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Eva Tropper

Postkartenwelt

Monika Burri: Die Welt im Taschenformat. Die Postkartensammlung Adolf Feller/ The world in pocket-size-format. The Adolf Feller Postcard Collection, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2011 (=Bilderwelten. Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek/ Pictorial Worlds: Photographs from the Image Archive, ETH-Bibliothek, hg./ ed. Michael Gasser und Nicole Graf, Bd.1), 20,8 x 26,6 cm, 136 S., ca. 200 farbige Abbildungen, gebunden, 54 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 125, 20012

Mit der Postkartensammlung des Schweizer Unternehmers Adolf Feller (1879-1931) eröffnet die ETH-Bibliothek Zürich eine neue Fotobuch-Reihe, mit der sie sich den eigenen Sammlungen zuwendet. Konzeptioneller Grundgedanke ist, mit der Reihe ein komplementäres Format zur laufenden Digitalisierung der Bestände zu entwickeln. Denn im Zeitalter digitaler Verfügbarkeit lassen sich Bilder zwar wunderbar am Bildschirm „durchklicken“ und – bestandübergreifend – über Suchbegriffe abfragen; ein Begriff von den Konturen der zugrunde liegenden Sammlungen ergibt sich daraus aber nicht.

Eine solche Konturierung soll der erste Band nun für die immense Sammlung von 54.000 Postkarten leisten, die Adolf Feller, Hersteller elektrischer Apparate aus Horgen, im Lauf seines Lebens (und assistiert von seiner Tochter) zusammengetragen hat. Buch und Datenbank sind aber nicht als gegenläufige, sondern ausdrücklich als einander ergänzende Formate konzipiert. So sind die Abbildungen mit den Signaturen der digitalisierten Bestände versehen; jede Postkarte aus dem Band lässt sich auf einfache Weise online wieder finden, inklusive ergänzender Daten, teilweise mit transkribierten Texten und – besonders lobenswert – beidseitigen Scans. Während die allermeisten Digitalisierungsprojekte von Postkarten nur die Bildseiten zur Verfügung stellen, wurde hier auch der marginalisierten „anderen Seite“ des Mediums Raum gegeben[1].

Der Band selbst wird von der Zürcher Historikerin und Publizistin Monika Burri verantwortet, die den Bestand so aufzubereiten hatte, dass unterschiedliche Nutzerinteressen auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Sowohl die ForscherIn als auch die von vielfältigen Interessen motivierte Privatperson, so die Vorgabe, sollen mit dem Buch etwas anfangen können. Das ist der Autorin durchaus gelungen, denn auch wenn die Präsentation der Bilder im Vordergrund steht (sie sind thematisch in fünf Kapiteln gruppiert) und auch wenn die Kapiteleinleitungen auf Allgemeinverständlichkeit zielen, ist sowohl die Art der Auswahl als auch deren analytische Durchdringung von aktuellen Forschungsfragen angeleitet.

Ausgangspunkt von Burri ist die Frage, wie sich Postkartenbilder historisch lesen und soziokulturell deuten lassen, mithin ein innerhalb der Visual Culture Studies verortbarer Zugang zum Medium Postkarte. In den 90er Jahren hatte die Frage nach der Einrichtung des Blicks auf Landschaft das Interesse an dem populären Bildmedium nachhaltig angestoßen. Wie Postkartenbilder, übrigens im Bund mit Reiseführern, aber auch im Zusammenhang mit städtebaulichen Transformationsprozessen und dem infrastrukturellen Ausbau des „Aussichtstourismus“ am Ende des 19. Jahrhunderts neue Blicke und Sehweisen einüben, zeigt Burri anhand unterschiedlicher Sujets: an den „Flanieranlagen mit Alpenblick“, die das Gebirgspanorama erst zu einer städtischen Sehenswürdigkeit machen, an den Brücken, Tunnels und Geleisen, die auf Postkarten blicksteuernd platziert werden und eine neuartige „Verschränkung von industrie- und naturästhetischen Perspektiven“ nahe legen, an der Prominenz städtebaulicher Symbole von Modernität wie den Bahnhofs- und Postpalästen. In einem Kapitel zu Wintersport- und Strandkarten versammelt Burri Beispiele der entstehenden Freizeitkultur, die Postkarten als eine „repetitive Bühne für Ferienträume“ mit definiert haben. Wie sehr das Medium den Blick auf die Fremde mitgeprägt hat, wird in der Zusammenstellung kolonialer Postkarten aus dem Fellerschen Bestand deutlich. Der typisierende Blick auf die „Einheimischen“ war auf Postkarten besonders prominent. Dabei mischten sich Versatzstücke des ethnografischen Diskurses mit Orientalismusklischees zu „abwertenden Rückständigkeitsfiktionen“. Burri schließt mit ihrer diesbezüglichen Auswahl an ein derzeit sehr produktives Feld an, das Postkarten als eine reichhaltige Quelle für die Analyse von kulturellen Machtverhältnissen entdeckt hat.

Obwohl die Kapiteleinleitungen jeweils nur eine Seite fassen, setzt die Autorin die wesentlichen Akzente, um das präsentierte Material auf eine ganze bestimmte Weise „lesbar“ werden zu lassen. Ein zentrales didaktisches Element sind in diesem Zusammenhang die Bildunterschriften, die sich fast durchgängig an das Prinzip halten, nicht das Sujet als solches zu kommentieren, sondern die Art und Weise, wie es in den Blick kommt, und welche Art zu sehen es nahe legt. In einer Publikation, die sich (auch) dem breiten Publikum zuwendet, sind diese konzisen Kurztexte gut platziert, stellen sie doch eine Aufforderung dar, die Postkarten gegen den Strich zu lesen und nachzuvollziehen, wie sehr sie an der „visuellen Herstellung von Selbstverständlichkeit“ (Gugerli/Orland) beteiligt sind.

Zugleich aber impliziert eine solche Vorgehensweise die Entscheidung, nur die Bilder zum Gegenstand der Analyse zu machen. Andere Aspekte bleiben damit außen vor. So wird die Mehrschichtigkeit, die sich aus der Beschreib- und Verschickbarkeit des Mediums ergibt, bewusst ausgeklammert. Auch wird die Relation der Objekte zu der Sammlung, der sie entstammen, eigentlich durchgeschnitten. Sie kommen in den Blick als Postkartenbilder, die welchem Bestand auch immer angehören hätten können. Der Anspruch, die Konturen der Sammlung Feller nachzuzeichnen, wird so nur zum Teil eingelöst. Zwar erfährt man, dass 15.000 Motive aus der Schweiz kämen und insgesamt 140 Länder vertreten wären, aber die Frage nach der Struktur der Sammlung, nach ihrer spezifischen Materialität und Gewordenheit bleibt dunkel.

Nach welchen Kriterien, so ließe sich etwa alternativ fragen, waren die Karten innerhalb der Sammlung angeordnet? Alphabetisch? Nach Weltgegenden? Nach unternommenen Reisen? Was sind ihre weißen Flecken; wie ordnet sich die Welt von der Schweiz aus? Aber auch: Wie wurden die Karten aufbewahrt? Waren es Alben? Kartons? Kisten? Oder war Fellers Bestand längst schon von der Hand anderer umsortiert worden, bevor er ins Bildarchiv der ETH einging? Fragen dieser Art, die das Sammeln als Kulturtechnik adressieren und die „Welt im Taschenformat“ als eine Geste des Zugreifens auf und des Modellierens von Welt (mit allen Lücken und Auslassungen) verstehen, bleiben in dem gewählten Zugang ausgeklammert.

Das Sammeln von Postkarten um 1900 (als schichtenübergreifender „hype“) ist allerdings nur verständlich, wenn man die Konjunktur eines neuen Verständnisses von Globalität berücksichtigt, die sich darin ausdrückt und auch die Ordnung der Sammlungen affiziert. Die Postkarte als normierter Bildträger, der eigene und fremde Welten auf ein identes Format brachte und so als Teile einer „weltweiten“ Serie auswies, war das ideale Medium für eine strukturierte, klassifikatorische Art der Weltaneignung, die den Griff nach „allen Weltgegenden“ erstmals in aller Breite ermöglichte. Dazu kam ihre Verschickbarkeit, die (und das war ja historisch neu!) auch über nationale Grenzen hinweg einfach und billig erfolgen konnte, und so neue Erfahrungen von globaler Vernetztheit ermöglichte. Adolf Feller kaufte Postkarten nicht nur oder ließ sie sich von Bekannten zuschicken, er partizipierte auch am ersten organisierten Bildertausch auf postalischem Weg, unterhielt „Ansichtskartenkorrespondenzen“ und gab für einzelne Sujets gezielt Inserate in Sammlerzeitschriften auf. Seine Sammlung lässt sich so auch als ein monumentaler Versuch verstehen, der Welt habhaft zu werden – und zwar auf eine ganz bestimmte, historisch analysierbare Weise.

Diese Aspekte bleiben in dem Band, der nur die Bilder sprechen lässt, weitgehend ausgeklammert. Der einleitende Essay beschränkt sich, neben einer Einführung in die Geschichte der Postkarte, auf die biografische Einbettung der Sammlung, wobei einige spannende Zitate aus Fellers Briefkorrespondenz erahnen lassen, dass sich zu seiner „Welt im Taschenformat“ noch einiges mehr hätte sagen lassen. Dennoch bleibt der Band, vor allem aufgrund seiner gelungenen Moderation der Postkartenbilder und seiner guten, methodisch angeleiteten, auf dem Stand der Forschung stehenden Kurz-Texte zu den einzelnen Kapiteln unbedingt empfehlenswert. Den Rahmen dieses spezifischen Bestandes hätte er aber nicht unbedingt gebraucht.


[1] http://ba.e-pics.ethz.ch

 

 

 

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