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Rekonstruktion eines Verbrechens, ohne Datierung, Fototeca Nacional, Archiv Casasola,, Negativ Nr. 74296 (aus dem besprochenen Band).

Matthias Christen

Die dunkle Seite der mexikanischen Moderne

Jesse Lerner: The Shock of Modernity: Crime Photography in Mexico City, Mexico: Turner, 2007 – 25 : 19,5 cm, 136 Seiten, 115 Abb. in Farbe und S/W, broschiert – 24,20 Euro (europäischer Vertrieb: Idea Books, Amsterdam, www.ideabooks.nl)

Erschienen in: Fotogeschichte 108, 2008

Mit über einer halben Million Bilder ist das Casasola-Archiv eine der wichtigsten Fotosammlungen zur Geschichte Mexikos in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Grossteil Aufnahmen stammt aus dem Bestand der Agencia Fotográfica Nacional, der Fotoagentur, die Agustín Victor Casasola 1912 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Miguel gründete, um sich besser gegen die wachsende Konkurrenz internationaler Fotojournalisten behaupten zu können, die nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges Anfang der 10er Jahre ins Land strömten. Neben den Bildern der mexikanischen Revolution, die das über mehrere Generationen weiter geführte Familienunternehmen berühmt machten, enthält das Archiv eine umfangreiche Sammlung sogenannter judiciales aus den 20er und 30er Jahren. Es handelt sich dabei um Fotos, die in unterschiedlichen Subgenres Gewaltverbrechen und deren Bekämpfung durch die Polizei und Justiz thematisieren. Während die in vieler Hinsicht vergleichbaren New Yorker Kriminalreportagen Weegees den Weg aus dem publizistischen Tagesgeschäft in den fotografischen Kanon des 20. Jahrhunderts gefunden haben, waren die der Casasolas außerhalb Mexikos bislang kaum bekannt. In seinem Buch The Shock of Modernity: Crime Photography in Mexico City präsentiert Jesse Lerner, Dokumentarfilmer und Associate Professor of Media Studies am kalifornischen Pitzer College, nun erstmals eine umfangreiche Auswahl aus jenem Teil der Casasola-Sammlung und ordnet die Bilder in einen weiteren kultur- und pressegeschichtlichen Kontext ein.

Ähnlich wie Weegee versorgten die Casasolas die Massenpresse und ihr sensationshungriges Publikum fortlaufend mit Tatortfotos, Aufnahmen von Verbrechern (vgl. Abb. 1) und deren blutüberströmten Opfern sowie mit Bildern der Polizeiarbeit. Daneben dokumentierten die Fotografen der Agentur allerdings auch die nachträgliche, vom Gericht angeordnete szenische Rekonstruktion der Verbrechen (vgl. Abb. 2). Die eigentümliche Stellung zwischen Fakt und Fiktion macht diese Bilder zu den ästhetisch interessantesten des ganzen Bandes. Sie halten ein Prozedere fest, das ein unerlässlicher Bestandteil der juristischen Wahrheitsfindung ist. Zugleich erinnern sie an Szenenfotos aus zeitgenössischen Gangsterfilmen und appellieren wie sie an die Einbildungskraft des Betrachters, sich auszumalen, was zwischen Opfer und Täter vorgegangen ist.

Lerner sieht im Hunger von Presse und Publikum nach derartigen Bildern, die zuhauf in Tageszeitungen und spezialisierten Fachpublikationen – mitunter in Nachbarschaft zu fiktionalen Kriminalgeschichten – erschienen sind, eine Reaktion auf den Prozess der beschleunigten sozialen und wirtschaftlichen Modernisierung, die Mexiko nach der Revolution in den 20er Jahren erfasste und die von weiten Teilen der Bevölkerung als beängstigend erfahren wurde: "Photojournalism and criminology", so Lerner, "had changed over the course of the Revolution. In the new social order emerging painfully from the ashes, crime gained new significance not as a symptom of the general population"s backwardness and inferiority, but on the contrary, as proof of a new emergent modernity" (44).

Lerner setzt diese neue, massenmedial verbreitete Form der Kriminalfotografie in einem diskurshistorischen Rückgriff von den älteren anthropometrischen und polizeilichen Traditionen ab, in denen die Fotografie – in Anlehnung an europäische Vorbilder wie Louis Adolphe Bertillon – vorrangig als Mittel der sozialen Kontrolle und der "wissenschaftlichen" Kategorialisierung von Verbrechertypen genutzt wurde. Zugleich stellt er Querverbindungen her zwischen der zeitgenössischen Bildpresse und den parallel laufenden Strömungen des ästhetischen Modernismus, die sich auf Sujets und Personen gleichermaßen erstrecken. So geriet die Fotografin Tina Modotti 1929 als Vertreterin der mexikanischen Avantgarde unfreiwillig in den Fokus der (Bild-)Berichterstattung, als ihr damaliger Geliebter Julio Mella, der Mitbegründer der kommunistischen Partei Kubas, während eines gemeinsamen Spaziergangs erschossen wurde. Aufnahmen aus dem Casasola-Archiv zeigen Modotti beim Verhör durch die Polizei und der Rekonstruktion des Tathergangs. Die Stärke von The Shock of Modernity liegt hier wie in anderen Fällen darin, dass Lerner das Bildmaterial jeweils im publizistischen Gebrauchskontext verortet, für den es ursprünglich bestimmt war; so sind neben den einzelnen Fotos häufig die kompletten Zeitungs- und Magazinlayouts mit abgedruckt. Da die Abbildungen nicht nummeriert sind, ist die Zuordnung zu den betreffenden Textstellen mitunter nicht ganz einfach. Insgesamt macht die Verschränkung von Fotografie-, Presse- und Kulturgeschichte The Shock of Modernity aber zu einer in jeder Hinsicht lohnenden Lektüre. Das Buch wird in Europa von Idea Books (Amsterdam; www.ideabooks.nl) vertrieben und über den Buchhandel ausgeliefert.

 

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