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Inge Morath: Myfair, Curzon Street, London 1953 (aus dem besprochenen Band)

Anton Holzer

Magnum 1955: Und alle Fragen bleiben offen"

MAGNUM"S first, Hg. von Peter Coeln, Achim Heine, Andrea Holzherr, mit einem Text von Christoph Schaden – Ostfildern: Hatje Cantz, 2008 – Dt./Engl./Fanz. – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in WestLicht. Schauplatz für Fotografie 8. April bis 15. Mai 2008, in der Flo Peters Gallery, Hamburg (September, Oktober 2008), im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern (Februar bis Mai 2009) – 32,5 x 24,5 cm, 211 S., 83 Abb. in Farbe – 39,80 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 108, 2008

Als "spektakuläre Entdeckung" kündigt der Verlag diese Publikation an. Und die Presse greift das offerierte Spektakel gerne auf. Am 10. April 2008 schreibt die Zeitschrift Stern: "Dan-Brown-Fans hätten ihre Freude an dieser Geschichte: 50 Jahre lang liegen zwei unscheinbare Holzkisten im Keller des Institut Français in Innsbruck. Niemand sucht sie, weil sie offenbar niemand vermisst. Jahr um Jahr gehen Menschen einfach an ihnen vorbei, wenn sie stören, werden sie zur Seite gepackt. Dann, 2007, als das französische Kulturinstitut, in dessen Heizungsraum sie mittlerweile stehen, umzieht, wird der Keller ausgeräumt. Ein Mitarbeiter öffnet die Kisten und findet einen sensationellen Schatz.

Sorgfältig verpackt mit genauer Anleitung für Bildlagerung und -hängung kommt eine Gruppenausstellung der Fotoagentur Magnum aus dem Jahr 1955 zum Vorschein: "Gesicht der Zeit" besteht aus 83 Schwarzweiß-Abzügen von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Werner Bischof, Ernst Haas, Inge Morath, Erich Lessing, Jean Marquis und Marc Riboud. Kurze Zeit später klingelt bei Andrea Holzherr im Pariser Büro der Magnum-Agentur das Telefon. Sie und die Geschichtsschreiber der Agentur dachten bisher, die erste Magnum-Gruppenschau sei 1956 auf der Kölner Photokina zu sehen gewesen."

Was ist das Sensationelle an dieser Ausstellung, die nach über fünf Jahrzehnten aus dem Keller geholt wurde" Dass sie um ein paar Monate älter ist als die erste Magnum Gruppenausstellung" Dass die Ausstellung in ihrer ursprünglichen Form erhalten ist – Fotos, montiert auf farbige Holzfaserplatten, verpackt in originalen Holzkisten. Mehr nicht" Offenbar reichen diese paar Details, um aus einer kleinen Ausstellung aus dem Jahr 1955 eine veritable Mediensensation zu machen.

Betrachtet man Ausstellung und Katalog genauer, bleibt von der angeblichen Sensation nicht viel übrig. Gewiss, es ist interessant, wenn in einem Keller eine alte Ausstellung aus dem 50er Jahren zutage kommt. Und es ist löblich, wenn diese, weil sie den Namen "Magnum" trägt, im Jahr 2008/2009 wieder auf Tournee geht. Aber was sonst zeichnet diese angeblich so spektakuläre Schau aus. Die Bilder" Wohl kaum, denn für die kleine Wanderausstellung wurden nicht die besten Reportagen der Agentur ausgesucht, sondern – vielleicht mit Ausnahme der Arbeit von Cartier-Bresson, der in beeindruckenden Bildern die letzten Tage Mahatma Gandhis und die ersten Tage nach seiner Ermordung zeigt – auffallend viel Menschenbilder, Mittelmaß und Folkloristisches. Capa etwa wird nicht als Kriegsfotograf vorgestellt, sondern mit einer Arbeit aus dem Baskenland, die er 1951 für die Zeitschrift Holiday fotografiert hatte. Interessant ist die Ausstellung also weniger als Musterschau der hohen Reportagekunst, sondern vielmehr als politisches Projekt. Im selben Jahr 1955, als die Magnum-Ausstellung von Innsbruck ausgehend, ein halbes Jahr durch Österreich tourte, startete auch die mit 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern um ein Vielfaches umfangreichere (und politisch weit folgenreichere) Ausstellung "Family of Man", die von Edward Steichen zusammengestellt wurde. Steichens Schau, eine mit Unterstützung der amerikanischen Regierung propagierte Vision der im Geist des Humanismus verwandtschaftlich geeinten Welt, war als politischer Schachzug vor dem Hintergrund des Kalten Krieges gedacht. Nachdem die Agentur Magnum für dieses Projekt gut zehn Prozent der Bilder beigesteuert hat, wäre es nahe liegend gewesen, die Querverbindungen beider Ausstellungen genauer zu untersuchen. Und man wäre bald fündig geworden: den humanistischen Impetus finden wir auch in der Magnum-Schau, auch dort spielt – ebenso eingebettet wir in der "Family of Man"-Ausstellung – das sanfte Menschenbild (des Westens) eine wichtige propagandistische Rolle. Natürlich steht die Magnum-Ausstellung größenmäßig deutlich im Schatten der Steichen-Schau, sie wurde nur in fünf österreichischen Städten gezeigt und Anfang 1956 wieder eingemottet.

Trotz ihrer geringen Größe und Reichweite wäre die Position der Magnum-Ausstellung im gesellschaftspolitischen Feld der 50er Jahre ein spannender Ausgangspunkt für die aktuelle Ausstellung und den begleitenden Katalog gewesen. Aber leider wurde weder dieser noch ein anderer Faden der Zeitgeschichte aufgegriffen. Nicht einmal Querverbindungen zur gedruckten Form der Reportage, die in der zeitgenössischen Hängung offenbar angestrebt wurden, wird im Katalog nachgegangen. Ausstellung und Katalog zeigen kein einziges historisches Beispiel einer Illustrierten. Das Projekt verleugnet damit geradezu die Herkunft der Schau aus dem gedruckten Massenmedium. Fünf Jahrzehnte nach der Erstpräsentation sind aus den auf Holzfaserplatten geklebten Bilder "Vintage Prints" geworden, die, im Interesse einer symbolischen Wertsteigerung, ihre Herkunft als reproduzierbare Massenbilder abstreifen müssen.

Viele weitere Fragen bleiben offen: Warum wurde die Schau in Österreich gezeigt, warum gerade 1955/56" Auch darüber gibt der Katalog keine Antwort. Dabei wäre es nicht allzu schwierig gewesen, den zeithistorischen Hintergrund zu rekonstruieren. Die erste Station der Magnum-Ausstellung fiel – gewiss nicht zufällig – in die Zeit unmittelbar nach dem Abschluss des österreichischen Staatsvertrags, der am 15. Mai 1955 unterzeichnet wurde. Am 15. April 1955 war es der österreichischen Delegation gelungen, das Moskauer Memorandum abzuschließen, jenes Dokument, in dem sich Österreich verpflichtete "immerwährend eine Neutralität der Art zu üben, wie sie von der Schweiz gehandhabt wird". Kurze Zeit später fanden in Wien die Detailverhandlungen zum Staatsvertrag statt. Am 15. Mai 1955 wurde er im Schloss Belvedere (In Klammern: wohl nicht zufällig zeigt eines der Fotos von Erich Lessing Wiener Kinder vor ebendiesem Schloss Belvedere, das zentral werden sollte für das politische Selbstverständnis Österreichs im Jahre 1955) unterzeichnet. Ein umjubeltes Datum in der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Julius Raabs Satz "Österreich ist frei!" wurde in all seiner Euphorie und zugleich Missverständlichkeit (wenn 1955 als Jahr der Befreiung gilt, was geschah dann 1945") zum Ausspruch, auf dem die kollektive Selbstwahrnehmung der Nachkriegszeit fußte. Das Frühjahr 1955 brachte eine Welle des patriotischen Aufbruchs, der wirtschaftlichen Expansion, des politischen Selbstbewusstseins. 1955 trat Österreich der UNO bei, ein Jahr darauf dem Europarat. "Aufbau" war das magische Wort, das 1955 Politik und Wirtschaft beherrschte.

Die Magnum-Schau tourte also durch ein Land, das 1955 dabei war, de facto dem antikommunistischen Block des Westens zugeschlagen zu werden. "Die Neutralität", verkündete der österreichischen Bundeskanzler Julius Raab bei der Debatte über das Neutralitätsgesetzes am 26. Oktober 1955, "verpflichtet den Staat, aber nicht den einzelnen Staatsbürger." Und er setze hinzu: "Damit ist auch keine Verpflichtung zur ideologischen Neutralität begründet." Im Klartext hieß das: Österreich stand wirtschaftlich und ideologisch eindeutig im Lager des Westens. So wie die Ausstellung "Family of Man" zementierte auch die Magnum-Ausstellung in ihrem humanistischen Zuschnitt die offensive Politik des Westens in der Phase des Kalten Krieges. Die Magnum-Ausstellung zeigte zwar einen Blick hinter den "Eisernen Vorhang", etwa in den Aufnahmen von Werner Bischof, verschwieg aber natürlich, dass diese ursprünglich ganz und gar nicht als Bilder des Kalten Krieges gedacht waren. Bischofs große Osteuropa-Reportage erschien – vermittelt über Magnum – 1949 in der Zeitschrift Life. Während der beiden Jahre, die zwischen seiner Fotoreise (1947) und der Publikation (1949) vergangen waren, hatte der Kalte Krieg Europa geteilt. Die neugierige fotografische Bestandsaufnahme in den Ländern Osteuropas, die für Bischof mit dem Traum einer besseren, sozialistischen Nachkriegszeit verbunden war, wurde für Life zum Spielmaterial im Kalten Krieg. Als Bischof die gedruckte Reportage sah, war er entsetzt: "Life machte im Dezember 1949 aus Osteuropa "Iron Curtain Countries". Elf Seiten Photos, aber ganz schlimme "Kalte Krieg" Texte." Auch darüber lesen wir im Katalog nichts.

Wieso wurde die Ausstellung vom französischen Kulturinstitut in Innsbruck vermittelt" Warum wurden, neben den drei österreichischen (Lessing, Morath und Haas), einem ungarischen (Capa) und einem Schweizer (Bischof) fast ausschließlich französische Magnum-Fotografen gezeigt und beispielsweise keine amerikanischen (obwohl diese ab Anfang der 50er Jahre eine immer wichtiger Rolle in der Agentur spielten). Auch dieser Kontext hätte mit etwas Mühe auf spannende Weise rekonstruiert werden können. Man hätte die Rolle des französischen Kulturinstituts in Innsbruck, das von 1945 bis 1955 eine wichtige Rolle in der Vermittlung und Propagierung westlicher (v.a. französischer) Kultur im französisch kontrollierten Sektor Österreichs (Tirol und Vorarlberg) und darüber hinaus spielte und auch andere Fotoausstellungen nach Österreich vermittelte, berücksichtigen müssen, indem man bereits vorhandene Studien zum Thema sichtet und ergänzt. Aber auch hier: der Katalog leistet das leider nicht. Das ist schade.

 

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