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Rutishauser: Fotoarchiv Ringier Bilderdienst, Zürich, 1963 [Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv, StAAG/RBA1-1]

Mirco Melone

Datenbanken, Digitalfotos, Internet: die Transformation fotografischer Archive zwischen 1980 und 2010

Dissertation, Universität Zürich, Historisches Seminar, Prof. Dr. Monika Dommann, Beginn: Januar 2012, Art der Finanzierung: Promotionsstipendium NFS Bildkritik eikones (Universität Basel), Kontakt: Mirco.Melone(at)unibas.ch

Erschienen in: Fotogeschichte 128, 2013

In der Dissertation werden die Wandlungen von analogen fotografischen Archiven untersucht. Es geht dabei um Bestände von Bilderdiensten und Fotoagenturen, deren Bilder in gewerblich-organisierter Form für kommerzielle Zwecke hergestellt, bearbeitet und vertrieben wurden. Seit den späten 1970er Jahren haben die Implementierung von neuen Archivierungs- und Verwaltungstechniken, die Nutzung von neuen Archiv-Ordnungs- und Organisationsmethoden sowie schließlich die sich durch Online-Zugriff und –Versand verändernde Fotologistik die „Bildwirtschaft“[1] nachhaltig verwandelt.

Als eine Kulturtechnik – d.h. als Methode der Raum- und Zeitordnung, wurden Archive schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts zur Massenproduktion und -verwaltung von Fotos genutzt. Die Fotoagenturen bedienten damit den steigenden Illustrationsbedarf von Printmedien und der Werbebranche. Spätestens ab den 1920er Jahren positionierten sich zahlreiche dieser Agenturen als bildlogistische Knotenpunkte. Es entstandenen riesige Archivbestände, die oft Millionen von Negativen, Diapositiven und Abzüge beherbergten. Sie verweisen noch heute auf die wirtschaftsgeschichtliche Dimension des Mediums Fotografie. In diesen Beständen haben sich, so die Ausgangsthese, über Jahrzehnte Techniken und materielle Kulturen der Fotoarchivierung und -verwaltung entwickelt. Sie haben Strukturen, Organisationen und Eigenheiten dieser kommerziellen Archive bedingt und geprägt. Die eingelagerten Fotografien wurden erst in ihren Archiven und wegen ihrer spezifischen Materialitätsformen zur verwertbaren Masseninformationsware. Seit der Bildhandel aber auf digitale Produktions-, Verarbeitungs- und Verwaltungstechniken umgestellt hat, verlieren diese physischen Fotoarchive zunehmend an ökonomischer Attraktivität. Dahingehend gilt es folglich auch zu analysieren, welche Prozesse in welcher Form den Warencharakter der Fotos beeinflusst oder modifiziert haben.

Die Arbeit begreift gleichsam die Prozesse der Bestands-Stilllegung und -Abstoßung, die aktuell in Agenturen und Verlagen stattfinden, sowie deren Überführung in kulturell-wissenschaftliche Kontexte als Ausgangspunkt. Anhand der reichhaltigen Bildkonvolute des Schweizer Ringier-Verlags und der Schweizer Niederlassung der Fotoagentur Keystone AG sollen fotohistorische und mediale Bruchlinien deutlich gemacht werden. Beide Unternehmen haben sehr heterogene, historisch gewachsene Bildarchivstrukturen. Sie wurden über die Jahre durch diverse Zukäufe von Fotografennachlässen, der Integration von Konkurrenzagenturen und Redaktionsbeständen angereichert. In welcher Weise dann die Integration von elektronisch-digitalen Archivsystemen in die physischen Bildbestände seit den späten 70er und frühen 80er Jahren tatsächlich als eine grundlegende archivische Umwandlung verstanden werden kann, soll an den Beständen untersucht werden. Die materiell-archivischen Ausformungen des Fotografischen begannen sich zu verändern: Negative, Abzüge, die dazugehörigen Agenturmeldungen, Papiercouverts mit Bildtiteln und Schlagworten, Hängeregistraturen, Zettelkataloge, Indexlisten, Archivraum-Konfigurationen – sie alle hatten mit zur Entstehung des Bildhandels beigetragen. Der Wandel von Analog zu Digital bedingte nun sowohl neue materielle Formen, wie auch neue Praxen der Bildverwaltung. Die durch Informationstechnologie und Digitalisierung bedingten Veränderungen führten zu neuen Materialkulturen wie beispielsweise Computerbildschirme, Datenträger oder Serverterminals. Zu beantworten welche Auswirkungen diese Konfigurationen auf den fotografischen Bildhandel hatten, ist Teil der Analysearbeit.

Veränderungen des Mediendispositivs, angeführt vom gesellschaftlichen Durchbruch des Fernsehens, sowie neue Konzepte von kommerziellem Fotohandel[2] transformierten die Strukturen der Archive. Als Indikatoren dafür sind die Veränderungen der gewachsenen fotografisch-archivischen Materialkulturen, der archivischen Wissensorganisation sowie der wirtschaftlichen Praxen in den Archiven zu untersuchen. Diese medien- und wirtschaftsgeschichtliche Perspektive auf das Ende der analogen physischen Fotobestände beleuchtet daher auch ihren spezifisch medien- und technikhistorischen Umbruch.

Eng mit der Materialitätstransformation sind technische Veränderungen verknüpft. Die Funktionen der Technik im Archiv sind zudem eng mit dem damit agierenden sozialen Umfeld verwoben. Es soll darum geklärt werden, wie die neuen Techniken mit den jeweils herrschenden ökonomisch-materiellen Bedürfnissen der Agenturen interagierten. Wichtig sind hierbei Aspekte der Lagerung, Bildindexierung und -verschlagwortung wie auch die logistische Einbettung und Verarbeitung der Fotos im Bildhandel. Sie standen in Beziehung zu spezifischen Werkzeugen, Arbeitsprozessen und Wissenskontexten.

Der so aufgespannte Analysekontext beleuchtet auch die gesamthafte Verschiebung von fotografischen Praxen im wirtschaftlichen Kontext. Diese sind Bestandteil der Geschichte der Fotografie und erfuhren – genau wie auch künstlerische oder dokumentarische Ausübungen – im Zuge des digitalen Medienwandels Umbrüche, die es zu historisieren gilt. 

 


[1] Matthias Bruhn: Bildwirtschaft. Verwaltung- und Verwertung der Sichtbarkeit, Weimar 2003.

[2] Paul Frosh: The Image Factory. Consumer Culture, Photography and the Visual Content Industry, Oxford 2003.
 

 

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