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Susan Sontag: On Photography, New York 1977

Jörn Glasenapp, Claudia Lillge

Susan Sontags Fototheorie

Editorial zu Fotogeschichte, Heft 126, 2012

Mit Susan Sontag (1933–2004) widmet sich diese Ausgabe der Fotogeschichte einer der wichtigsten US-amerikanischen Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Tätig geworden ist diese bekanntermaßen als Romanautorin, Publizistin sowie Film- und Theaterregisseurin, vor allem aber als ebenso brillante wie provokative Essayistin. Als solche hat sie sich nicht zuletzt immer wieder dem Medium Fotografie angenommen, dem sie neben einer Handvoll Aufsätze vor allem zwei Bücher widmete: die 1977 erschienene Essaysammlung Über Fotografie sowie den Langessay Das Leiden anderer betrachten von 2003. Beide gehören nicht nur zu den am meisten zitierten, sondern auch wirkmächtigsten Beiträgen im fototheoretischen Kontext und weisen ihre Autorin innerhalb der entsprechenden Diskussion als die neben Walter Benjamin und Roland Barthes wichtigste Stimme aus. Entsprechend muss es überraschen, dass eine Auseinandersetzung mit der Fototheoretikerin Susan Sontag, die letztere gleichsam um ihrer selbst willen in den Fokus rückt, bislang Desiderat geblieben ist. Auf dieses möchte das vorliegende Heft reagieren, das es sich zum Ziel setzt, Sontags Schriften zur Fotografie – in gebührender Breite – einer Sichtung zu unterziehen.

Den Anfang macht der Beitrag von Jörn Glasenapp und Claudia Lillge, die den Versuch unternehmen, in einer tour d'horizon die Schwerpunkte und 'Großthemen' der Sontagschen Fototheorie in ihrem argumentativen Zusammenspiel zu explizieren. Hierbei wird unmissverständlich deutlich, dass es sich bei der Amerikanerin um eine überzeugte Literatin und konsequente Schriftapologetin handelt, die der Fotografie letztlich nie anders als voller Skepsis zu begegnen imstande war. Während Barthes, wie er in Die helle Kammer erklärt, "das Photo gegen das Kino liebte", so liebte Sontag das Wort gegen das Foto, die Schrift gegen die Lichtschrift. Das heißt, ihre Fototheorie ist in erste Linie eine – in theoretischer Hinsicht avancierte – Kritik am Foto.

Ebendies bestätigt Jens Ruchatz in seinem Beitrag, in dem er Sontags langen, gegen die Fotografie vorgebrachten Monita-Katalog zunächst als "aus der medialen Perspektive der Schrift hervorgebracht" charakterisiert, um ihn im Anschluss daran fototheoriegeschichtlich zu kontextualisieren. Entsprechend werden Sontags Ausführungen mit foto- und bildkritischen Positionen etwa eines Siegfried Kracauer, Günther Anders, Lewis Mumford, Daniel J. Boorstin oder Neil Postman in Dialog gebracht, was zur Folge hat, dass sich Ruchatz' Text auch als eine – an Sontag orientierte – Theoriegeschichte der fotogenerierten Bilderflut lesen lässt.

In vergleichbarer Weise diskursarchäologisch und -komparatistisch geht auch Matthias Christen in seinem Beitrag vor. Und zwar rückt er die innige Beziehung in den Fokus, die die Fotografie Sontag zufolge mit Tod und Sterblichkeit unterhält. Jedes Foto sei "eine Art memento mori" und jeder, der fotografiere, inventarisiere die Sterblichkeit, so die immer wieder zitierte These der Amerikanerin, die mit dieser natürlich beileibe nicht allein steht. Vielmehr ist das genaue Gegenteil der Fall: Wie Christen mit einem Gang durch die Geschichte der Fototheorie (mit Exkursen unter anderem zu Barthes, Philippe Dubois, Thierry de Duve und Christian Metz) aufzeigt, eignet letzterer – und dies von Anfang an – eine, so der Autor, "förmliche Todesobsession", die in Sontag eine ihrer prominentesten Wortführerinnen findet.

Brad Prager schließt mit seinem Beitrag insofern an Christens Überlegungen an, als auch er sich, Sontag folgend, der Beziehung von Tod und Fotografie zuwendet. Hierbei freilich geht es ihm nicht oder allenfalls am Rande um das metaphorische, sondern um das wörtliche Zusammengehen beider. Auf welch schreckliche Art Sontags berühmte Behauptung, Fotografieren sei eine Form der Tätlichkeit, die einem "sublimierte[n] Mord" gleichkomme, real wurde, zeigt Prager anhand der Auseinandersetzung mit einigen jener Aufnahmen, die deutsche Täter von den später deportierten und ermordeten Bewohnern im Warschauer Ghetto machten.

Bis zum Schluss ist Sontag eine Theoretikerin der analogen Fotografie geblieben. Die digitale Fotografie hat sie offenbar nicht nennenswert interessiert. Allein in "Das Foltern anderer betrachten", ihrem unmittelbar vor ihrem Tod verfassten Essay über die Abu-Ghraib-Aufnahmen, spielt sie eine gewisse Rolle. Dass dies nun keineswegs heißt, dass Sontags Überlegungen in Zeiten von Facebook, Flickr und Handyfotografie komplett an Relevanz verloren haben, zeigt der Beitrag von Reinhard Matz, in dem dieser eine Relektüre von Über Fotografie vornimmt und hierbei das Thesenarsenal der Amerikanerin am derzeitigen Stand der digitalen Fotografie und deren Praktiken misst.

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