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Thomas Overdick

Mit der Kamera im Forschungsfeld

Ulrich Hägele: Foto-Ethnographie. Die visuelle Methode in der volkskundlichen Kulturwissenschaft – Mit einer Bibliographie zur visuellen Ethnographie 1839-2007 – Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde e. V., 2007 – 29,7 : 21 cm, 420 Seiten, 350 z. T. farbige Abbildungen, kartoniert – 36 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 108, 2008

Die Fotografie hat in der Volkskunde in den letzten zehn Jahren eine quellenkritische Wiederentdeckung erfahren. Einer der wichtigsten Impulsgeber für die neue, kultur- und sozialgeschichtlich orientierte Fotoforschung ist Ulrich Hägele, der mit seinem Ansatz einer kulturhistorischen Bildforschung den Methodenkanon der Volkskunde grundlegend erweitert hat. Auch in seinem neuen Buch Foto-Ethnographie widmet sich Hägele der volkskundlichen Fotoforschung. Hägele präsentiert einen umfassenden Überblick zur volkskundlichen Fotografie von den Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Auch wenn der Umfang und Detailreichtum des Buches den Eindruck nahe legen, erhebt Hägele mit seiner Studie keineswegs den Anspruch, eine lückenlose Geschichte der volkskundlich orientierten Fotografie vorzulegen. Vielmehr liegt sein Interesse in der Analyse der Themen, Methoden, Darstellungsweisen und Funktionen der Fotografie in der deutschsprachigen Volkskunde.

Hägele erschloss für seine Forschungsarbeit eine Fülle an Quellen. In erster Linie widmete er sich den Fotosammlungen und Archive der drei großen deutschen, österreichischen und schweizerischen Volkskundemuseen, nämlich dem Museum Europäischer Kulturen in Berlin, dem Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien sowie dem Museum der Kulturen, Abteilung Schweizerisches Museum für Volkskunde zusammen mit dem Archiv der Gesellschaft für Schweizerische Volkskunde in Basel. Darüber hinaus analysierte er die drei nationalen volkskundlichen Fachzeitschriften (Zeitschrift für Volkskunde, Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, Schweizerisches Archiv für Volkskunde) sowie eine Reihe illustrierter Publikationen. Ergänzend führte er Experten-Interviews u. a. mit Klaus Beitl, Hermann Bausinger und Paul Hugger, die retrospektiv über ihre Anwendung der Fotografie in ihren Forschungsprojekten der 1950er und 1960er Jahre berichten. Auf Basis dieses breit angelegten Quellenfundus und unter Einbeziehung der allgemeinen Fotogeschichte gelingt es Hägele, die verschiedenen Verwendungszusammenhänge der ethnografischen Fotografie in Archiv, Museum, Ausstellung, Forschung, Lehre und Publikation zu beleuchten.

Seine Untersuchungsergebnisse fasst Hägele unter den Stichwörtern "Sinnstiftung", "Ideologisierung" und "Professionalisierung" zusammen. Als sinnstiftend kennzeichnet Hägele die verschiedenen visuellen Strategien des Sammelns und Bewahrens, mit denen im ausgehenden 19. Jahrhundert eine im Verschwinden begriffene Welt zumindest im Bild "gerettet" werden sollte. Er zeigt die Beziehung zwischen Kunstfotografie und Heimatschutz auf, arbeitet die Bedeutung der Weltausstellungen für die volkskundliche Fotogeschichte heraus und stellt die Ziele der volkskundlichen Fotoaufrufe und kulturgeografischen Erfassungsprojekte vor. Im zweiten Teil des Buches zeichnet Hägele die seit dem Ersten Weltkrieg zunehmende Ideologisierung der ethnografischen Fotografie nach, die sich im Nationalsozialismus schließlich als Propagandamittel zur völkischen Fotografie entwickelte. Hägeles Analyse zeigt, dass die frühe Volkskunde durchaus eigene theoretische Konzepte einer foto-ethnografischen Methode entwickelt hatte. Inhaltlich konzentrierte sie sich dabei auf Themen wie Tracht, ländliche Architektur, Brauch sowie Objekte der Volkskunst, des Handwerks und der Landwirtschaft. Die Visualisierung dieser Themen hat nachhaltig zur Festigung des traditionellen volkskundlichen Kanons beigetragen. Die fotografischen Sammelstrategien, so Hägeles These, lieferten dabei eine wichtige Grundlage für das systematisierende Wissenschaftsverständnis der Volkskunde. Eine quellenkritische Rezeption dieser Bilderwelt setzte erst im Laufe der 1980er Jahre im Zuge einer zunehmenden Professionalisierung des volkskundlichen Umgangs mit der Fotografie ein, der Hägele den dritten Teil des Buches widmet. Auch wenn sich nach 1945 vereinzelte Ansätze eines methodisch reflektierten Gebrauchs der Kamera im Forschungsfeld finden, spiegelt sich die Professionalisierung jedoch vor allem in der Quellenkritik und der Entwicklung eines bildanalytischen Instrumentariums wider.

Hägeles Buch begeistert vor allem durch seine beeindruckte Materialfülle. Eine wahre Entdeckung ist die ikonografische Methode, die die schweizerische Volkskundlerin Julie Heierli bereits in den 1890er Jahren im Rahmen ihrer Trachtenforschungen entwickelt hat, und die überraschend an die Bildertableaus des Mnemosyne-Atlasses von Aby Warburg erinnert. Auch die Würdigung der schweizerischen Foto-EthnografInnen Eugenie Goldstern und Ernst Brunner fügen der volkskundlichen Fotogeschichte wichtige Aspekte hinzu. Darüber hinaus gibt Hägele spannende Einblicke in die Methoden der französischen Ethnografie. Hier ist vor allem der Geograph Jean Brunhes zu nennen, der bereits um 1894/95 als Beobachter im Feld einen wissenschaftlich systematischen Einsatz der Fotokamera entwickelte. Aber auch die Wiederentdeckung der ethnografischen Methode von Marcel Maget und seines Leitfadens für die feldtechnische Benutzung des Fotoapparates könnten dem volkskundlichen Methodendiskurs neue Impulse geben. Ebenfalls sehr aufschlussreich ist Hägeles Darstellung der beiden großen Regionalstudien der 1960er Jahre, die das Pariser Centre National de Recherche Social in der Aubrac-Region bzw. die Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften der DDR in der Magdeburger Börde durchgeführt haben. In beiden Projekten kam die Fotografie als integrales Forschungsinstrument zum Einsatz.

Kritisch müssen allerdings einige Kontinuitäten und Bezüge betrachtet werden, die Hägele aus ikonografischen oder methodischen Parallelen ableitet. Angesichts des – auch von Hägele konstatierten – mangelnden Methodendiskurses der Volkskunde zur ethnografischen Fotografie ist die direkte Entwicklungslinie der volkskundlichen Fotodokumentation kaum nachvollziehbar, die Hägele vom foto-ethnografischen Herangehen Marcel Magets, Klaus Beitls und Paul Huggers über die Wandschmuckforschung Hannes Sturzeneggers und Rudolf Schendas bis hin zur Hausforschung von Thomas Antonietti zieht. Auch die Verbindung, die Hägele zwischen der Pionierarbeit "Balinese Character" von Margaret Mead und Gregory Bateson zum Siedlungs-Projekt des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts aus den Jahren 1955-58 herstellt, ist wenig stichhaltig, zumal Mead und Bateson ihre Studie ausdrücklich als "Photographic Analysis" verstanden haben, während die Fotografie im Siedlungs-Projekt eher intuitiv und illustrativ eingesetzt worden ist. Ebenfalls als Einzelfälle müssen die fotografischen Dokumentationsstrategien der großen Forschungsprojekte zur Börde und Aubrac gewertet werden, die methodisch weder besonders reflektiert noch dahingehend rezipiert worden sind.

Insgesamt wird Hägele jedoch seinem Anspruch der Kontextualisierung in seiner Studie mehr als gerecht. So berücksichtigt er in seinen Ausführungen nicht nur die Fotopraxen der Nachbardisziplinen wie der Ethnologie, der französischen Kulturanthropologie und der angloamerikanischen Visual Anthropology, sondern er reflektiert auch immer wieder die Entwicklungen im Fotojournalismus, der Dokumentarfotografie sowie in der Foto-Avantgarde. Ein deutliches Zeichen für seinen weiten Begriff der ethnografischen Fotografie ist das Titelmotiv des Buches: Kein typisches volkskundliches Foto einer inszenierten Trachtenherrlichkeit ziert den Buchdeckel, sondern eine Fotoarbeit der amerikanischen Künstlerin Deborah Bohnet. Gemäß der Erkenntnis, dass es keine volkskundlichen, sondern nur volkskundlich interessante Fotos gibt, trennt Hägele nicht zwischen Volkskundlern, Künstlern und Amateuren als Fotografen. Entscheidend für seine Bildauswahl ist das ethnografische Potential der Arbeiten, sodass er das Buch um zahlreiche Bildanalysen ausgewählter Arbeiten von Fotografen wie Willy Römer, Jacob A. Riis, August Sander, Walker Evans, Dorothea Lange, Eugène Atget, Robert Frank oder Heinrich Zille bereichert.

An diesen Stellen wird auch sehr deutlich, dass Hägele seine Studie nicht als rein fachgeschichtliche Darstellung versteht, sondern als einen Beitrag zur Entwicklung einer Visuellen Kulturwissenschaft, dessen theoretischen Rahmen er im abschließenden Kapitel des Buches darlegt. Hägele entwirft hier einen umfassenden Ansatz einer transdisziplinären Bildforschung, die sowohl die Bilder selbst als auch ihre Produktion, Konsumption und ihren Gebrauch analytisch zu durchdringen sucht, indem er die Methoden der verschiedenen Bildwissenschaften wie der Kunstgeschichte, den Cultural Studies oder der Visuellen Anthropologie gleichwertig zusammenführt. Umfang und Tiefe von Hägeles Studie machen das Buch insgesamt unentbehrlich für jeden, der sich eingehender mit der volkskundlichen Fotogeschichte auseinandersetzen möchte, zumal die von Hägele zusammengestellte Bibliografie zur visuellen Ethnografie zwischen 1839 und 2007 einen überaus reichhaltigen Quellenfundus darstellt.

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