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Gotthard Schuh: Grubenarbeiter, Belgien 1937

Anton Holzer

Gotthard Schuh – ein Flaneur der Fotografie?

 

Peter Pfrunder in Zusammenarbeit mit Gilles Mora (Hg.): Gotthard Schuh. Eine Art Verliebtheit, Göttingen, Zürich: Steidl Verlag, Fotostiftung Schweiz, 2009, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 29. Mai bis 11. Oktober und im Musée Nicéphore Nièpce, Chaleroi, März bis Mai 2010, dt. und engl. Ausgabe, mit Texten von Peter Pfrunder, Gilles Mora und Martin Gasser, 311 S., 24 x 30 cm, 200 Abb. in S/W und Farbe, Gebunden, 65 Euro

 

Erschienen in Fotogeschichte 114, 2009

 

 

Gotthard Schuh ist kein Unbekannter der Schweizer Fotografie. Bereits Anfang der 1980er Jahre wurde er im Rahmen der Schweizerischen „Stiftung für die Photographie“, der Vorläuferorganisation der heutigen Fotostiftung Schweiz, als einer der Großen der eidgenössischen Pressefotografie gewürdigt. 1982 stellte David Streiff im Kunsthaus Zürich eine größere Retrospektive zusammen. Der Katalog erschien damals als zweiter Band der Reihe einer neuen Reihe „Schweizer Photographie“ im Benteli Verlag. Seither sind – so entnehmen wir dem ausgezeichneten Literaturverzeichnis des vorliegenden Bandes – immerhin noch 22 Texte erschienen, die sich mit Schuhs Werk beschäftigen.

Nun, nach gut einem Vierteljahrhundert, erscheint wieder ein umfassender – ausgezeichnet gestalteter und sorgfältig gedruckter – Band zu Schuh, der eine Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz begleitet. Herausgegeben wurde der Katalog von Peter Pfrunder, dem Leiter der Fotostiftung, in Zusammenarbeit von Gilles Mora. Mit dieser Publikation wechselt die Fotostiftung, die bisher sehr viel im Zürcher Limmat Verlag publiziert hatte, zum weitaus größeren und in der internationalen Fotoszene renommierteren Steidl Verlag in Göttingen. Weshalb ein neuer Anlauf in Sachen Schuh? Für das jüngste Schuh-Projekt wurde der Nachlass des Fotografen, der zum Großteil in der Fotostiftung Schweiz aufbewahrt wird, neu gesichtet (durch Sabine Münzenmaier), Schuhs eigenes verstreutes publizistisches Werk wurde neu ausgewertet, neue Bildbestände aus dem Besitz der Familie Schuh sind aufgetaucht, ebenso bisher unbekannte Briefe und Dokumente. Entdeckt wurde auch ein bisher unbekanntes Album mit dem Titel „Indien“, eine publizistische Vorstufe zu Schuhs wohl bekanntestem Buch, Insel der Götter, das 1940 erschien und bis Ende der 1960er Jahre 13 Auflagen erlebte.

            Rechtfertigen all diese Funde eine Neubewertung des Schweizer Fotografen? Der vorliegende Band zeichnet tatsächlich ein umfassenderes, differenzierteres Bild der Schweizer Fotografen. Er will aber auch, argumentativ vor allem den Beitrag von Gilles Mora gestützt, einen „neuen“ Gotthard Schuh zeigen. Dazu war es notwendig, den Akzent vom Pressefotografen Schuh hin zum Künstler Schuh zu verschieben. Der Fotograf, so Mora, könne als Vertreter eines „sinnlichen Humanismus“ gelten. Er sei in der Fotografie ein „Flaneur“, ein Lichtbildner, den eine Art Verliebtheit der fotografierten Welt gegenüber kennzeichnete. Mora: „Man könnte ihn (den Begriff „Verliebtheit“, A. H.) sogar als den originellsten Kern seines Œvres bezheichnen.“ Diese Interpretation Moras, die in ihrer Begründung höchst vage und ungenau bleibt, geht vor allem von den Bildern aus, er verzichtet auf fundierte Quellenstudien, die Zusammenhänge zwischen fotografischen Vorlagen und gedruckten Bildern interessieren den Autor nur am Beispiel der (frühen) Fotobücher (etwa des 1935 erschienenen Bandes Zürich), nicht aber im Falle der in der Wochenpresse gedruckten Arbeiten. Weshalb diese Interpretation? Sie ist, so steht zu vermuten, wohl auch dem Bedürfnis einer beabsichtigten Neupositionierung des Schuh’schen Werks in der internationalen Museumsszene geschuldet. Ein Schweizer Pressefotograf stieße auf weit weniger Interesse als ein poetischer Lichtkünstler.

Gilles Moras Beitrag trägt leider nur wenig zu einem differenzierten Verständnis von Gotthard Schuh bei. Der Autor argumentiert gerne „aus dem Bauch“, etwa wenn er den Band Insel der Götter als Vorläufer der humanistischen Fotografie der Nachkriegszeit bezeichnet. Um vieles fundierter und seriöser sind die Beiträge von Peter Pfrunder, der Schuhs Weg von seinen Anfängen als Zeichner und Maler über seine frühe Begeisterung für die Fotografie des Neuen Sehens (um 1930) bis hin zum bekannten Schweizer Fotoreporter nachzeichnet. Pfrunder argumentiert – und das ist gut so – sehr eng am (publizierten) Material und verzahnt in seiner Analyse auf spannende Weise Biografie und Werk. Schuh, der um 1928 als Fotograf und 1931 als Fotoreporter begann – er arbeitete vor allem für die Zürcher Illustrierte, aber auch für die kleinere Zeitung Föhn und diverse andere Blätter – ,wurde bald zu einem der bekanntesten Pressefotografen der Schweiz. In den 1930er Jahren knüpfte er auch Kontakte zur deutschen illustrierten Presse und konnte sich, als er1937/38 aus einer persönlichen Krise heraus, eine elfmonatige Reise nach Südostasien unternahm, diese Unternehmung nicht nur von der Zürcher Illustrierten, sondern auch vom Flaggschiff der deutschen Bildpresse, der großen Berliner Illustrirten und zusätzlich der Münchner Illustrierten Presse finanzieren lassen.

Es wäre spannend gewesen, diese für Schuh so erfolgreichen Ausflüge in die deutsche Bildpresse, die in den 1930er Jahren auf nationalsozialistische Linie gebracht waren, genauer zu beleuchten. Sowohl Pfrunder als auch Mora charakterisieren Schuh als dezidierten Nazi-Gegner, ohne eingehender auf die die komplexen Zusammenhänge von Schuhs Kontakten zur Presse im nationalsozialistischen Deutschland einzugehen. Um diese Fragen zu klären, wären weitere Recherchen in deutschen Archiven (vor allem bei Ullstein) notwendig gewesen. Vielleicht hätte Schuhs Image dann ein paar Kratzer bekommen. Vermutlich lavierte der Fotograf in den Jahren nach 1933 zwischen ideologischer Ablehnung des deutschen Regimes und publizistischer Abhängigkeit und ökonomischem Profit. Es wäre lohneswert gewesen, die Bali-Reise (1937/38) unter diesem Aspekt genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Reise war weit mehr als eine private Reise ins vermeintliche Paradies. Sie bediente eine, auch in der nationalsozialistischen  Bildpresse, feststellbare der Begeisterung für archaische, exotische Stoffe. In diesem Zusammenhang hätte man sich auch eingehender mit Schuhs Verhältnis zu Harald Lechenperg beschäftigen müssen, der selbst Reisfotograf war und ab 1937 die Leitung der Berliner Illustrirten Zeitung übernommen hatte.

1941, bereits wenige Jahre nach seiner Rückkehr aus Südostasien, beendete Schuh sein unstetes Reporterleben und wurde mit 44 Jahren Bildredakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung, für die er – zusammen mit Edwin Arnet – die Beilage „das Wochenende“ redigierte. Er fotografierte auch weiterhin, verlegte aber sein eigenes publizistisches Interesse auf das Medium Fotobuch. 1941 erschien im Züricher Morgarten Verlag der Band Insel der Götter. Nach 1945 erschienen weitere Fotobände: 1942 der Band 50 Photographien, 1953 Italien, 1956 Belgien, 1961 Tessin, 1964 Tage in Venedig. In seinen letzten Lebensjahren – Schuh starb 1969 – wandte er sich erneut der Malerei zu.

Martin Gasser ergänzt Pfrunders Rekonstruktion, indem er in einem ausgezeichneten Beitrag[1] der Wirkung Schuhs in den Jahren nach 1945 nachgeht. Schuh galt zwar in der Schweizer Fotografieszene als wichtige Figur, aber dennoch fand die erste Einzelausstellung Schuhs erst 1967, zwei Jahre vor seinem Tod, statt. Gasser beleuchtet Schuhs Rolle im 1951 gegründeten „Kollegium Schweizerischer Photographie“, einem wichtigen Forum der eidgenössischen Nachkriegsfotografie. Im Zentrum der Recherche steht aber das Verhältnis von Gotthard Schuh zu dem viel jüngeren Robert Frank, eine Beziehung die wechselseitig Früchte trug. Frank bewunderte Schuh als großes Vorbild und suchte Anfang der 1950er Jahre den Kontakt zu ihm. Zusammen mit Edward Steichen, damals Direktor der Fotoabteilung des Museum of Modern Art (New York), besuchte er im Oktober 1952 Schuh auf einer Europareise, um Fotomaterial für eine Ausstellung mit dem Titel „Postwar European Photography“ zu sichten und zusammenzustellen. Im Gegenzug erbot sich Frank, Schuhs Fotos in den USA zu verkaufen, ein Vorhaben, das scheiterte. Immerhin aber wurde, dank Franks Unterstützung, 1968, ein Jahr nach der ersten Einzelausstellung Schuhs in Zürich, eine reduzierte Fassung dieser Schau in New York gezeigt. Das Verhältnis der beiden Freunde war herzlich, voll vorsichtiger Anteilnahme. Schuh schrieb zu Franks Buch The Americans: „Ich kenne Amerika nicht, doch erschrecken mich Deine Aufnahmen, weil Du darin mit visionärer Wachsamkeit Dinge aufzeigst, die uns alle angehen.“ Und Frank setzte Schuh ein kleines privates Denkmal, als er in seinem 1972 erschienenen Buch The Lines of My Hand eine Fotomontage seiner bereits verstorbenen Freunde aufnahm. Im fotografischen Erinnerungsbild steht das Porträt von Schuh direkt neben jenem von Jack Kerouac.

Insgesamt betrachtet, bietet der neue Band zu Gotthard Schuh einen guten Überblick über dessen umfangreiches Œvre. Er beleuchtet einige neue Aspekte und erweitert damit die bisherige Einschätzung des Fotografen. Der auf deutsch und englisch erschienene Katalog wird aber vor allem eines leisten: Schuh, der bisher als vorwiegend Schweizer Fotograf bekannt war, international bekannter machen. Seine fotografischen Arbeiten haben diese späte Aufmerksamkeit verdient.

 

 

[1] Teile der Recherchen zum Verhältnis zwischen Gotthard Schuh und Robert Frank hat Martin Gasser bereits im jüngst erschienen Buch auf englisch publiziert: Sarah Greenough: Looking In: Robert Frank’s The Americans. Expanded Edition, hg. von der National Gallery of Art, Washington, Göttingen: Steidl, 2009. Vgl. dazu die Rezension in Fotogeschichte, Heft 113, 2009.

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