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Aus: Der Kuckuck, 12. Februar 1933 (Fotomontage: A. Stadler)

Heft 115 | Jg. 30 | FRÜHJAHR 2010     Facebook

Zwischen Bild und Text

 

ZUM HEFT

Zwischen Bild und Text öffnet sich ein großer Vorstellungsraum. Wenn Bilder auf Texte bezogen sind oder Bildtexte auf Bilder, schränkt sich dieser Raum ein. Bilder erhalten neue Bedeutungen, Texte ebenso. Bilder ohne Bildtexte, ohne raumzeitliche Verankerung sind schwebende Bilder, die für alle möglichen Deutungen offen sind. Bildtexte ohne die dazugehörigen Bilder sind stumme Texte. Sie behaupten etwas, ohne den bildlichen Belege mitzuliefern. Die Beiträge dieses Themenhefts greifen beispielhaft einige Aspekte des Verhältnisses von Bild und Text heraus. Sie untersuchen die Beziehung zwischen literarischen Texten und Fotografien, zwischen Zeitungstexten und Pressebildern und Postkartenbildern und nationalen Beschriftungen.

Leo A. Lensing eröffnet das Heft mit einem spannenden Beitrag zur Rolle der Fotografie (und des Films) in Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit. Er ruft in Erinnerung, dass das Werk jeweils mit einer Fotografie als Titel- und Schlussbild beginnt und, auch wenn das lange Zeit nicht eingehender erforscht wurde, im Grunde ein gewaltiges Wort-Bild-Experiment darstellt. Die letzten Tage der Menschheit ist, so argumentiert Lensing, eines der ersten wichtigen literarischen Werke des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt, in denen Fotografien im strukturellen und thematischen Mittelpunkt stehen.

Rolf H. Krauss beschäftigt sich mit Karl Mays Autogrammkarten und liest sie als fotografische Strategien der literarischen Ruhmbildung. Um die Wende zum 20. Jahrhundert nutzte Karl May fotografische Vervielfältigungen seiner Person in Form von signierten oder nicht signierten Autogramm- bzw. Starkarten, um sich als Schriftsteller, aber auch, um seinen öffentlichen Körper, der zunehmend mit der Figur seines Romanhelden zusammenfällt, zu bewerben. Dieser öffentlichkeitswirksame Einsatz der Fotografie unterstützte, so der Autor,  den Identifizierungsprozess des Autors mit einem seiner fiktiven Romanhelden, genauer mit Old Shatterhand, bzw. Kara Ben Nemsi.

Marion Krammer beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit den Strategien des fotografischen Bilderkampfs der österreichischen Sozialdemokratie um 1930. Im Zentrum ihrer Analyse steht die illustrierte Zeitschrift Der Kuckuck, die zwischen 1929 und 1934 erschien. Mit pointierten Text-Bildgegenüberstellungen und eindrücklichen Fotoreportagen und -montagen erzielte die Zeitschrift ein mit der deutschen Arbeiter-Illustrierten-Presse (A-I-Z) – an der sie sich orientierte ­­– vergleichbares dynamisch-agitatorisches Layout.

In seinem Beitrag Zentralbilder. Die Pressefotografie der DDR zeichnet Stefan Ulfert die Versuche nach, Text und Bild systematisch in den Dienst von Agitation und Propaganda zu stellen. Besondere Rolle kommt dabei der Agentur ADN-Zentralbild (ADN-ZB) zu, die als Abteilung des staatlichen Nachrichtendienstes ADN das Gravitationszentrum der offiziellen DDR-Massenmedien darstellte. Er zeichnet die wechselvolle Geschichte dieser Agentur nach und geht der Frage nach dem Erfolg bzw. Misserfolg der autoritären Bilderpolitik nach.

Im abschließenden Beitrag untersucht Enrico Sturani die Rolle von Bildpostkarten in der Darstellung des israelisch-palästinensischen Konflikts. In den Postkartenbildern kristallisiert sich ein tiefer gesellschaftlicher Konflikt, die kleinen käuflichen Bilder werden zu Waffen im Kampf um nationale Selbstbestimmung und sie beeinflussen, so banal ihre Sujets auch sein mögen, die Wahrnehmung des Landes. Die Postkarten sind Ausdruck und Ergebnis eines nationalen Identitätsnotstandes. Sie richten sich aber auch an die Touristen, die an diesen visuellen Konstruktionen mitbasteln.

BEITRÄGE

Leo A. Lensing: „Lebensstarre“ – Bewegende Bilder. Fotografien und ein Film in Die letzten Tagen der Menschheit von Karl Kraus

Rolf H. Krauss: „Visitenkarten zu Tausenden“. Karl Mays Autogrammkarten. Fotografische Strategien literarischer Ruhmbildung

Marion Krammer: Montierte Propaganda, sprechende Bilder. Fotomontage im „Roten Wien“ 1929 bis 1934

Stefan Ulfert: Zentralbilder. Über Pressefotografie in der DDR

Enrico Sturani: Postkarten des Wahnsinns. Der israelisch-palästinensische Konflikt in populären Bildpostkarten

 

Hefte ab 126 |

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Jörn Glasenapp und Claudia Lillge (Hg.)

Heft 126, Winter 2012

vergriffen

REZENSIONEN

Anton Holzer: Petra Bopp: Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg, Bielefeld: Kerber Verlag, 2009. (Zur Rezension)

Anton Holzer: Timm Starl: Bildbestimmung. Identifizierung und Datierung von Fotografien 1839 bis 1945, Marburg: Jonas Verlag, 2009. (Zur Rezension)

Nora Mathys:  Institut de police scientifique de l’Université de Lausanne und Musée de l’Élysée, Lausanne (Hg.): Le Théâtre du crime. Rodolphe A. Reiss 1875-1929,  Lausanne : Presses polytechniques et universitaires romandes, 2009. (Zur Rezension)

FORSCHUNG

Wulf Köpke / Bernd Schmelz (Hg.): Mit Kamel und Kamera: Historische Orientfotografie 1864-1970. (Zum Bericht)

Teresa Losonc: Die Fotografin Elly Niebuhr. (Zum Bericht)

Linda Novotny: Kilian Breier – Das fotografische Werk. (Zum Bericht)