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Sankt Petersburger Eisenhüttenwerke, 1880er Jahre

Lenka Fehrenbach

Industrie im Fokus

Die Repräsentation der Industrialisierung in den fotografischen Bildwelten des Zarenreichs

Dissertation im Rahmen des Projekts „Russlands Aufbruch in die Moderne“,  Universität Basel, Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte, Betreuer: Prof. Dr. Frithjof Benjamin Schenk (Basel), Prof. Dr. Klaus Gestwa (Tübingen), Beginn Februar 2012, finanziert durch die Volkswagenstiftung; Kontakt: lenka.fehrenbach(at)unibas.ch

Erschienen in: Fotogeschichte 128, 2013

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderten sich sukzessive die Silhouetten russischer Städte. Die Kuppeln der orthodoxen Kirchen, die bislang das Stadtbild dominiert hatten, waren nicht mehr die markantesten Punkte, an denen sich das Auge des Betrachters festhielt. Immer öfter traten rauchende Schornsteine mit ihnen in Konkurrenz. Die Zeitgenossen hielten diese Veränderungen mit Hilfe einer neuen Abbildungsform fest – der Fotografie.

Im Zarenreich verlief der Prozess der Industrialisierung parallel zur Entwicklung der Fotografie, anders als beispielsweise in England, wo der Eintritt in das Maschinenzeitalter deutlich früher erfolgt war. Ausgehend von dieser Beobachtung wird im Dissertationsprojekt die Wechselwirkungen zwischen russischer Fotografie und Industrie untersucht. Den Ausgangspunkt der Analyse stellen Fabriken dar. Fabriken sind Orte, an denen sich die Erfahrungen der Industrialisierung wie Lärm, künstliches Licht, Beschleunigung und die Anpassung des Menschen an die Maschine verdichteten. Die Studie soll Antworten auf die Frage geben, wie Fotografien diese neuen Wahrnehmungen der Menschen in eine visuelle Ordnung brachten.

Drei Perspektiven auf das Verhältnis von Industrie und Fotografie stehen bei der Analyse besonders im Zentrum. Zunächst der Blick auf die unmittelbare Verwendung der Fotografie in der Industrie. Anhand von Firmennachlässen beispielsweise der Putilovwerke, der Ižorskier Fabriken oder der Russisch-Amerikanischen Compagnie für Gummiwaren Treugol’nik soll herausgearbeitet werden, wie und wofür russische Unternehmen sich der Fotografie bedienten. Dabei geht es sowohl um die Selbstrepräsentation der Firmen nach außen, als auch darum, wie Fotografien innerhalb der Betriebe genutzt wurden, um beispielsweise die Identifikation der Belegschaft mit der Firma zu stärken.

Die zweite Analyseebene beleuchtet die Darstellung der Industrie in den Bildwelten des Zarenreiches. Damit werden Bilder in den Blick genommen, die sich an ein breiteres Publikum richteten. Hierfür werden unterschiedliche Quellengattungen untersucht. Eine wichtige Basis für die Analyse bilden Fotografien aus sechs russischen illustrierten Zeitschriften (Iskry, Niva, Ogonjok, Solce Rossii, Ženskoe Delo sowie die bebilderten Beilagen der Novoe Vremja). Darstellungen auf Postkarten, in Reiseführern und Enzyklopädien ergänzen den Bildkorpus. Neben der Bildsprache, mit der Firmen ins Bild gesetzt werden, wird untersucht, mit welchen Themen diese Darstellungen in Konkurrenz traten. Sind Industriefotografien überhaupt präsent und wenn ja, um welche Bereiche handelt es sich?

Im dritten Teil wird der Untersuchungsrahmen über die Grenzen des Zarenreiches hinaus ausgeweitet und gefragt, ob und in wie weit diese Bilddiskurse für ein ausländisches Publikum übersetzt wurden. Eine der prestigeträchtigsten Bühnen, auf denen sich das größte Imperium der Erde präsentierte, waren die Weltausstellungen. Anhand von Ausstellungskatalogen soll analysiert werden, welche Bilder russische Industrielle bei dieser Gelegenheit abdrucken ließen. Daneben soll die Auswertung westeuropäischer Illustrierter zeigen, welches Bild des Zarenreichs beispielsweise in deutschen und französischen Zeitschriften vermittelt wurde. Handelte es sich um die Darstellung eines exotischen und ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Reiches, oder erreichten das internationale Publikum auch Fotografien vom industriellen Fortschritt?

Das Ziel der Arbeit ist es nicht, eine bebilderte Geschichte der russischen Industrie und Industrialisierung zu schreiben. Vielmehr werden Forschungen aus der Wirtschafts- und Sozialgeschichte zur Industrialisierung mit Ansätzen aus der visuellen Geschichte und der neuen Kulturgeschichte kombiniert. Diese Herangehensweise soll zum einen Aussagen darüber ermöglichen,wie sich die enormen gesellschaftlichen Veränderungen in bildlichen Repräsentationen niederschlugen. Zum anderen soll gezeigt werden, wie diese Fotografien wiederum die Wahrnehmung der Menschen von dem tiefgreifenden Modernisierungsprojekt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert beeinflussten.

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