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Anton Holzer

Wieso Steichen jetzt"

William A. Ewing, Todd Brandow (Hg.): Edward Steichen: In High Fashion. Seine Jahre bei Condé Nast 1923-1937 – Mit Essays von Tobia Bezzola, William A. Ewing, Nathalie Herschdorfer und Calol Squiers, Ostfildern: Hatje Cantz, 2007 (die englische Originalausgabe erschien 2007 bei FEP Editions LLC, Minnapolis, USA) – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung an folgenden Orten: Jeu de Paume, Paris, Herbst 2007; Kunsthaus Zürich (11. Januar bis 30. März 2008); Chiostri di San Domenico, Reggio Emilia; Museo del Traje, Madrid; Kunstmuseum Wolfsburg; International Center of Photography, New York, Williams College of Art, Williamstown, Massachusetts; Art Gallery of Ontario, Montreal (Herbst 2009) – 31.5 x 26,5 cm, 288 Seiten, 242 Abb. in S/W und Farbe, gebunden mit Schutzumschlag – 58 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 110, 2008

Edward Steichen (1879–1973) ist (wieder) in aller Munde. Im Jahr 2006 wurde seine Aufnahme "Weiher im Mondlicht" (1904) um 2,9 Millionen Dollar versteigert. Einige Monate lang hielt dieser Rekord der bislang teuersten Fotografie, bevor er neuerlich überflügelt wurde. Steichen wird weltweit nicht nur als piktorialistischer "Meisterfotograf" gesehen, bekannt ist er auch als Leiter der Fotosammlung am Museum of Modern Art (MOMA) und Kurator der berühmten Family of Man-Ausstellung, die – auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – ab 1955 die Botschaft des Humanismus in alle Welt tragen sollte. Nun werden Steichens "mittleren Jahre" neu beleuchtet, jene Zeit, als er Cheffotograf des amerikanischen Zeitschriftenkonzern Condé Nast war (1923 bis 1937).

Eine ganze Reihe von Büchern und Katalogen haben, vor allem im amerikanischen Raum, den jüngsten Steichen-Hype begleitet bzw. vorbereitet. Vor gut zehn Jahren erschien die von Ronald J. Gedrim herausgegebene Textsammlung Edward Steichen. Selected Texts and Bibliography, im Jahr darauf (1997) folgte die Steichen-Biografie von Penelope Niven (Steichen. A Biography) und der Band von Patricia Johnston: Real Fantasies. Edward Steichen"s Advertising Photography. 1999 folgte der Ausstellungskatalog Steichens Early Years, der von Joel Smith herausgegeben wurde. Die Ausstellung fand am Metropolitan Museum of Art, New York, statt. Die vorläufig letzten publizistischen Bausteine dieser Denkmalsetzung wurden im letzten Jahr aufgeschlichtet. Es handelt sich um die Ausstellungen "Edward Steichen. Ein Leben für die Fotografie", die seit 2007 auf Tournee ist und die jüngste Steichen-Schau "Edward Steichen: In High Fashion. Seine Jahre bei Condé Nast 1923–1937", die ebenfalls seit Spätherbst 2007 durch Europa und die USA/Kanada tourt. Beide Projekte werden von voluminösen Katalogen begleitet, von denen der zweite hier vorgestellt wird. Neu (gegenüber den Werken aus den 1990er Jahren) ist, dass diese Publikationen sich nicht in erster Linie als fundierte wissenschaftliche Annäherungen verstehen, sondern prächtig aufgemachte und – wie bei Cantz üblich – hervorragend gedruckte Bildbände sind, die sich nicht so sehr an ein Fachpublikum, sondern an ein breite Leserschaft wenden. Anders als die bisherigen Steichen-Bände, sind die neuesten Bücher von Anfang an auch auf deutsch (und in anderen europäischen Sprachen) erschienen, da sie das Ergebnis musealer Kooperationen sind. Die Ausstellung "Edward Steichen. In High Fashion" wurde (wird) zwischen Oktober 2007 und Ende 2009 an folgenden Orten gezeigt: Jeu de Paume, Paris, Herbst 2007; Kunsthaus Zürich; Chiostri di San Domenico, Reggio Emilia; Museo del Traje, Madrid; Kunstmuseum Wolfsburg; International Center of Photography, New York, Williams College of Art, Williamstown, Massachusetts; Art Gallery of Ontario, Montreal (Herbst 2009). Im deutschsprachigen Raum war also nur eine Station vorgesehen, nämlich das Kunsthaus Zürich, wo die Ausstellung vom 11. Januar bis 30. März 2008 zu sehen war.

Will man nachvollziehen, warum Edward Steichen in den letzten Jahren als Fotograf wieder entdeckt wurde, ist es ratsam den Vorworten und Einleitungen der beiden letztgenannten, jeweils von William A. Ewing und Todd Brandow herausgegebenen Coffee-Table-Books zu misstrauen. William A. Ewing, der Direktor des Musée de l"Elysée, wirft im Vorwort des vorliegenden Kataloges mit Superlativen geradezu um sich, wenn es darum geht, Steichens "Meisterschaft" auch in dessen journalistischem Werk hervorzuheben und die angeblich überragende Qualität seiner Arbeiten gegenüber jenen seiner Kollegen hervorzuheben. Steichen, so argumentiert er, gilt als "Erfinder der modernen Modefotografie", ein "unerschöpflicher Einfallsreichtum" kennzeichne seine Arbeiten, während das Repertoire seiner Kollegen war "eher begrenzt" gewesen sei. "Dagegen", schreibt Ewing, "wirkt Steichen wie der Jüngere, Einfallsreichere, Kreativere." Er bringt seine Bewunderung in einem einzigen Satz auf den Punkt: "Steichens beste Arbeiten sind bis heute einfach unübertroffen."

Glücklicherweise revidiert Tobia Bezzola, Kurator am Kunsthaus Zürich, in seinem Katalogbeitrag diese euphorische Einschätzung und argumentiert zu Recht, dass der Erfolg Steichens als Zeitschriftenfotograf gerade nicht in seiner modernistischen Haltung, sondern vielmehr in seiner pragmatisch-professionellen Bildsprache lag, die sich gegen gewagte Experimente sperrte. Im Grunde, so argumentiert er, schwor Steichen in den 1920er Jahren zwar dem Piktorialismus ab, aber er ersetzte ihn nicht durch die Moderne sondern durch das Art déco.

            Wieso also Steichen jetzt" Die gegenwärtige Neubewertung Steichens als Pressefotograf ist vermutlich weniger seiner angeblichen "Meisterschaft" zu verdanken, die man erst jetzt erkennt, sondern viel eher dem aktuellen Boom der historischen Pressefotografie geschuldet. Diese wird seit einigen Jahren unter großem medialen Aufwand wieder entdeckt. Was lange Zeit als Handwerk galt, gilt nun als Kunst. Vintage Prints bekannter Pressefotografen werden um viel Geld gehandelt und in den großen Kunstmuseen ausgestellt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich immer neue Zeitungs- und Zeitschriftenarchive öffnen, um den Museen wie dem Kunstmarkt reichlich hochwertigen Nachschub zu verschaffen.

            Als die am Vorgänger-Projekt "Edward Steichen. Ein Leben für die Fotografie" beteiligten Forscher arbeiteten, entdeckten sie im Verlagsarchiv von Condé Nast rund 2000 Originalabzüge Steichens aus seiner Zeit als Cheffotograf von Vanity Fair und Vogue (1923–1937). Aus diesem Material sind nun die Ausstellung und der vorliegende Katalog zusammengestellt. Anfang 1923 erhielt Steichen die Stelle bei Condé Nast. ER war zu diesem Zeitpunkt gerade von Europa in die USA zurückgekehrt, hatte eine gescheitere Ehe hinter sich, war von Geldsorgen geplagt war und befand sich – so will es die Legende – in einer künstlerischen Schaffenskrise. Er folgte Baron Adolphe de Meyer nach, dem ersten Modefotografen bei Nast, der zum Konkurrenzkonzern, nämlich zu William Randolph Hearsts Harper"s Bazaar wechselte. Steichen war, als er bei Nast begann, längst kein Unbekannter mehr. Er hatte sich nicht nur als Künstler einen Namen gemacht, sondern früh damit begonnen, Prominente zu fotografieren. Bereits 1907 hatte er die Frau des Pressemagnaten Condé Montrose Nast porträtiert, 1917 lieferte er eine Aufnahme von Nasts Tocher Natica, die in Vanity Fair veröffentlicht wurde. Auch Modeaufnahmen hatte er schon 1911, also lange vor seiner Zeit als Zeitschriftenfotograf, gemacht. Im Auftrag von Lucien Vogel, dem Herausgeber der Zeitschrift Art et décoration, fotografierte er seine Modelle noch ganz im Stil des Piktorialismus.

            Steichen begann seine Karriere als Zeitschriftenfotograf zu einem Zeitpunkt, als die französische Modeindustrie infolge des Krieges am Boden lag und die amerikanische Konkurrenz sich anschickte den europäischen Markt zu überholen. Er begann für Vanity Fair und Vogue zu arbeiten, als die beiden Zeitschriften zu ihrem Erfolgskurs ansetzten. In der Zwischenkriegszeit stieg die Auflage der Illustrierten rapide an, die Fotografie hatte nun endgültig die Zeichnung als Illustrationsmittel abgelöst. Der Starkult der Theater- und Filmdiven verlagerte sich in die Magazine, die Fotografie wurde zum unumstrittenen Vehikel des Glamour. In seinen Fotoarbeiten für Vogue und Vanity Fair griff Steichen die neuen Trends der Zeit auf und setzte sie in technisch perfekte Bilder um. Er verschmolz die Prominenten- und Starfotografie zunehmend mit der Modefotografie, ab Mitte der 1920er Jahre rückte er dezidiert von den piktorialistischen Bildtraditionen ab und setzte stärker auf klare, nüchterne, modernistische Lösungen. Als 1928 der aus der Ukraine stammende Mehemed Fehmy Agha, der zuvor bei der deutschen Vogue in Berlin gearbeitet hatte, Art Director bei der amerikanischen Vogue wurde, hielt diese nüchterne, aber gemäßigte Moderne noch deutlicher Einzug in Steichens Fotografie. Er arbeitete mit abstrakten Kulissendesigns, geometrischen, architektonischen Strukturen, und vor allem mit aufwändigen Licht- und Schatteneffekten. Aber trotz aller Neuerungen blieb er letztlich ein Konservativer. Die künstlerischen Experimente der Zwischenkriegszeit, Dadaismus und Surrealismus, Montage und Collage, Konstruktivismus und Neue Sachlichkeit verwarf er. Unter Steichens Leitung wurde das Fotoatelier zur Hightech-Lichtmaschine ausgebaut, die spärliche künstliche Beleuchtung, mit der noch sein Vorgänger gearbeitet hatte, wurde nach und nach durch ein ausgefeiltes Lampensystem ersetzt, mit dessen Hilfe er Mannequins und Stars in Szene setzte. Als Steichen 1937 seinen Dienst bei Condé Nast quittierte, war sein Fotoatelier in New York zur technisch hochgerüsteten Starfabrik geworden. Kein Wunder, wenn in diese Richtung keine Steigerung mehr möglich erschien. Nun war wieder die Konkurrenz am Zug. Carmel Snow, die Herausgeberin von Harper"s Bazaar, engagierte Martin Munkacsi als Modefotografen. Und dieser setzte in der Inszenierung der Modelle nicht etwa, wie das Steichen getan hatte, auf die perfekt ausgeleuchteten Innenaufnahmen. Vielmehr befreite er sich mit einem Schlag vom technischen Ballast des Ateliers. Die ersten Bilder, die er bereits im November 1933 im Auftrag Snows aufgenommen hatte, entstanden im Freien, am Strand von Long Island. Die Regie des Fotografen erscheint extrem reduziert, die Modelle trugen flatternde Kleider, die nicht in der Vantilatorluft wehten, sondern im Meereswind.

            Edward Steichen: In High Fashion ist ein sonderbares Buch. Es handelt von Steichen als Mode- und Pressefotograf und schafft es, praktisch keine Beispiele für gedruckte Bildlösungen zu bringen. Es handelt von Vanity Fair und Vogue und schafft es, den publizistischen, ökonomischen und politischen Hintergrund dieser Magazine fast vollkommen auszublenden. Es öffnet das Fotoarchiv von Condé Nast und schafft es, das Textarchiv des Konzerns (das erhalten ist), zu ignorieren. Auf diese Weise entsteht ein schön aufgemachter Bildband mit erstaunlich wenig Tiefgang, ein Coffee-Table-Book mehr als ein fundierter Ausstellungskatalog. Es passt ausgezeichnet zur Schau selbst, die, zumindest im Kunsthaus Zürich, als reine Fotogalerie von Prominenten und Models inszeniert ist. Ein einziger kurzer Text am Beginn stellt die Bilder vor, dann darf das Auge schweifen und schwelgen, keinerlei Hintergrundinformation stellt sich dem Besucher störend in den Weg. Als einziges Vademecum ist ihm eine 31seitige Broschüre mit dem Titel Edward Steichen: In High Fashion. Seine Jahre bei Condé Nast 1923-1937. Ein Who is Who mitgegeben, die kaum eine Frage zur Identität der dargestellten Personen offen lässt. Das von Nathalie Herschdorfer zusammengestellte Heftchen informiert über die Lebensläufe der in den Bildern inszenierten Celebrities, von der dänischen Schauspielerin Gwili André bis zur russischen Großfürstin Youssoupoff. Aber über diese Details hinaus hat die Ausstellung keine einzige Frage gestellt, geschweige denn beantwortet. Dies ist beileibe kein Missgeschick, denn den Zweck, den Ausstellung und Katalog verfolgen, erreichen sie zweifellos: sie tragen dazu bei bei, Steichens Ruf als Starfotograf zu festigen und den Wert seiner Vintage Prints am Kunstmarkt der Fotografie zu steigern.

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