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Chuck Close: „9-Part Self Portrait“, Collage aus 9 Polapan-Polaroids, 1987

Denise Wiedner

Polaroid zwischen Hilfswerkzeug und autonomem künstlerischem Medium

Dissertation an der Universität zu Köln, Kunsthistorisches Institut, Lehrstuhl für Allgemeine Kunstgeschichte - Schwerpunkt 20./21. Jahrhundert, Prof. Dr. Ursula Frohne – Beginn: April 2010 – Art der Finanzierung: Stipendium der te Peerdt Stiftung – Kontaktadresse: denise.wiedner(at)gmx.de

Erschienen in: Fotogeschichte 119, 2011

Im Mittelpunkt der Dissertation steht die seit über 60 Jahren existente Sofortbild-Fotografie, welche in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine künstlerisch vielfältig eingesetzte Bildtechnik ist und von den frühen Anhängern, wie Ansel Adams oder Philippe Halsman bis hin zu Mapplethorpe oder Gerhard Richter ganz unterschiedliche Ausdruckskategorien belegt.

Zwar gibt es sehr viel Literatur über die Polaroid Corporation, die in zahlreichen Marketing-, Management,- Business,- und Werbestudien vorkommt. Ebenso gibt es umfangreiche Abhandlungen über die Firmengeschichte. Erstaunlicherweise aber wurden die Polaroidfotografie, seine Materialität und die damit verbundenen Möglichkeiten und Arbeitsweisen, in seiner Ganzheit bisher kaum erfasst. Die Instantfotografie, mit welcher inhaltlich und konzeptuell auf so differenzierte Weise umgangen wird, liefert eine enorme Bandbreite an Ergebnissen – vom einfachen Schnappschuss über medizinische Dokumentation hin zum Kunstobjekt. Offenkundig ist die Ästhetik des Sofortbildes an dessen Technologie geknüpft.

Unabdingbar erscheint daher im ersten Teil der Arbeit eine Abhandlung über die Entstehung des Polaroids, dessen Geschichte und Funktionalität und die damit einhergehenden technischen Entwicklungen. Damit soll das wissenschaftliche Instrumentarium bzw. Verständnis aufgebaut werden, welches anschließend erlaubt, die Charakteristika des Mediums von den persönlichen Stilistika eines Künstlers unterscheiden zu können. Im zweiten Teil – dem Kernstück – widmet sich die Dissertation den eigentlichen Resultaten, den Polaroids selbst, um die überwiegend europäischen und amerikanischen Vertreter, die sich dem Medium der Sofortbildfotografie verschrieben haben, kategorisch geordnet nach Verfahren und Darstellungsformen aufzuzeigen, sie einander gegenüberzustellen, zu vergleichen und somit den Mediendiskurs zu eröffnen. Die Polaroidfotografie, die so facettenreich ist wie die zeitgenössische Kunst selbst, bedient sich etablierter künstlerischer Techniken, wie der Collage etwa bei David Hockney oder Chuck Close, lässt einfache Sepia-Aufnahmen entstehen, offenbart sich zudem im Panorama, im Triptychon oder einer seriellen Darstellungsform. Auch nutzt die polaroide Fotografie im künstlerischen Duktus altbekannte Strategien wie die Inszenierung, die Dokumentation, die bewusste Kalkulation oder die Verfremdung. Das Polaroid dient als Malgrund, wird zur Vorlage für die großformatigen fotorealistischen Gemälde eines Franz Gertsch, dient als Hilfswerkzeug etwa für Warhols Siebdrucke oder zahlreiche Modefotografien, wird spielerisch zum Medium für optische Täuschungen, wie bei David Levinthal.

Trotz der Tatsache, dass das Polaroid zur Gattung der Fotografie zählt und sich auch durchaus fotografisch gängiger Sujets und Techniken bedient, ist die Entstehung eines Konkurrenzverhältnisses etwa zur digitalen Fotografie aus offenkundigen Gründen ausgeschlossen. Gleichwohl kann aber die Parallele zur analogen Fotografie nicht weggedacht werden, so dass die Fototheorie herangezogen wird, um die zur Untersuchung stehenden Arbeiten zu entziffern. Inwieweit sich Aussagen etwa von Roland Barthes, Susan Sontag und Hubertus von Amelunxen oder der Wahrnehmungstheoretiker, wie Michel Foucault oder Bernd Busch, auf die Sofortbildfotografie übertragen lassen, wird sich zeigen.

In Analogie zu etablierten Gattungen gilt es dem autonomen Status des Polaroids, das kommerziell und artifiziell zugleich ist, einen festen Platz in der Kunstgeschichte zu sichern. Zielsetzung der Dissertation ist es, das Polaroid als künstlerisches Mittel etablierter ästhetischer Repräsentationsstrategien herauszuarbeiten, zu beweisen, dass es weit mehr verkörpern kann als einen Schnappschuss oder ein Hilfsmittel.

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