niederlage im Krieg gegen Japan als Ursache der Revolution von 1905, S. 153). Völlig unklar bleiben die Kriterien für die Auswahl der Bilder; von der industriellen Revolution fehlt nahezu jede Spur wie vom aufblühenden städtischen Leben jenseits der adeligen Beau Monde. Es scheint, als haben die Herausgeber ihr Album mit Zufallsfunden und Schnappschüssen bestückt; es ist weniger als die Summe seiner Teile, so beeindruckend auch jede einzelne Bildquelle ist.

Einen ganz anderen Eindruck hinterlässt der von Groys und Weibel herausgegebene, konsequent zweisprachig gehaltene Fotoband. Er bezieht sich auf eine klar strukturierte Auswahl von etwa dreihundert Fotografien, die größtenteils in den 1860er und 1870er Jahren angefertigt wurden. Die reproduzierten Albumin- und Salzpapierabzüge lagern in russischen Museen, Bibliotheken und privaten Sammlungen (die Herausgeber geben zu jedem Bild die entsprechenden archivalischen Daten an); die meisten Fotografen sind namentlich bekannt. Die Aufnahmen sind in fünf Bildstrecken geordnet (Landschaften, Stadtlandschaften, imperiales Leben, Bevölkerung, die große ethnographische Ausstellung in Moskau 1867). Bekannte Fotografien etwa von der Volga-Reise Michail Nastjukovs (1867) stehen neben wiederveröffentlichten Aufnahmen aus der Kalmücken-Steppe und bislang nicht publizierten Aufnahmen etwa von Maksim Dmitriev, der später für seine Bildreportage der großen Hungersnot von 1891 bekannt wurde. Die meisten dieser Fotografien sind ursprünglich aus offiziellem Anlass entstanden, teilweise nur für den internen Gebrauch: es sind keine Schnappschüsse, sondern nüchtern und sorgfältig gestaltete Aufnahmen in hoher, professioneller Qualität. Wenn auch die genauen jeweiligen Aufträge hinter den Bildern oft im Dunkeln bleiben und manchen Aufnahmen die arrangierende Anwesenheit des Fotografen anzusehen ist, lassen sie doch allesamt eine distanzierte Haltung erkennen, einen objektivierenden Blick. Es ging um eine Bestandsaufnahme imperialer Größe und Vielfalt, um die möglichst präzise Dokumentation von Sehenswürdigkeiten russländischer Städte, um das Leben in der Kalmücken-Steppe, den Phänotyp von Mordwinen oder fremde medizinische Praktiken. Dokumentiert werden aber auch der Eisenbahnbau, Seuchen und Gefängnisse. Nicht zuletzt boten topographische Fotografien Material für politische oder ökonomische Entscheidungen, von denen die Fotografen gar nicht wissen mussten. Fotografien etablierten sich als selbstverständliches wissenschaftliches Hilfsmittel in der Arbeit der renommierten Russischen Geographischen Gesellschaft wie in der der polizeilichen Erfassung von Straffälligen. Sie ermöglichten aber auch eine neuartige Form öffentlicher Präsentation des Zarenreichs, die wie im Fall der erwähnten ethnographischen Ausstellung durchaus eine Eigendynamik gewinnen konnte. Denn rezipiert wurde diese Veranstaltung als Slaven-Schau mit einem nationalistischen Unterton, den die Zaren als Herrscher eines Vielvölkerreichs damals tunlichst zu vermeiden suchten. Über diesen öffentlichen Umgang mit den Fotografien, über ihren Beitrag zum Russland- und Weltbild der Betrachter, hätte man in den thematischen Begleitaufsätzen der Herausgeber und russischer Spezialisten gern mehr erfahren. Doch sie beschränken sich auf knappe Porträts der jeweiligen Bildserien und hilfreiche Hintergrundinformationen.

Reichlich Anschauungsmaterial zur Geschichte des eurasischen Vielvölkerreichs bieten beide Bildbände; die Motive bilden keine kleine Schnittmenge: Kirchen, Verbannte, Landschaften, nationale Typen. Der Unterschied liegt im Konzept und im Detail. Buckley und Blom bieten eine fotografische Reise für den Kaffeetisch, Groys und Weibel einen Quellenband für die historische Bildforschung.


[1] Hierzu jetzt: Sergej M. Prokudin-Gorskij: Nostalgia. Das Russland von Zar Nikolaus II. in Farbfotografien von Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii, hg. von Robert Klanten, Berlin 2012.

 

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