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Anton Holzer

Blicke in die Sammlung

Ein Bilderbuch. Die Fotografische Sammlung im Museum Folkwang, hrsg. von Ute Eskildsen und vom Museum Folkwang, Essen. Mit Beiträgen von Wolfgang Brückle, Klaus Pollmeier, Florian Ebner, Clément Chéroux, Jürgen Müller, Christopher Phillips, Reinhard Braun, Hans-Jürgen Lechtreck und Ute Eskildsen, Göttingen: Steidl, 2003, 28,5 : 22,5 cm, 287 S., zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, Gebunden, Schutzumschlag, – 40, sFr. 67,-

Erschienen in: Fotogeschichte 88, 2003

Beginnen wir außen: Ein schönes Buch in klarer, übersichtlicher Aufmachung. Die Gestaltung stammt von Sabine an Huef. Üblicherweise erfahren wir die Namen derjenigen, die im Hintergrund am Zustandekommen eines Bandes tätig sind, nicht. Der Steidl Verlag aber räumt dem Äußeren seiner Fotobücher selbstbewusst viel Platz ein. Daher nennt er die Gestalterin im Prospekt. Zurecht, wie es hier scheint.

Bilderbuch, ein schlichter Titel und zugleich ein Band mit hohem Anspruch. Der Sammlungskatalog der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang erscheint zum 25 Jahr-Jubiläum. Dieses ist zwar schon vorbei, aber an dieser kleinen Ungenauigkeit soll der Band hier nicht gemessen werden. "Die zahlreichen Perlenketten und Masterpieces wollten wir nicht erweitern, also stellte sich die Frage, wie anders die Potentiale einer Sammlung und zugleich verschiedene Umgangsweisen mit Fotografien anschaulich gemacht werden könnten" schreibt die Herausgeberin Ute Eskildsen im Vorwort. Und sie formuliert das Vorhaben, die Sammlung in einem Band vorzustellen dann folgendermaßen: "Das vorliegende Buch ist ein Versuch, historische Entwicklungen, methodische Ansätze, Verwendungen fotografischer Bilder, aber auch Fragen zum Objekt- und Materialcharakter sowie zum öffentlichen Zugang zur Fotografie in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen."

Die acht Kapitel des Bandes wollen also – und das ist überaus positiv anzumerken – nicht die eingefahrenen, lineare Wege der Chronologie und der fotografischen Entwicklungsgeschichte beschreiten, sie erheben auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wollen die Sammlung charakterisieren, indem sie einige thematische Aspekte herausgreifen und diese unter einem bestimmten Fokus (Abbild und Wiedergabe, Material, Porträt, Montage, Stillstand und Bewegung, Veröffentlichung, Sammeln und Archiv) beleuchten. Zugleich wollen sie aber auch Entwicklungen und Epochen abbilden, freilich ohne die eine auf die andere zurückzuführen. Ein solcher Pluralismus der Blickweisen will das Anschauungsmaterial nicht in einen einheitlichen Raster zwängen, er lässt vielmehr Gegensätze, Überlappungen, oft auch produktive Wiedersprüche hervortreten.

Die einzelnen Autoren und die Autorin nähern sich ihrem Thema auf unterschiedliche Weise, gelegentlich steht der Bezug zu konkreten Bildern im Vordergrund, gelegentlich skizzieren sie ein Thema, das sich ein stückweit vom Bildteil wegbewegt. Die Texte unterscheiden sich auch hinsichtlich ihrer Qualität sehr voneinander. Wolfgang Brückle liefert eine spannende, gut geschriebene Einführung in die Bildwelten der frühen Fotografie, Klaus Pollmeier geht, recht traditionell im Zugang, den Wechselwirkungen von Material und Ästhetik nach, Florian Ebener beschäftigt sich in einem sehr differenzierten Beitrag  mit den Möglichkeiten und Moden der Porträtfotografie. Ihn interessiert dabei nicht so sehr die herkömmliche Motiv- und Stilgeschichte, sondern er will den Raum zwischen Fotograf und Modell genauer ausleuchten. Er zeigt, dass die Porträtfotografie, entgegen manch tradierter Annahme, kein entrücktes Genre ist, sondern sie durchsetzt ist von gesellschaftlichen und politischen Kraftlinien.  Jürgen Müller untersucht das Wechselverhältnis zwischen dem bewegten und dem unbewegten Bild, Hans-Jürgen Lechtreck öffnet einen Blick auf die Sammlung und ihre wechselnden historischen Verwendungsformen. Der beste Text, jener von Clément Chéroux, zeichnet die frühen Jahre der künstlerischen Verwendung von Fotogramm und Fotomontage nach und skizziert im Hintergrund zugleich präzise und dennoch gut lesbar, eine Art Metageschichte der Fotogeschichtsschreibung zum Thema. Er zeigt, wie sehr sich die Ursprungsmythen jener Künstler, die sich in den 1920er Jahren mit den "neuen" Techniken der Fotomontage und des Fotogramms beschäftigten (Schad, Man Ray, Moholy-Nagy u.a.) mit der herkömmlichen Fotogeschichtsschreibung nach einer Chronologie und einer Hierarchisierung der Epochen verband. Dagegen setzt er seine archäologische Annäherung, die hinter dem Wirrwarr der Ansprüche der künstlerischen Urheberschaft nach den komplexen Interessen und den Rivalitäten sucht. Zugleich setzt er die künstlerischen Verfahrensweisen der Avantgarde in den Kontext der Populärkultur und zeigt, dass nur die Ausblendung dieser Vorläufer die Anwärterschaft auf die "Erfindungen" der Künstler legitimieren konnte. Anders als Chéroux, der dem hohen Anspruch der Publikation durchaus gerecht wird, liefert Christopher Phillips in seinem Beitrag zur Pressefotografie einen ziemlich peinlichen Auftritt. Er wiederholt Altbekanntes und folgt ohne zu zögern den Geschichten, die die Zunft gerne selbst erzählt. Es gelingt ihm sogar, die wichtigste Publikation, die zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen ist, den von Bodo von Dewitz herausgegebenen und von Robert Lebeck zusammengestellten Band Kiosk. Eine Geschichte der Fotoreportage von 1839 bis 1973 (Steidl Verlag, Göttingen 2001) zu ignorieren. Auf andere Weise scheitert Richard Braun: er nimmt sich vor, die Fotografie der Gegenwart als "kulturelles Handlungsfeld" (was immer auch das bedeuten mag) zu beleuchten. Und er verfängt sich heillos im Geflecht aus postmoderner Rhetorik und der philosophischen Beugung der fotografischen Arbeiten. Seine Diagnose der "Diskursivierung der Fotografie als eine Form des kulturellen Textes" zieht jeder Aussage einen doppelten Boden ein, sie bezieht alles auf jedes, ohne aber einen Blick auf die Bilder zu werfen. Der Text besteht aus einem Wasserfall postmoderner Theoriepartikel, die den Verweis des Verweises feiern. Nur zu den Bildern, ihrer Geschichte und ihrem Umfeld erfahren wir wenig bis nichts.

Die Sammlungsleiterin Ute Eskildsen wirft abschließend einen Blick auf die Geschichte der Fotografischen Sammlung. Der Rückblick weicht ein wenig ab vom selbst formulierten Anspruch, die Sammlung unter nicht konventionellen Gesichtspunkten neu zu beschreiben. Sie geht in ihrer Argumentation streng chronologisch vor. Erzählt wird die Geschichte der Sammlung seit 1978, aber auch die Vorgeschichte der Sammlung, die mit der Gründung des Folkwang Museums 1902 in Hagen begann und die mit der Gründung der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang 1978 endete. Oder, anders betrachtet: mit dem Tod Otto Steinerts, der den Grundstock der Fotosammlung während seiner zwanzigjährigen Lehrtätigkeit an der Folkwangschule aufgebaut hatte. Diese Vorgeschichte wird faktenreich vorgetragen, aber erstaunlich ist, dass neben den Namen und den Institutionen kein Platz mehr bleibt für Politik und Zeitgeschichte, insbesondere für die Zeit 1933-45. Die Biografie Otto Steinerts allein würde genügen, um die Spuren dieser Zeit und ihren Niederschlag in seiner Lebensgeschichte und in seinen Bildern, und damit auch in der Sammlung, deutlicher sichtbar werden zu lassen. Eine kritische Sammlungsgeschichte sollte auch die Gründungsväter von der Befragung nicht ausnehmen und das Wechselspiel zwischen Sammlung und Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses stellen. Die Folge wäre wohl, dass unter diesem Blickwinkel die (gute) Avantgarde der 1920er und 30er Jahre und die (guten) "Anschlüsse" der Nachkriegszeit weniger passgenau ineinander greifen würden. Das wäre vielleicht irritierend. Aber solche Ein- und Widersprüche könnte man sich nach 25 erfolgreichen Jahren durchaus leisten. Und sie würden auch den Wert der vorliegenden Publikation nicht schmälern, die sich vornimmt, eine Sammlung zu porträtieren und ihr zugleich ein wenig in den Rücken zu blicken. Dieses Vorhaben gelingt, mit einigen Einschränkungen.          

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