Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Matthias Christen

Mediale Erweiterungen der Dokumentarfotografie

 

 

Magnum Photos, The Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria: access to life, Preface by Desmond Tutu and Essay by Jeffrey D. Sachs, New York: Aperture, 2009, 24,1 x 28,6 cm, 310 S., 468 Farb- und Duoton-Abb., Hardcover, $49.95

 

Erschienen in Fotogeschichte 114, 2009

 

 

Einige der wichtigsten Projekte der dokumentarischen Fotografie verdanken ihr Entstehen staatlichen Organisationen und gemeinnützigen Stiftungen. Die Farm Security Administration, eine amerikanische Regierungsbehörde, legte in den 1930er Jahren ein Programm auf, in dessen Rahmen Dorothea Lange und Walker Evans den von Dürren und der Grossen Depression geplagten Mittleren Westen bereisten und das Leben der Wanderarbeiter dokumentierten. Lewis Hines berühmte Aufnahmen von Kinderarbeitern in Fabriken und Zechen waren Anfang des letzten Jahrhunderts zunächst für die sozialreformerischen Broschüren und Zeitschriften des National Child Labor Committee bestimmt. Und in einer Zeit schrumpfender Presseetats waren es in den letzten Jahren vor allem staatliche und private Kulturstiftungen wie die John Simon Guggenheim Foundation, The National Endowment for the Arts, La Fondation de France oder das von George Soros finanzierte Open Society Institute, die dafür sorgten, dass große dokumentarische Arbeiten wie die von Gilles Peress zum Bürgerkrieg in Ruanda (The Silence, Zürich, New York: Scalo [1995]) oder Bosnien (Farewell to Bosnia, Zürich: Scalo [1994]) weiter haben erscheinen können.

access to life steht in dieser langen und ergiebigen Tradition öffentlich alimentierter Dokumentarfotografie. Auftraggeber ist in diesem Fall der Global Fund, eine internationale Organisation, die 2001 auf Betreiben des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan geschaffen wurde und sich seither für die Bekämpfung der drei großen Pandemien Aids, Tuberkulose und Malaria engagiert. In Zusammenarbeit mit nationalen und regionalen Hilfsprogrammen hat der Global Fund in den ärmsten Ländern der Welt rund drei Millionen HIV-Infizierte den Zugang zu einer kostenlosen Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten ermöglicht und damit eine Revolution ausgelöst, die in der Weltöffentlichkeit bislang weitgehend unbeachtet geblieben ist. Denn obwohl die neuen Medikamente mittlerweile vielen Kranken die Rückkehr in ein halbwegs normales Leben erlauben und die Sterberaten deutlich gesunken sind, wird die massenmediale Ikonografie der Krankheit noch immer von den aus den 1980er und 90er Jahren bekannten Bildern moribunder AIDS-Patienten beherrscht. Der Global Fund hat daher acht Fotografen der Agentur Magnum beauftragt, in neun Ländern rund vierzig HIV-Patienten stellvertretend für die unterstützten drei Millionen über eine Zeit von insgesamt acht Monaten zu begleiten, und zwar vier Monate vor bis vier Monate nach der ersten Behandlung mit den antiretroviralen Medikamenten.

Magnum hat eine lange Geschichte in weltumspannenden Vorhaben dieser Art. 1947/48 realisierten die Mitglieder der neu gegründeten Agentur als erstes Großprojekt unter dem Titel „People Are People All Over the World“ eine Geschichte über das Leben von Bauernfamilien in den unterschiedlichen Erdteilen. Die Reportage erschien in Ladie’s Home Journal und setzte mit der humanistischen Vorstellung, die Menschen seien einander über alle nationalen, ideologischen und ethnischen Grenzen hinweg im Grunde gleich, den Ton für Edward Steichens The Family of Man-Ausstellung, an der Magnum maßgeblich beteiligt war. Neu an access to life ist, dass die Bilder ursprünglich nicht für eine Printveröffentlichung, sondern eine Multimediapräsentation im Internet mit anschließender Ausstellung in Galerien und Museen bestimmt waren. Die nun im Aperture Verlag erschienene Buchpublikation ist also nur das letzte Glied in einer längeren, medienübergreifenden Verwertungskette, deren Anfänge in Gestalt einer beigelegten DVD als Bonusmaterial greifbar bleiben.

Der Ausbau der Multimediasparte, den Magnum in den letzten Jahren unter dem erweiterten brand name „Magnum In Motion“ massiv vorangetrieben hat, hat der Agentur neue Geschäftsfelder und Vertriebswege erschlossen und war im Fall von access to life maßgeblich dafür verantwortlich, dass Magnum im Wettbewerb mit den Konkurrenten vom Global Fund den Zuschlag erhalten hat. Die parallele Publikation von Buch und DVD erlaubt nun im unmittelbaren Vergleich abzuschätzen, was die mediale Erweiterung der Dokumentarfotografie über die ökonomischen Vorzüge hinaus ästhetisch bringt. Sie betrifft vorrangig zwei Dimensionen, die auditive und die der Bewegung, und rückt so die Fotografie näher an den Film heran.

In fast allen neun Beiträgen sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der vom Global Fund mitfinanzierten Behandlungsprogramme nicht nur zu sehen, sondern dank separat aufgezeichneter und später unterschnittener Audioaufnahmen auch zu hören. Sie selbst oder ihre Angehörigen berichten von ihrem Leben, dem Verlauf der Therapie, ihren Zielen und den vom medizinischen Fortschritt wiederbelebten Hoffnungen. Im Buch sind diese Äußerungen als Zitate an den Rand gesetzt. Voll zum Tragen kommen sie jedoch erst in der medial erweiterten Fassung der Beiträge. Die Stimmen und ihr Timbre, dessen Wechsel auf das Befinden der Sprechenden, ihre weiter abnehmenden oder aber wiederkehrende Kräfte schließen lassen, schaffen eine enge sensorische Bindung an den Referenten. Selbst wo die Fotos sich ausnahmsweise von den einzelnen Schicksalen lösen und wie bei Pellegrins Malibildern vorübergehend ins Ikonenhafte zu kippen drohen, binden die parallel laufenden Stimmen sie an die abgebildete Person zurück und appellieren an die Empathie der Betrachter.

Während die Bildstrecken in der Multimediaversion dank der untergeschnittenen Stimmen durchweg gewinnen, fällt die zweite auditive Weiterung, der Einsatz von Musik, nicht in allen Fällen gleich überzeugend aus. Die Beiträge von Alex Majoli zu Russland und Paolo Pellegrin zu Mali markieren in dieser Hinsicht Extreme. Bei Majoli wird zu einer Nahaufnahme eines Patienten in einem Petersburger Krankenhaus kurz eine Instrumentalsequenz eingespielt. Zuvor hatte man von dessen Mutter erfahren, dass der nunmehr erwachsene Sohn zeitlebens etwas Kindliches behalten hat und ihm die Popmusik seiner Altergenossen stets fremd geblieben ist. Die Wahl des traditionellen musikalischen Motivs ergibt sich also aus dem Erzählfluss; es charakterisiert die abgebildete Person und ist Teil ihrer Lebensgeschichte, deren – wie sich zeigen wird – letztes Kapitel Majolis Bildstrecke aufblättert.

Paolo Pellegrins Mali-Geschichte ist dagegen praktisch durchgängig mit Musik unterlegt. Mehr oder minder dominant begleitet sie die Bilder als akustischer Dauerkommentar und versieht im rhythmisch-modalen Wechsel den günstigen Therapieverlauf mit dem vermeintlich nötigen upbeat. Der exzessive Einsatz geografisch einschlägiger Musik ethnologisiert in diesem Fall das fotografische Material und verweist wider Willen auf den blinden Fleck, den access to life mit der westlichen Welt ausspart. Natürlich liegt diese nicht im Themenbereich, den der Global Fund als Organisation vorgibt, die sich mehrheitlich in ärmeren Ländern engagiert, und es wäre falsch von access to life erwarten, dass es die reicheren Geberländer mit abdeckt. Dennoch macht ein Beitrag wie der von Pellegrin die Grenzen spürbar, an die access to life als Auftragsproduktion und Teil einer Imagekampagne stößt.

Die Resultate, die die mediale Weiterung der Fotografie in access to life erbringt, fallen aufs Ganze sehr unterschiedlich aus. Beiträge wie die von Bendiksen, Majoli, Peress und Goldberg besetzen mit ihren komplexen Montagemustern und Bewegtbildsequenzen auf faszinierende Weise ein Grenzgebiet zwischen Film und Fotografie, Buch-, Online- und Ausstellungspräsentation (s. www.theglobalfund.org/html/accesstolife/en/exhibition/) und halten sich als hybride Formen problemlos in den wechselnden Kontexten. Bei den fotografisch traditionelleren Strecken von Larry Towell (Swaziland, Südafrika) läuft die Technik in den Multimediaversionen dagegen leicht ins Leere; die Stärke dieser Beiträge liegen klar im klassischen Printbereich. Lösgelöst vom Thema, das durch den Global Fund als Auftraggeber gesetzt war, gibt access to life als kombiniertes Buch-, Online-, DVD- und Ausstellungsprojekt ein beeindruckenden Ausblick darauf, was aus der Dokumentarfotografie in einer veränderten Medienlandschaft werden kann.

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