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Alys George

Die Kunst der viktorianischen Fotocollage

Elizabeth Siegel: Playing with Pictures: The Art of Victorian Photocollage, Chicago: The Art Institute of Chicago, New Haven und London: Yale University Press, 2009, Mit zusätzlichen Beiträgen von Patrizia Di Bello und Marta Weiss, unter Mitwirkung von Miranda Hofelt. 200 S., 25 x 28 cm; gebunden, ohne Schutzumschlag; 40 S/W- und 140 Farbillustrationen; $45

Erschienen in: Fotogeschichte 117, 2010

Die Collage beginnt, wie es in der Kunstgeschichte gerne heißt, 1912 mit einer Begegnung zwischen Picasso, einem Fetzen Wachstuch, einem kubistischen Stillleben und einem Leimtopf. Das Resultat, Still Life with Chair Caning, leitet eine neue Ära der Kunstgeschichte ein: Die Collage und die Fotomontage werden zum Inbegriff der modernen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts.

Eine faszinierende Wanderausstellung, „Playing with Pictures: The Art of Victorian Photocollage“, und ihr gleichnamiger Katalog platzieren die Ursprünge der Collage aber in einer Zeit, die eher in Hinsicht auf ihre Sittenstrenge in Erinnerung bleibt. Bereits 1857 benutzte der in England lebende Schwede Oscar Gustav Rejlander das Kombinationsdruckverfahren, um aus mehreren Negativen oder Negativteilen collageartige, fotografische Nachbearbeitungen mit stark fantastischem Einschlag zu erzeugen. „Playing with Pictures“ zeigt, wie aristokratische britische Viktorianer - und vor allem Viktorianerinnen - Fotografien mit Schere, Klebstoff und Aquarellfarben verarbeiteten, um ähnlich fantasievolle Bilder zu kreieren und neue Kontexte und Narrative für fotografische Aufnahmen zu schaffen. Und das ganze 60 Jahre bevor sich die künstlerische Avantgarde das Collageverfahren zu Eigen machte und mehr als ein Jahrhundert bevor „photoshopping“ in die Alltagssprache als Verb einging.

Das fotografische Quellenmaterial für die hier ausgestellten Alben stammt aus zwei fotografischen Prozessen: Entweder sind die Bilder Albuminaufnahmen aus Amateurhand, oder viel öfter sind sie Carte-de-visite-Fotografien. Das 1854 vom Franzosen André-Adolphe-Eugène Disdéri patentierte fotografische Carte-de-visite-Verfahren löste bis Anfang der 1860er Jahren auch in England und weltweit eine Art „cartomania“ aus. Während Disdéris Verfahren die Fotografie in gewissem Sinne demokratisierte und fotografische Aufnahmen in finanzielle Reichweite fast aller Gesellschaftsschichten brachte, blieb das Erzeugen von Fotocollagealben weitgehend eine großbürgerliche Tätigkeit.

Die Ausstellung ist im Art Institute of Chicago (10.10.2009–3.1.2010), im Metropolitan Museum of Art in New York (2.2.–9.5.2010) und in Torontos Art Gallery of Ontario (5.6.-5.9.2010) zu sehen und wurde von Elizabeth Siegel, stellvertretende Kuratorin für Fotografie des Art Institute of Chicago, kuratiert. Oft zum ersten Mal sind Fotocollagen aus 15 verschiedenen Alben der 60er und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts zu sehen, die aus öffentlichen und privaten Sammlungen aus den Vereinigten Staaten, Europa und Australien stammen. 40 eingerahmte Albumseiten hängen an den Wänden des übersichtlichen Ausstellungsraumes, und 11 ganze Alben, deren Seiten in regelmäßigen Intervallen umgeblättert werden, sind in Glasvitrinen zur Schau gestellt. Zusätzlich bieten Computermonitore im Ausstellungsraum Besuchern virtuellen Zugang zu fast allen Albenseiten auf Abruf.

Der Katalog enthält 134 meist ganzseitigen Farbabbildungen von Albumseiten, die nach Motiven thematisch unterteilt sind. „In the Drawing Room“ zeigt Collagen, die den Haussalon als gesellschaftlichen Mittelpunkt thematisieren, und „Diversions“ behandelt aristokratische Freizeitbeschäftigungen, wie Kartenspiele, Krocket sowie Tennis, Segeln und Reitsport, die in die Collagen eingeflossen sind. Ein besonders beliebtes Thema, womöglich unter dem Einfluss der zeitgenössischen Erkenntnisse Darwins, war das Tierreich, „The Animal Kingdom“: Aquarelle von Affen, Wasservögeln, Schildkröten u.a. wurden mit aufgeklebten Menschenköpfen versehen. Ähnliche Kuriositäten finden sich in „Curioser and Curioser“, Collagen in denen kleinformatige fotografische Bilder, oft von Kindern, in selbstgemalten Fantasieszenen eingeklebt worden sind: Säuglinge im Vogelnest oder auf Schwalbenrücken fliegend; Knirpse in Riesengärten auf Pilzen und Blumen à la Alice im Wunderland oder nach Däumelinchen in Wasserlilienwiegen gelegt. Fotoausschnitte wurden auch in Aquarellmalereien von modischen Alltagsobjekten und Gebrauchsgegenständen („Objects of Affection“) integriert, mitunter Fächer, Schmuck, Schirme und Porzellan. Wie „Patterning the Pages“ zeigt, waren Fotos oft ein wichtiger Bestandteil von geometrischen Mustern (siehe Abb. 1). Medientheoretisch spannend ist auch die Art wie Fotografien sich selbst oder andere Medien, vor allem die Malerei und die Skulptur, vertreten: „Photographic Images“ zeigt Fotografien als Doubel für Gemälde auf Staffeleien oder als Wanddekoration, und als Köpfe als Platzhalter für Büsten. Zudem werden Fotografien in den Collagen in Briefumschlägen gesteckt, sind ein Teil von Briefmarken und Siegeln oder von  gemalten Alben. „Mixed Pickles“ (siehe Abb. 2) bezeichnet ein Gesellschaftsspiel und zeigt die Skurrilität, den Humor und die manchmal surreale Darstellungsweise der Viktorianer.

Die Katalogbeiträge liefern akribisch recherchierte und teils überraschende historische und soziale Hintergrundinformationen zu den Alben. Elizabeth Siegels ausführlicher Aufsatz „Society Cutups“ erklärt die Rolle der Fotocollagealben in der viktorianischen Gesellschaft. Solche Alben waren Teil eines Trends, der bereits Anfang des Jahrhunderts begann. Seitdem existierte eine regelrechte Album-Kultur, die Vers- und Skizzenbücher sowie, seit den Anfängen der Fotografie, Fotoalben und Carte-de-visite-Alben umfasste. Siegel zitiert George W. Simpson, Herausgeber der zeitgenössischen Zeitschrift The Photographic News, der feststellte, das Fotoalbum sei bis Mitte des Jahrhunderts eine notwendige Komponente eines jeden Salontisches geworden. „Society Cutups“ liefert darüber hinaus das Argument, dass die Fotocollage die bisherigen Regeln der Portraitfotografie buchstäblich auf den Kopf gestellt hat. Hier werden die technologischen Fortschritte, die die Fotocollagen erst ermöglichten, erläutert und das Collageverfahren, sowie gängige Motive, Thematik und Subtexte.

In Anlehnung an ihrer Doktorarbeit schreibt Marta Weiss, Kuratorin für Fotografie am Victoria and Albert Museum in London, in ihrem Beitrag „The Page as Stage“ über die theatralischen und performativen Aspekte der viktorianischen Fotocollagealben. Die Alben liest sie sowohl in Zusammenhang mit Gesellschaftsspielen wie Scharaden und Tableaux Vivants - die feste Bestandteile großbürgerlicher Salonabende waren - als auch in Verbindung zu den oft spektakulären Darbietungen der populären Kultur wie Zirkus, Puppenspiel und Pantomime. Diese beeinflussten den Inhalt und die Zusammenstellung der Fotocollagen. Weiss erläutert auch die mehrfachen, synchronisch-performativen Ebenen des Fotocollagealbums. Im Mittelpunkt eines jeden Blattes stehen die fotografischen Aufnahmen der Porträtierten. Mithilfe von Schere, Klebstoff und Aquarellkasten werden die fotografierten Sujets von ihrem ursprünglichen Kontext (dem des Fotostudios) befreit und in andere, oft fantastische, gemalte Kulissen versetzt. Danach liegt das Album im Haussalon auf, und sein Sichten liefert eine zusätzliche performative Ebene. Die Alben sind also zugleich als Requisiten in der reellen Inszenierung des aristokratischen Gesellschaftslebens der viktorianischen Zeit und als papierene Bühnen zu deuten.

In ihrem Beitrag “Photocollage, Fun, and Flirtations” beschreibt Patrizia Di Bello, Professorin für Geschichte und Theorie der Fotografie an dem Birbeck College, University of London, die spielerischen, humorvollen Seiten der viktorianischen Fotocollage. Die hier ausgestellten Alben sind keineswegs traditionelle Familienalben, die weitgehend für den privaten Gebrauch kreiert wurden. Stattdessen könnten sie als „Gesellschaftsalben“ bezeichnet werden, da sie eine Brücke zwischen Privatsphäre und sozialer Öffentlichkeit schlagen. So wie der Austausch von Carte-de-visite-Fotografien oft eine Form des Flirts war - wie zwischen dem Prince of Wales und Mary Georgiana Caroline, Lady Filmer, deren Album eines der kunstvollsten der Ausstellung ist - dienten die Fotocollagen häufig diesem Zweck. Gesellschaftliche Hierarchien und persönliche Beziehungen werden in Form von gemalten Spinnennetzen oder einem Kartenblatt visuell dargestellt. So wird auf subversive Weise die Sittenstrenge der Zeit an den Pranger gestellt und die Mehrdeutigkeit von sozialen Rollen in der viktorianischen Gesellschaft aufgezeigt.

Besonders spannend für die Geschichte der Fotografie ist die Art und Weise, wie in den Albumblättern verschiedene fotografische Bedeutungsebenen ineinander verwoben werden, oft mehrere in einer einzigen Collage. Das Mechanische und das Handgefertigte, das Gesellschaftliche und das Persönliche, das „Wahre“ und das Fiktive: Die viktorianischen Fotocollagen hinterfragen die impliziten Grenzen zwischen solchen Kategorien kreativ und manchmal etwas bissig. Kuratorin Siegel sieht das Ineinander der fotografischen Repräsentationsebenen als Indiz dafür, dass die Viktorianer und Viktorianerinnen, die diese Alben schufen, ein recht tiefes Verständnis für die Mehrdeutigkeit der Fotografie besaßen.

Sowohl der Katalog als auch die Ausstellung leisten einen eindrucksvollen und überzeugenden Beitrag zu einer wenig bekannten Facette der viktorianischen Gesellschaft und der Geschichte der visuellen Kultur und der Fotografie des 19. Jahrhunderts. Die Gründe für die lange Missachtung solcher Fotocollagealben sind mannigfaltig, so Kuratorin Siegel, und hängen primär mit den den Alben innewohnenden Ambiguitäten zusammen: Die Blätter sind weder als pure Fotografie noch als reine Malerei zu klassifizieren; sie verbinden vervielfältigte Bilder und singuläres Kunsthandwerk; und sie waren häufig Projekte, die auf Teamarbeit beruhen, da die Blätter eines Albums meist von mehreren Händen angefertigt wurden (siehe Abb. 2). Das erschwert oft eine klare Deutung oder die Zuordnung in eine Gattung und kann die Begriffe Autorenschaft und Eigentum ad absurdum führen. Die Alben liefern aber nicht weniger als ein inszeniertes „kollektives Selbstporträt“ der aristokratischen Gesellschaft und der weiblichen Vorstellungskraft in England der viktorianischen Ära.

Zum Weiterlesen:

Elizabeth Siegel und Martha Packer: The Marvelous Album of Madame B: Being the

Handiwork of a Victorian Lady of Considerable Talent. Chicago: The Art Institute of Chicago; London: Scala, 2009.


Marta Weiss: Dressed Up and Pasted Down: Staged Photography in the Victorian

Album. Ph.D. Dissertation, Princeton University, 2008.

Patrizia Di Bello: Women's Albums and Photography in Victorian England: Ladies,

Mothers and Flirts. Aldershot (UK): Ashgate, 2007.

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