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Frau als Tramkontrolleurin in Bern, 1942 [Schweizerisches Nationalmuseum].

François de Capitani, Ricabeth Steiger

Die Pressefotoarchive PDL und ASL im Schweizerischen Nationalmuseum

Forschungs- und Erschließungsprojekt – Schweizerisches Nationalmuseum – Beginn 2010, geplant als langfristiges Projekt – Finanzierung: Eigen- und Drittmittel, Kontaktadresse: Ricabeth.Steiger(at)snm.admin.ch

Erschienen in: Fotogeschichte 121, 2011

Im Jahre 1999 stellte die Lausanner Fotoagentur Actualité Suisse Lausanne ihren Betrieb ein; aus Altersgründen konnte und wollte ihr Inhaber Roland Schlaefli den Übergang zur digitalen Bildvermittlung nicht vollziehen. Das Schweizerische Nationalmuseum konnte den Bestand erwerben und stellt sich nun der Aufgabe, die ungeheure Fülle des Materials zu erschliessen. Zu den Beständen gehören nicht nur Millionen von Negativen, Abzügen und Farbdiapositiven der 1954 gegründeten Agentur Actualité Suisse, sondern auch der Fundus  der 1938 gegründeten Agentur Presse Diffusion Lausanne, die vor allem in der Zeit des  Zweiten Weltkriegs durch ihre beeindruckenden Reportagen Beachtung gefunden hatte. In idealer Weise ergänzen diese Bestände die fotografischen Sammlungen des Schweizerischen Nationalmuseums, die bisher vor allem die Zeit des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abdecken. Als besonders wertvoll erweist sich der Umstand, dass die Bilder zum großen Teil mit Legenden versehen und datiert sind; nur so können Fotos als zuverlässige Quellen der historischen Forschung dienen.

Die beiden Archive widerspiegeln exemplarisch den Wandel der Pressefotografie im der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: den Übergang von der illustrierten Wochenpresse zum aktuellen Bild in der Tagespresse und schliesslich den Siegeszug der Farbillustration seit den 1970er Jahren. Stellen in der Zeit bis in die 1950er Jahre die Reportagen zum Leben in der Schweiz einen gewichtigen Teil der Pressefotografie dar, so überwiegen in der Folge die Bilder zum aktuellen Tagesgeschehen. Bilder konnten nun über das Telefonnetz verschickt werden und die Tagespresse erweiterte stetig ihren Bildteil.

Schwerpunkte der Sammlungen liegen – wie es die Pressegeschichte nahelegt – bei der politischen Berichterstattung und dem Sport. Die stark personenbezogene Berichterstattung der Presse bringt es mit sich, dass Bilder von Persönlichkeiten sehr gut vertreten sind, vom überraschenden Schnappschuss bis zur sorgfältig geplanten Homestory. Hinzu kommt, dass die beiden Lausanner Agenturen besonders auch das politische und kulturelle Leben der Westschweiz abdecken, ein bisher in der schweizerischen Fotogeschichte noch wenig aufgearbeitetes Kapitel.

Das Schweizerische Nationalmuseum steht vor großen Herausforderungen. Der schiere Umfang der beiden Pressebildarchive (mehrere Millionen Negative und Papierabzüge sowie 600.000 Diapositive) und die Unwägbarkeiten im Hinblick auf die künftige Erhaltung  der Originalfotos legen ein Auswahlverfahren nahe. Prioritär werden jene Bestände digital und auf Mikrofiche gesichert, die es erlauben ein breit gefächertes Panorama der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu entwerfen. Dazu gehören nicht nur die grossen Ereignisse in Politik, Kultur und Gesellschaft, sondern auch die Entwicklungen im Alltag mit seinen Sorgen und Hoffnungen. Historikerinnen und Historiker aller Fachrichtungen sind hier gefordert ihr Spezialwissen einzubringen, von der Mode über den Sport bis zur Pressegeschichte. Nach und nach – auch unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Mittel – werden die erfassten Bilder in die Datenbaken des Nationalmuseums integriert und stehen einem interessierten Publikum zur Verfügung. Parallel zur Erschliessung der Bildbestände muss die Erforschung der Presseillustration vorangetrieben werden; erst aus der Kenntnis des gedruckten Kontextes in der Wochen- und Tagespresse erschliesst sich die Logik der Pressefotografie, ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen.

Das Schweizerische Nationalmuseum steht mit den Problemen der Erschliessung von analogen Pressebilderarchiven nicht allein. Der Übergang zur digitalen Pressefotografie stellt alle Bildarchive vor die Frage nach dem Umgang mit den nun Geschichte gewordenen analogen Beständen. Eine enge Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der historischen Pressebilderarchive drängt sich auf und erweist sich als sehr hilfreich bei der Bewältigung methodischer Vorgehensfragen. Zu den Partnern gehören keystone, dessen historisches Archiv die Bestände der Agentur  Photopress beherbergt, die Archive Ringier (heute Staatsarchiv Aargau), Edipress (heute Staatsarchiv Waadt), Tagesanzeiger (heute Zentralbibliothek Zürich) und COMET (heute ETH Zürich).

Ein erstes Resultat der Arbeit mit den Pressefotobeständen konnte das Schweizerische Nationalmuseum 2010 vorlegen: die Publikation Attention. Photos de presse. Pressebilder. Fotografie di stampa bietet einen ersten  Einblick in die Bestände und versucht aufzuzeigen, welche Möglichkeiten die Pressefotografie als unverzichtbare Quelle zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bietet. Eine Ausstellung ist im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich im Januar 2012 geplant. Hier soll einem breiten Publikum Einblick in die reiche Vielfalt der Pressefotografie und ihre historischen Rahmenbedingungen geboten werden.

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