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Bernd Stiegler

Theorien der Fotografie

Peter Geimer: Theorien der Fotografie zur Einführung, Hamburg: Junius Verlag, 2009, 17 x 12 cm, 229 S. Abb. in S/W, kartoniert, 14,90 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 117, 2010

In dem vorgegebenen Rahmen eines recht schmalen Bandes das heterogene Ensemble der zahlreichen Theorien der Fotografie angemessen darzustellen, ist ein nachgerade titanisches Unterfangen. Allein die Frage, was nun überhaupt zum engeren oder weiteren Kanon der Fotografietheorie gehört, ist nicht leicht zu beantworten, geht es doch neben „harten“ Theorietexten aus höchst unterschiedlichen Disziplinen, die von der Philosophie über die Soziologie bis hin zu kultur- und medienwissenschaftlichen Ansätzen reichen, auch um „weichere“ Theorieformen wie Essays oder Äußerungen von Künstlern. Doch auch wenn das Buch vorgibt, eine eher „lockere Auslegung“ dieser Frage vorzunehmen, so ist doch die Komposition streng und konzise. Peter Geimer folgt nicht dem Faden der existierenden Theorien, sondern jener der leitenden Fragen, die für diese entscheidend waren. Er nimmt mit anderen Worten theoretische Konfigurationen in den Blick. Berührung (Abdruck, Spur und Index),  Botschaft und Konstrukt, Zeitlichkeit, Reproduzierbarkeit und die Frage nach der Kunst sind die fünf Theoriefelder, die in dem kleinen, aber feinen Band präzise kartiert werden. Dass sich dadurch Überschneidungen zwischen den einzelnen Kapiteln ergeben, nimmt der Autor in Kauf, ja nutzt die Rekurrenz einzelner Theorien für die Gesamtkomposition des Bandes.

Der wohl auffälligste Wiedergänger in diesem Buch ist  Roland Barthes: Peter Geimer setzt ihn für ein regelrechtes intellektuelles Hase und Igel-Spiel ein: Egal wohin man kommt, Roland Barthes ist schon da. Das funktioniert nicht ohne gewisse Härten bzw. Überraschungen: So erwartet man etwa Roland Barthes definitiv nicht in dem abschließenden Kapitel, das mit „Kunsttheoretische Bestimmungen: Die Fotografie im System der Künste“ überschrieben ist, da er in allen seinen Texten zur Fotografie nachdrücklich die Fotografie von der Kunst scheidet: die Fotografie wird ebenso dogmatisch wie programmatisch  aus dem hortus conclusus der Kunst verbannt. Dass Barthes selbst in diesem letzten Kapitel zu Wort kommt, ist jedoch ein kluger Schachzug in Geimers theoretischer Partie. Ihm geht es darum, Kapitel für Kapitel, Zug um Zug, Feld für Feld, zwei Gegner gegeneinander spielen zu lassen, die sich am Ende auf ein Patt einigen müssen. Peter Geimer hat es letztlich auf ein Remis abgesehen und Roland Barthes ist der Joker in diesem Spiel, den er immer dann geschickt einsetzt, wenn ein Gegner zu stark zu werden droht. Er kann letztlich deshalb als carte blanche funktionieren, weil seine Überlegungen von genau jener Doppelläufigkeit durchzogen ist, die die anderen Theorien ausbuchstabieren – dabei allerdings eine Seite wählen. Genau das tun nun Barthes und auch Geimer nicht. Barthes scheint sich zwar gelegentlich für eine der beiden Parteien entschieden zu haben, doch Peter Geimer weist luzide nach, dass sich für die Zugehörigkeit zur Gegenposition ebenfalls schlagende Beweise finden lassen. Barthes ist also ein theoretischer Doppelagent. Seine Fotografietheorien – denn auch hier sollte man wohl den Plural wählen – loten jene fundamentale Ambivalenz aus, die in allen fünf theoretischen Feldern, die Peter Geimer hier beschreibt, jeweils zu zwei distinkten Heeren führt. Daher überrascht es auch nicht, dass Roland Barthes das vorletzte Wort in diesem Buch zukommt: „Wie kann nun die Fotografie zugleich objektiv und besetzt sein, natürlich und kulturell?“ Dass diese Frage im Rahmen dieses Bandes programmatischen Charakter hat, zeigt sich auch daran, dass sie ziemlich in der Buchmitte im zweiten Kapitel ebenfalls dazu diente, die Paradoxien der Fotografie theoretisch zu fassen. In Peter Geimers Buch wird sie von der Fotografie auf die Fotografietheorie übertragen. Die Paradoxien der Fotografie werden nun zu jenen der Fotografietheorie. Die Antwort auf die von Barthes gestellte Frage und andere Fragen ähnlichen Typs (etwa, um noch einige weitere anzuführen, wie kann Fotografie Kunst und Wissenschaft, Garant der Referentialität und soziales Konstrukt, Merkzeichen des Auraverfalls und Agent seiner Wiedereinsetzung sein?)  ist dieses Buch, das genüsslich wie scharfsinnig die Antinomien auslotet und die komplexen Formationen auf den Schlachtfeldern der Theorie beschreibt. Die vermeintliche désinvolture, die nur scheinbare neutrale Position eines unbeteiligten Beobachters, erweist sich jedoch als eine mehr implizite als explizite theoretische Setzung, die ähnlich wie Barthes seine Sympathie für beide Felder nicht verleugnet.

Im ersten Kapitel etwa, um nur eines der fünf Teile pars pro toto herauszunehmen, wird mit großer argumentativer Klarheit – die, das sei hinzugefügt, dieses Buch insgesamt auszeichnet – nicht nur aufgezeigt, wie der peircianische Index-Begriff fast proteusartig immer neue Gestalten annehmen kann und als Abdruck, Spur oder Berührung durch die Theorien wandert, sondern auch wie er als Garant der Referentialität, mitunter für eine indexikalisch verbürgte Wirklichkeitstreue der Fotografie einstehen und zugleich so weit ausgehöhlt werden kann, dass eine „bedeutungslose Bedeutung“ oder ein inhaltsentleertes Zeichen zurückbleibt. Von William Henry Fox Talbot und Oliver Wendell Holmes über Rosalind Krauss, Philippe Dubois bis Georges Didi-Huberman und eben Roland Barthes, um nur einige Leittheorien dieses ersten Kapitels zu nennen,  entsteht ein theoretisches Panorama, das anhand einzelner Einstellungen auch die Fotografiegeschichte in scharf konturierten Momentaufnahmen aufblitzen lässt. Wenn am Ende dieses Kapitels die „partielle Unverfügbarkeit“ der Fotografie  gegen die Joel Snyders vehemente Verabschiedung des Index-Konzeptes und anderen kulturkonstruktivistischen Positionen in Erinnerung gerufen wird, so ist das in Plädoyer für eine zwar doppelzüngige, aber dennoch eindeutige Antwort.

So kann man aus der Lektüre dieses Buchs einen gleich doppelten Gewinn ziehen: zum einen stellt das Buch einen für den begrenzten Umfang eindrucksvollen Reigen von Positionen vor, die sehr knapp, aber durchweg pointiert wie konzise charakterisiert werden, hinter deren Stimmenkonzert aber zum anderen auch eine theoretische Orchestrierung aufscheint, die mit Barthes ihren theoretischen Agenten gefunden hat, ohne auf diesen subsummierbar zu sein. Dass man sich bei den Theorien noch die eine oder andere Stimme gewünscht hätte (etwa fehlen jene der Avantgarde, obwohl sie mit Moholy-Nagy und anderen zahlreiche Theorietexte produziert hat, oder, um nur noch ein zweites Feld anzuführen, jene der Visual History, die in den letzten Jahren deutlicher zu vernehmen ist), ist erklärlich und der Tatsache der radikalen Umfangsverknappung geschuldet, die zudem aus dem Band ein kompaktes Kompendium macht. Dass allerdings die Qualität der wenigen Abbildungen in einem Band über Fotografietheorien so schlecht ist, dass mitunter kaum etwas zu erkennen ist (das Londe-Beispiel erschließt sich einzig über die Beschreibung des Bildes, nicht aber über dieses selbst), ist ein Mangel, der bei einer zu erhoffenden zweiten Auflage unbedingt abgestellt werden sollte.

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