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Nürnberg, südöstliche Altstadt mit Hauptbahnhof und Kriegsschäden, aufgenommen um 1943 [Bildarchiv Foto Marburg Neg.-Nr.: 930.479].

Marco Rasch

Schrägluftaufnahmen in Deutschland 1918 bis 1945

Intention, Geschichte, Rezeption

Dissertation am Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte, Bildarchiv Foto Marburg/ Kunstgeschichtliches Institut der Universität Marburg, Prof. Dr. Hubert Locher (Universität Marburg), Beginn: 2008, Art der Finanzierung: privat, Kontaktadresse: marco.rasch(at)hotmail.com

Erschienen in: Fotogeschichte 125, 2012

„Kommende Geschlechter werden in dieser Welt des Himmels, die uns neu ist, heimisch geworden sein und einmal lächeln über das Staunen und Wundern, das in uns Dinge erregt haben, die ihnen längst vertraut und schon nichtssagend geworden sind. Uns Menschen in den Kindertagen der Flugzeit aber sagen sie noch viel. Uns befremdet und lockt noch ihr ungewohntes Bild.“[1]

1943, als dieses Zitat veröffentlicht wurde, hatte Albert Speer neben seinen zahlreichen ministeriellen Tätigkeiten schon eine große Anzahl Schrägluftbilder für seine planerischen Arbeiten im nationalsozialistischen Reich zusammengetragen. Er begnügte sich dabei nicht damit, die Erstellung neuer Aufnahmen anzuordnen, sondern eignete sich darüber hinaus Bestände von privaten Firmen aus den 1920er und 30er Jahren an. Sein Konvolut, welches sich heute im Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg befindet[2], bietet aufgrund der chronologischen und motivischen Heterogenität einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Erforschung der Geschichte und der verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten von Schrägluftbildern.

Während bis 1914 Luftaufnahmen technikbedingt eher als Zufallsprodukte vor allem während Ballonflügen entstanden, etablierte sich im Verlauf des Ersten Weltkrieges mit dem Siegeszug des steuerbaren Flugzeuges deren systematische militärische Produktion. 1918, als diese Betätigungen in Deutschland eingestellt werden mussten, gründeten ehemalige Kriegsbeobachter innerhalb weniger Jahre private Luftbildfirmen. Deren Spektrum der Bildverwertung erstreckte sich von Bildbänden und Postkarten für ein weites Publikum über Aufnahmen für topografische und stadtplanerische Analysen, als wissenschaftliches Hilfsmittel für beispielsweise Archäologie, Geografie, Geologie, Biologie, bis hin zur künstlerischen Rezeption im Neuen Sehen.

Ab 1934 griff der deutsche Staat in die Geschicke der Privatfirmen ein und integrierte die wichtigsten Unternehmen in die Hansa Luftbild G.m.b.H. Diese war nun alleinig für die Umsetzung der Luftbildaufträge zuständig.

Die ausführliche Aufarbeitung der Entwicklung der deutschen Luftbildfirmen zwischen 1918 und 1945 innerhalb der Dissertation ermöglicht es, die Sammlung Speers in ihren historischen Kontext einzuordnen sowie allgemeine Rückschlüsse auf die diversen Motivationen der Firmen und ihrer Auftraggeber bezüglich der Luftbilderstellung zu ziehen. Schließlich ist bis heute eine derartige historische und kunsthistorische Betrachtung ausgeblieben Aus diesem Grunde beschränken sich Publikationen von historischen Aufnahmen meistenteils auf einzelne Analysen der Bildmotive, ohne diese in einen Gesamtkontext zu stellen. Die Frage nach dem ursprünglichen Anlass für die Erstellung der Fotos und dem weiteren Verwendungszweck tritt dabei in den Hintergrund.

Bei der darauf aufbauenden Betrachtung der Luftbildrezeption muss berücksichtigt werden, dass noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts diese Fotografien den menschlichen Sehgewohnheiten fremd waren und aufgrund der Detailfülle und Genauigkeit eine visuelle Revolution darstellten. Zwar klingt in ihnen die Tradition der neuzeitlichen Stiche aus der Vogelperspektive an, doch besitzen die Bilder eine augenscheinliche Objektivität, die sie für den Betrachter zu Dokumenten werden lassen. Unter Zuhilfenahme von zeitgenössischen Publikationen lässt sich die damalige Faszination aufzeigen und ergründen, worauf diese basierte. Ebenso wird ersichtlich und nachvollziehbar, mit welchen Ambitionen und Prämissen man in den unterschiedlichen Fachbereichen Luftbilder instrumentalisierte und welche Probleme man dabei zu bewältigen hatte.

Schließlich musste mit dem Aufkommen des Mediums das Registrieren und anschließende Dekodieren der den Bildern immanenten Informationen neu erarbeitet werden, welches systembedingt sowohl technisch als auch intellektuell neue Methoden erforderte. Weiterhin ist zu beachten, dass sich Luftbilder kaum in kunsthistorisch formal-ästhetische Betrachtungsweisen zwängen lassen, da ihnen eine derartige Behandlung zum einen selten intendiert war und zum anderen, vor allem zu Beginn der systematischen Luftbildfotografie, oftmals technische Unzulänglichkeiten perfekt komponierte Aufnahmen verhinderten.

Diese fotohistorische Arbeit bringt somit Aufschluss über die Luftbildentwicklung in Deutschland bis 1945 und betrachtet erstmals deren wissenschaftliche und kommerzielle Verwertung und Rezeption. Am Beispiel des Speer‘schen Konvolutes wird dabei die Schrägluftaufnahme in ihrer Rolle als eigenständige Gattung innerhalb der Fotografie analysiert und gewürdigt.


[1] Peter Supf: Das Welterlebnis des Fliegers, Berlin 1943, S. 41.

 

 

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