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"Wo treffen wir uns am Montag?", Postkarte, gelaufen 1910 [Abb. aus dem besprochenen Band].

Markus Bauer

Postkarten als Bild/Textmedien

Anett Holzheid: Das Medium Postkarte. Eine sprachwissenschaftliche und mediengeschichtliche Studie, Berlin: Erich Schmidt 2011, Philologische Studien und Quellen, Heft 231, 21 x 14,4 cm, 440 S., 80 Abb. in Farbe, 100 Abb. in S/W, broschiert, 59,80 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 125, 2012

“Diese Harnackschen Postkarten! Wie viele Tausende mag seine fleißige Hand im Morgengrauen geschrieben haben, nach allen hohen Schulen Deutschlands und der Welt der arbeitenden Gehirne draußen. Wenn dieser demokratische Zettel einer gelehrten Adelung bedurfte, Harnack hat sie vollzogen. Auf seinen Karten stand mehr als in manchen langen Briefen anderer. Könnte jemand [...] diese Harnackkarten sammeln, sichten und in Regesten edieren, dann hätte man einen großen Korpus geistvoller Marginalien zur historischen und biblischen Forschung Deutschlands, Europas und der gesamten anderen Welt durch fünfzig Jahre hindurch.”[1] Diese Eloge auf den dominierenden deutschen Geisteswissenschaftler der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – den protestantischen Theologen und Wissenschaftsorganisator Adolf (von) Harnack – rückt in einem ironischen Ton sowohl die ungewöhnliche Höhe seines Postkartenverbrauchs als auch deren Funktion innerhalb des Wissenschaftsverkehrs hervor: Demokratisch, knapp, inhaltsreich, archivierbar nennt der Autor das Medium, das erst durch den akademischen Gebrauch geadelt werde. Um 1920 dürfte ihre große Zeit allerdings bereits durch Verbreitung des Telefons als Ohr-zu-Ohr-Direktkontakt, durch Telegrafie als schnelles schriftliches Nachrichtenmedium, durch Zeitschriften, Kino, Privatfotografie als Bildmedien zu Ende gegangen sein. Heute, dies hebt die vorliegende Studie hervor, ist durch elektronische Kommunikation der Gebrauch einer Postkarte eher ein anachronistischer bzw. spezieller Weg, um eine Person über Entfernungen hinweg zu adressieren. Immerhin findet die Postkarte in letzter Zeit häufiger Interesse im Forschungs- und Museumsbetrieb (neben mehreren Rezensionen ist das Heft 118, 2010 der Zeitschrift Fotogeschichte thematisch der Postkarte gewidmet).

Ihre Bedeutung als Massenmedium in einer bestimmten historischen Konstellation mit einem bis heute anhaltenden Gebrauch lenkt am historischen Umbruch wieder den Blick zurück auf die Entstehung- und Durchsetzungsphase dieser postalischen Einheit. So passt das Erscheinen einer Dissertation in den Fluss der Dinge, die sich “eine umfassende Darstellung der Genese des Kommunikationsmediums Postkarte” vornimmt, wobei ein bisher besonders vernachlässigter Aspekt, nämlich die sprachliche und textliche Realisierung durch den Sender, im Mittelpunkt steht: “Es wird eruiert, in welchem Rahmen und wozu Sprache für Postkartenkommunikation genutzt wird und inwieweit eine Botschaft gerade auch durch nichtsprachliche Zeichen realisiert wird.” Somit wird auch der Schub für die Verbreitung der Postkarte einbezogen, den der Abdruck von Bildern ab etwa 1900 für den Absatz brachte. Milliardenfach wurden in Europa und Amerika jedes Jahr Postkarten benutzt, was ebenfalls Analogien zu heutigen elektronischen Medien nahelegt, wurde doch damals bis zu fünfmal (!) pro Tag (!) die Post zugestellt.

Ausführlich geht die Arbeit auf die Vorläufer- und Komplementärmedien der Postkarte ein, wie den Brief, aber auch das Telegramm, Billett, Visitenkarte und Postdrucksache, und bettet diese in eine allgemeine Hintergrundszenerie der Gesellschaft in der zweiten Jahrhunderthälfte (wobei das Wort “bürgerlich” nicht immer mit Erkenntnis- und Differenzierungsgewinn sehr strapaziert wird). Der Vergleich von Briefsprache und Postkartentexten aus der Perspektive der normativen Vorgaben der weit verbreiteten Briefsteller ermöglicht einen plastischen Eindruck, wie die Postkarte trotz ihres Zwangs zur Kürze und einer zunächst eher skeptischen Haltung des Publikums dem Brief nicht an Aussagekraft nachstehen musste. (Zumal es auch Extremformen der Mikrografie gab, in denen es gelang, auf eine standardisierte Postkarte mehr als 4.000 Wörter zu schreiben!) Beispiele aus Schriftstellerkorrespondenzen illustrieren schlagend die Konkurrenz von Brief und Postkarte, über die es hieß: ‘Einen Brief schreibt man, eine Postkarte wird geschickt.’ In einer sich beschleunigenden Kommunikationsgesellschaft bildete dennoch der Verzicht auf die überkommenen sprachlichen Formalien eines Briefes den großen Vorteil der 1869 in Österreich und 1870 in Deutschland eingeführten Postkarte (“Correspondenz-Karte”) – insbesondere im geschäftlichen Bereich, wo bald vorgedruckte Karten für Bestellungen, Terminierungen u.a. zur Verfügung standen.

Es ist ein zentrales Anliegen des Buches zu zeigen, dass gerade auch mit der Einführung ornamentierter, bedruckter und illustrierter Postkarten die Auswahl der jeweiligen Vorgaben bereits eine Aussage enthielt, die durch den geschriebenen Sendertext vielfach akzentuiert und die semantische Breite des Postkartenkommunikats erhöht werden konnte. Zahlreiche Detailbeispiele aus den Feldern des privaten Gebrauchs, wie etwa der Liebeskommunikation, der Reisegrüße, der Verabredung u.a. untermauern diese Beobachtung. Eine Typologisierung der sprachlichen Nutzungsweisen ist naturgemäß schwierig, da vom Einwortsatz bis hin zu briefähnlicher Textstilistik alle sprachlichen Formen vorkommen können. Spezifisch sind dann allerdings besondere Gebrauchsweisen der privaten Korrespondenz: Wir lesen über Serienpostkarten, die geheime Sprache der Briefmarkenanordnung, Saalpostkarten zum Flirten, Textverstecke auf der Postkarte und andere Versuche, etwa der öffentlichen Einsehbarkeit des Textes zu entgehen. Wie aus dem reichen Fundus der Sammlung der Autorin und anderer Bestände (in Museen für Kommunikation) sich ergibt, stellen die Texte der gelaufenen Karten auch ein wenig beachtetes Reservoir an Quellen zum Alltagsleben, zu Reiseaktivitäten oder den sozialen Beziehungen dar. (Ein Manko besteht allerdings oft darin, dass man nicht über ein zusammenhängendes Korpus von Karten zu einem Thema oder einer Personenkonstellation verfügt, sondern meist nur einzelne, aus ihrem sozialen Kontext isolierte Exemplare.)

Mit der Einführung der bebilderten Postkarte wurden vor allem Ansichtspostkarten auch ein beliebtes Sammelobjekt, das Schreiben und Versenden auf Reisen ist ja bis heute eine der Hauptbeschäftigungen unterwegs geblieben. Die Text-Bildrelationen finden das Hauptinteresse der Autorin im Kapitel über die Bildpostkarte, technische Neuerungen und Varianten stehen allerdings nicht im Zentrum ihrer Untersuchungen. So werden Stereoansichtskarte, Rohrpost, Retuschierungspraxis u.a. zwar erwähnt, aber in ihrer medialen Bedeutung für die Kommunikation von Räumen nicht ausführlicher diskutiert, wie dies etwa eine Arbeit von Karin Walter tut, die auch die Produktionskontext reflektiert und beschreibt.[2] Vielmehr geht es der Autorin an dieser Stelle ihrer Arbeit um die kreative Aufnahme der ikonographischen Vorgaben der bedruckten Ansichtskarte durch die Sender und sie kann vielfache Varianten der sprachlichen Benutzung aufzeigen. Überhaupt stellt die präzise und äußerst detaillierte Wahrnehmung sprachlicher Nuancen an zahlreichen einzelnen Kommunikationsvorgängen einen der Vorzüge des Buches dar. Weiterhin sind die zahlreichen Hinweise auf literarische und schriftstellerische Bezugnahmen auf das Medium eine willkommene Abwechslung in einem hin und wieder in Dissertationssprache und -logik zurück fallende Textmasse. Im Anhang ergänzen eine Zeittafel zur Entwicklung der Postkarte bis 1932 sowie die Abbildung von 50 Postkarten recto und verso in Farbe mit Transkription des Textes, auf die im Hauptteil Bezug genommen wird, die Ausstattung des für die zukünftigen Forschungen unverzichtbaren Bandes. Von seiner ausführlichen Darlegung der sprachlichen und bildlichen Spezifik der Postkarten eröffnen sich zahlreiche Forschungsanregungen etwa in den historischen Bereich (wie wurden bestimmte Ereignisse, z.B. der Jahrhundertwechsel 1899/1900, kommuniziert?), die ikonografische Repräsentation von Topografien, den technisch-medialen und ökonomischen Kontext u.v.a. Und vielleicht wird sich ja sogar einmal jemand der Tausenden von Postkarten Harnacks annehmen.


[1] Adolf von Harnack zum 70. Geburtstag. Sonderdruck der Kartell-Zeitung des Eisenacher Kartells Akademisch Theologischer Vereine 1921, S. 3 f.

[2] Karin Walter: Postkarte und Fotografie. Studien zur Massenbild-Produktion, Würzburg 1995.

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