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Berenice Abbott: Eugène Atget, 1927

Anton Holzer

Wieder einmal: Atget

Eugène Atget. Retrospektive, hg. von den Berliner Festspielen und der Bibliothèque Nationale de France – Berlin: Nicolai Verlag, 2007 – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung der Bibliothèque Nationale de France in Paris, Site Richelieu, 27. März bis 1. Juli 2007, im Martin Gropius-Bau Berlin, 28. September 2007 bis 14. Januar 2008 und im Fotomuseum Winterthur, 1. März bis 25. Mai 2008 – 31 x 24 cm, 288 Seiten, 260 Abb. in Duoton, gebunden – 49,90 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 107, 2008

Wieder einmal Atget. "Die große Retrospektive" nennt sich die Schau im Untertitel, die 2007/2008 in Paris, Berlin und Winterthur gezeigt wurde und wird. Ist, so könnte man fragen, über Atget, der seit Jahren in unterschiedlichen Kontexten ausgestellt wird und über den so viel publiziert wurde wie über kaum einen anderen Fotografen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, nicht schon alles gesagt" Nachdem der Fotograf Mitte der 1920er Jahre den Surrealisten und bald darauf der jungen amerikanischen Fotografin Berenice Abbott in die Hände fiel, begann sein zweites Leben als Künstler. Er wurde zum Bezugspunkt der Moderne, zum Urvater einer neuen Fotografie. Diese zweite Karriere endete im New Yorker Museum of Modern Art, das 1968 die Atget-Kollektion von Abbott kaufte und zwischen 1981 und 1985 vier gewichtige Kataloge herausbrachte. Damit wurde der Pariser Stadtfotograf endgültig in den Tempel der Kunst aufgenommen.

Im deutschsprachigen Raum wurde Atget in dieser Breite noch nie gezeigt. Daher kommt die Pariser Schau, die anlässlich des 150. Geburtstags des Fotografen zusammengestellt wurde und zunächst in Berlin in Zusammenarbeit mit den Berliner Festspielen im Berliner Martin Gropius-Bau gezeigt wurde, als Aufsehen erregendes "Event" daher. Ausstellung und Katalog vermitteln, gestützt vor allem auf den umfangreichen Atget-Nachlass in der Bibliothèque Nationale de France, tatsächlich einen breiten Überblick über das Werk des Fotografen. Fortgesetzt wird diese Neugierde, die sich in der sorgfältigen Hängung zeigt, im Katalog, der zwar viel Altbekanntes wiederholt, aber auch – vor allem in den zum Teil vorzüglichen Aufsätzen von Guillaume Le Gall, Sylvie Aubenas, Clément Cheroux und Olivier Lugon – einige neue, gegen den Trend der Kunstrezeption Atgets gerichtete Überlegungen bietet.

Und dennoch: ein grundlegend anderes als das bisher bekannte Atget-Bild zeigt die Schau nicht. Aber sie ist deswegen nicht unwichtig, im Gegenteil. Denn die Ausstellung zeigt erstmals anhand einer extrem breiten Werkauswahl, dass das zweite Leben Atgets, jenes des gefeierten Künstler-Vorfahren, das eigentlich erst nach seinem Tod im Jahr 1927 richtig beginnt, sich im Grunde auf eine sehr enge Bildauswahl bezieht. Die Atget-Bilder, die wir als "Klassische Ansichten" kennen, beruhen im Wesentlichen auf der "Ausbeute" jener 1.787 Negative und 10.000 Abzüge, die Bernice Abbott im Juni 1927 vom Testamentsvollstrecker André Calmettes übernahm und die nach und nach künstlerisch geadelt wurden. Aber das ist beileibe nicht das ganze Werk Atgets. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatten Pariser und auch internationale Museen bei Atget topografischen Ansichten bestellt, weitere Bilder gelangten schon kurz nach der Jahrhundertwende in Form von Bildpostkarten in den Handel, 1911-1915 kaufte die Bibliothèque Nationale sechs gebundene Alben. Im Laufe der Jahre gelangten zahlreiche weitere Aufnahmen in die Sammlung der Nationalbibliothek, die heute, zusammen mit den kleineren Atget-Sammlungen in der Bibliothèque des Arts decoratifs, Paris, der Bibliothèque historique de la Ville de Paris und den Beständen in einigen weiteren privaten und öffentlichen Sammlungen das Gros des fotografischen Nachlasses außerhalb der USA beherbergt.

Der überwiegende Teil der Schau wurde aus den Sammlungen der Pariser Nationalbibliothek zusammengestellt, nur ein paar wenige Exemplare kamen aus dem Museum of Modern Art. Der Effekt ist deutlich sichtbar: Die weniger bekannten Pariser Bilder erweitern das Atget-Bild in thematischer Hinsicht beträchtlich. Es zeigt sich, dass der Fotograf nicht nur spiegelnde Schaufester und alte Pariser Straßenzüge (die die Surrealisten interessierte) blickte, sondern auf seinen ständigen Exkursionen auch ganz andere Motive suchte: die Bettler und die Nomaden am Standtrand, das bunte Leben der Märkte, verlassene Parkanlagen, die Pariser Kanäle, einsame Bäume (und ihre Wurzeln), Türe, Tore, Stiegenhäuser und Innenräume. Und auch das moderne Leben ist bei Atget – anders als das seine Entdecker und Fürsprecher gerne wahrhaben wollten ", nicht ganz aus seinen Bildern verbannt: Das steht ein Automobil und ein Motorrad in einem der zerfallenen Innenhöfe (Aufnahme: 1922), dort sehen wir "Asphaltierer" (aufgenommen 1899/1900), die nicht die alten Pflastersteine auftragen, sondern den für Autos erdachten glatten Straßenbelag. Und auch Züge und Bahnanlagen hat Atget schon vor dem Ersten Weltkrieg des Öfteren fotografiert. Gewiss, einige dieser Bilder wurden hie und da gezeigt, aber in der Regel als Beiwerk zu seinen "eigentlichen" Sujets, den traumwandlerischen Bildern der entleerten Straßen, die, so das berühmte Diktum Benjamins, der Fotograf "aufnahm wie einen Tatort". In Wirklichkeit zeigt die Schau, dass dieser "Tatort" gar nicht so tot und gar nicht so leer ist. Atget, der Entrückte, tritt uns in diesen Bildern wieder etwas näher. Er steigt herab vom Thron der hohen Kunst und erhält wieder mehr die Züge des Handwerkers, der er auch und vor allem war.

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