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Jörn Glasenapp

Eine fotografierende Flaneurin entdeckt

Vivian Maier: Street Photographer. Hg. von John Maloof mit einem Text von Geoff Dyer, München: Schirmer/Mosel 2011, 28,5 x 25,7 cm 136 Seiten, 110 Duotonetafeln, gebunden mit Schutzumschlag, 39,80 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 127, 2013

Bei der so genannten street photography, jener Fotografie also, die sich im Sinne Siegfried Kracauers auf die Straße als einem Ort der Kontingenz einlässt, "an dem das Zufällige übers Planmäßige siegt und unerwartete Zwischenfälle fast die Regel sind", handelt es sich um ein Genre, dessen meisten, vor allem aber berühmtesten Repräsentanten – man denke an Weegee, William Klein, Robert Frank oder Garry Winogrand – männlichen Geschlechts sind. Dies mag, nein, dies wird sich zu guten Teilen einer voreingenommenen Kanonisierungspraxis verdanken, ist darüber hinaus aber auch der Tatsache geschuldet, dass die Straße lange Zeit (und in mancherlei Hinsicht natürlich nach wie vor) eine der Frau nur in beschränktem Maße zugängliche Sphäre darstellte, in der insbesondere die weibliche Übernahme der Rolle des – am besten noch fotografiebewehrten – Blicksubjekts strengen Reglementierungen unterlag. Es galt, was Winogrands 1975 erschienener street photography-Buchklassiker Women Are Beautiful so unmissverständlich (und einigermaßen misogyn) konstatiert: nämlich, dass auch und vor allem auf der Straße der Träger des Blicks männlich, das Objekt desselben aber weiblich ist.

Das Gesagte in Rechnung gestellt, mag man sich somit besonders über den kürzlich gemachten, nicht anders als spektakulär zu nennenden Fund freuen, der dem hier zur Diskussion stehenden Buch zugrunde liegt. Dieses nämlich stellt einen Ausschnitt eines gewaltigen, über 100.000 Aufnahmen umfassenden Bildkorpus dar, das der Kamera einer Fotografin entstammt, die als solche (und auch sonst) noch überhaupt nicht wahrgenommen wurde. Vivian Maier (1926–2009), Tochter französischer und österreichischer Einwanderer, arbeitete in den USA als Kindermädchen und lebte bis zu ihrem Tod weitgehend zurückgezogen, hat jedoch zwischen 1950 und 1990 auf den Straßen New Yorks, vor allem aber Chicagos mit einer zweiäugigen Rolleiflex ein fotografisches Werk geschaffen, das sie posthum als eine durchaus bedeutende Repräsentantin der US-amerikanischen street photography ausweist.

Finden sich in der präsentierten Auswahl auch einige Selbstporträts (auf denen sich die Künstlerin mithilfe von Spiegeln prominent und durchaus selbstbewusst als Fotografin in Szene setzt) und urbane Stillleben, so gilt Maiers Blick fast ausschließlich dem Menschen in der öffentlichen Sphäre, genauer: seinem vielgestaltigen Alltagstun mit seinen flüchtigen Gesten. Dem wiederum widmet sich die Fotografin mit einem in ihren Aufnahmen mehr oder weniger offensiv zum Ausdruck kommenden Willen zur Komposition. Das heißt, das Raue, Direkte, Spontane und bewusst Unperfekte, das die Aufnahmen etwa eines Klein oder Winogrand kennzeichnet, bleibt bei ihr außen vor. Stattdessen dominieren in formaler Hinsicht mitunter ausgesprochen strenge Bildfindungen, die sich dem Chaos der Großstadt geradezu entgegenstellen bzw. es gleichsam in eine visuelle Ordnung zu überführen suchen. Die Kamera erhält somit – wie wir es auch und vor allem bei Henri Cartier-Bresson, aber auch bei W. Eugene Smith beobachten können – den Charakter eines 'Zähmungsinstruments'. Dass hierbei das 'Wesen' der Straße im Kracauerschen Sinne einigermaßen aus dem Blick gerät und man durchaus die (auch mit Blick auf Cartier-Bressons und Smiths Bilder relevante) Frage anschließen könnte, ob es sich überhaupt noch um genuine street photography handelt, versteht sich von selbst.

Insgesamt wartet der vorliegende Band mit gut hundert Aufnahmen auf. Diese werden durchweg in hervorragender Druckqualität präsentiert und geben Maier als eine auch in fototechnischer Hinsicht ausgesprochen kompetente Bildkünstlerin zu erkennen. Leider treten die Fotos dem Betrachter – klammert man das einseitige Vorwort John Maloofs, des 'Entdeckers' Maiers, sowie die mit zwei Seiten ebenfalls nicht eben lange und noch dazu einigermaßen uninformative Einführung Geoff Dyers aus – komplett (kon)textfrei gegenüber. Das heißt, es wurde auf Beschreibungen dessen, was wir auf den Fotos sehen, und Informationen, wo diese aufgenommen wurden, aber auch und vor allem auf Datierungen bzw. Datierungsversuche verzichtet, was die Auseinandersetzung mit dem Bildmaterial selbstredend erheblich erschwert. Nicht zuletzt die – in der Einführung zumindest implizit aufgeworfene und für die fotohistorische Konsekrierung der Maierschen Aufnahmen durchaus relevante – Frage hinsichtlich der Originalität derselben ist unter diesen Voraussetzungen kaum seriös zu beantworten. Es bleibt zu hoffen, dass die von Maloof bereits angekündigten Nachfolgepublikationen zu Maiers Werk in (kon)textueller Hinsicht erheblich mehr zu bieten haben.

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