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Anton Holzer

Editorial, Heft 88, 2003

Erschienen in Fotogeschichte Heft 88, 2003

Das Foto ist unter dem Titel "Frau mit einer Leica" berühmt geworden. Eine Frau im weißen Kleid. Sie sitzt auf einer Holzbank. Über ihr Gesicht und ihren Körper legt sich ein Gitternetz von Licht und Schatten. Es schneidet sich mit den diagonalen Linien des Raumes. Die Frau erscheint hinter dem Gitter des Hell-Dunkel entrückt wie hinter einen Schleier und zugleich rückt sie für den Betrachter ins Zentrum des Blicks. Sie blickt ihn nicht an, eines ihrer Augen ist verschattet. Es handelt sich um Jewgenija Lemberg, eine Schülerin Rodschenkos.

Das Foto, das angeblich 1934 entstand, stehe, so heißt es immer wieder, für das erfolgreiche Entkommen des Fotografen aus den Niederungen der sowjetischen Politik, und es zeige seine wirkliche Hinwendung zur Ästhetik der Moderne. Kunstmarkt und Fotografiegeschichtsschreibung sind sich oft erstaunlich einig, wenn es darum geht, Hauptpersonen von Nebenpersonen, Fotograf und Modell zu trennen, die Kunst vor die Politik zu rücken und Kontinuität vor Brüche. Ein avantgardistischer Rodschenko und eine geheimnisvolle, unbekannte Frau hinter dem Gitternetz lassen sich in den weiß getünchten  Galerieräumen der Museen und in den "coffee-table-books" besser vermarkten als zwei komplexe, widerspenstige Figuren, die nur im Kontext ihres persönlichen und gesellschaftlichen Umfeldes zu verstehen sind.

Die Fotohistorikerin Margarita Tupitsyn wählt dieses berühmt gewordene Foto als Ausgangspunkt für ihre Geschichte. Sie zeigt, dass es möglich und sinnvoll ist, ausgehend von einem einzigen Foto eine etablierte Fotografiegeschichte neu und anders zu erzählen. Und sie zeigt, wie ein solcher neuer Blick auch einige Gewissheiten der Rodschenko-Rezeption in Frage stellen kann. Sie lässt zunächst das Foto selbst erzählen. Die Frau auf dem Bild,  Jewgenija Lemberg, tritt nach und nach aus dem Schatten. Sie entfernt sich von der Rolle des anonymen Modells. Sie wird zur Protagonistin, zur Frau, die auf entscheidende Weise in das Leben und Arbeiten Rodschenkos getreten ist. Als dieser Jewgenija Lemberg kennenlernte, ahnte er noch nicht, dass er sich nicht nur von Warwara Stepanova, seiner Frau, sondern auch von seiner bisherigen fotografischen Tätigkeit entfernen würde.

Es beginnt eine kurze Liebesgeschichte, die Briefe und Bilder hinterlässt, einige Fotos sind erst vor wenigen Jahren im russischen Staatsarchiv für Literatur und Kunst aufgetaucht. Die Liebesgeschichte hinterlässt Rodchenko aber auch in einen Zustand  der Verwirrung und der Krise, in der sich die Welt der Politik und des Privaten schneiden.  Und Jewgenija Lemberg" Sie kommt 1934 auf tragische Weise bei einem Eisenbahnunfall ums Leben.

Das berühmte Foto "Frau mit einer Leica" verliert vor diesem Hintergrund die Rolle des entrückten Kunstwerks. Es wird zum vieldeutigen Bild, das, je nach biografischer und gesellschaftlicher Beleuchtung, mehr erzählt als nur ein ästhetisches Programm: es verweist nämlich auf zwei Lebensgeschichten, die sich in der Sowjetunion der 1930er Jahre trafen und sich doch verfehlten.