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Bernd Stiegler

Weltenbilder - Bilderwelten

Weltenbilder. Herausgegeben von Nanni Baltzer und Wolfgang Kersten, Berlin: Akademie Verlag, 2011, 28 x 21,2 x 2,2 cm, 264 S., zahlreiche vierfarbigen Abbildungen, 79,80 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte 128, 2013

Mit "Studies in Theory and History of Photography" ist dieser opulent ausgestattete Band überschrieben und signalisiert so zugleich den Beginn einer neuen Reihe. Diese ist angesiedelt an der von Bettina Gockel geleiteten Lehr- und Forschungsstelle für Theorie und Fotografie am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich. Damit hat die Fotografie an deutschsprachigen Forschungseinrichtungen einen weiteren wichtigen Ort erhalten, dem, so steht zu hoffen, weitere folgen werden, wird doch nach wie vor die Fotografie an Universitäten stiefmütterlich behandelt. Omnipräsent auf dem Kunstmarkt und auch in der jüngeren kulturwissenschaftlichen Forschung ist ihre Präsenz an Universitäten eher symbolischer Natur und beschränkt sich auf vereinzelte Lehrveranstaltungen. Bettina Gockel hat mit der Dr. Carlo Fleischmann Stiftung einen Förderer gefunden, der Unterricht und Forschung gleichermaßen unterstützt und Publikationen wie diese überhaupt erst möglich macht. Weiterhin befindet ein prominent besetztes internationales Editorial Board über die Publikationen. Es ist, so zeichnet sich ab, eine bemerkenswerte Reihe zu erwarten. Es wäre jedoch zu wünschen, dass ein niedrigerer Ladenpreis den Erwerb der Bände auch einem breiteren Publikum ermöglichen könnte.

Bereits der erste Band wird dem selbst gesteckten Ziel, Grundlagenforschung zu betreiben, durchaus gerecht. Auch wenn der eine oder andere Beitrag ein wenig den Eindruck des déjà lu erweckt und bereits Publiziertes oder seitdem Erschienenes variiert, tut das der durchweg guten Qualität der Aufsätze erst einmal keinen Abbruch. Die Ambivalenz des Titels zeigt an, dass hier die Konsequenzen des schon einiger Zeit ausgerufenen spatial turn für die Fotografie erkundet werden sollen. Die fotografischen Anschauungen sind, um im Bild zu bleiben, zugleich auch Anschauungen theoretischer Art und sollen in dieser ästhetisch-epistemischen Doppelgestalt zugleich als Seismographen komplexer Verschiebungen und Veränderungen in den Schichten der Kultur-Tektonik fungieren.

Die Weltbilder der Fotografie erweisen sich nicht nur als komplexe Abbreviaturen von regelrechten Weltanschauungen, sondern spielen vielerlei Figurationen von Raumkonzepten, Raumstrukturen, Raummodellen und Raumtechniken etc. durch. Die Figuren des spatial turn in der Fotografie sind also, wie es die genau ein Dutzend Probebohrungen dieses Bandes zeigen, ebenso erheblich wie ergiebig. Rasch zeigt sich, dass die Kategorie "Raum" in der Fotografie ein enorm breites Spektrum hat, das von Formaten über Genrevorgaben bis hin zur Frage nach den räumlichen Dimensionen und von Kategorien der Macht und der Ideologie über Perspektiven bis hin zu Aspekten der progressiven Urbanisierung reichen. Damit sind noch nicht einmal alle Aspekte dieses Bandes benannt, der wiederum nur auf einen kleinen Ausschnitt aus der möglichen Fülle an Beispielen zurückgreifen kann. Bereits dieser ist recht heterogen, lesen sich die verschiedenen Beiträge eher komplementär als einheitlich und eher als Fallstudien denn als historisch-panoramatische oder theoretisch-systematische Erkundungen. Sie unternehmen es erst gar nicht, nach einem "Welt(en)bild der Fotografie" Ausschau zu halten oder die Raum-Frage auf systematische Aspekte zurückzuführen, sondern wählen vielmehr die Strategie der pluralen Erkundung.

Das hat Vorteile wie jene der unabweisbaren Evidenz der besonderen Relevanz eines Aspekts – wie etwa jenem der räumlichen Suggestion der Bilder oder des Zusammenhangs von Bild, Raum und Macht, der in einem ausgezeichneten Beitrag von Nanni Baltzer über den italienischen Faschismus schlagend vor Augen geführt wird –, aber auch Nachteile, zu denen nicht zuletzt der Eindruck gehört, dass die Texte vielleicht etwas arg disparat geraten sind und so mehr Lücken als Brücken bieten. Doch das ist wohl Teil des Konzepts, das zudem auf diese Schwierigkeit in anderer Weise reagiert: Das Buch ist gewissermaßen rhythmisiert durch vier "INSERTS", bei denen aktuelle künstlerische Positionen (von Hans Danuser, Peter Downsbrough, Armin Linke und Aglaia Konrad) vorgestellt werden. Diese sind erfreulich kompromisslos, verzichtet der Band doch auf Erläuterungen und versucht auch erst gar nicht, die Bildstrecken mit den Texten zu korrelieren. Die Theorie-Raumlogik des Bandes folgt daher eher dem Modell der Insel. Es gibt ein schönes Buch von Herman Melville mit dem Titel Mardi. Dort desertiert der Erzähler von einem Walfänger (und wird auch den weißen Wal nicht finden), landet nach allerlei Irren und Wirren in der Südsee, wo er – mitunter als Halbgott verehrt – ein besonderes Inselhopping praktiziert, da er auf jeder von ihnen mit einer anderen und jeweils gänzlich neuen Gesellschaft konfrontiert wird. Die Erzählung dekliniert die Modi gesellschaftlichen Lebens durch und verwandelt so die Inseln in ein Modell. Dieses zeigt eine Fülle möglicher wie in der Erzählung real erkundeter Welten, die wiederum Modelle darstellen, da sie Übertragbarkeit suggerieren.

Aus den Inseln wird schließlich ein Atoll: der Kreis schließt sich und ergibt eine Konfiguration, auch wenn jede Insel für sich existiert und, wie im Falle von Mardi zu den anderen zumeist keinen Kontakt unterhält. "Weltenbilder" erweckt beim Leser den Eindruck einer solchen Erkundung: von Kirchner zum Faschismus, von Picasso zu Louise Bourgeois und vom Bauhaus zu Victor Burgin führen weder Stege noch Wege, weder theoretische Brücken noch historische Fähren. Und doch hat man am Ende den Eindruck, ein Weltenbild vor Augen zu haben. Dass dieses dann flimmert, flirrt, oszilliert, in Bewegung begriffen ist und sich scharfen Konturen verweigert, gehört dazu.

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