Deutsch
English

Yes, keep me informed about new issues! Please send me your newsletter, even though it is in German.

Name:

Email:


Christina Thurner

Bewegung im Fokus. Fotografie trifft Tanz – Tanz trifft Fotografie

Christiane Kuhlmann: Bewegter Körper – Mechanischer Apparat. Zur medialen Verschränkung von Tanz und Fotografie in den 1920er Jahren an den Beispielen von Charlotte Rudolph, Suse Byk und Lotte Jacobi (Studien und Dokumente zur Tanzwissenschaft 4), Frankfurt a. M.: Peter Lang, 2003, 21 : 15 cm, 319 S., 155 Abb. in S/W, Broschiert, – 51,50

Charlotte Rudolph: Tanzfotografie 1924-1939. Bearbeitet und mit einem Essay von Christiane Kuhlmann (Reihe Beruf: Fotografin), Göttingen: Steidl, 2004, 25 : 22,5 cm, 88 S., 55 Abb. in S/W, Gebunden, – 20,-

Erschienen in Fotogeschichte 96, 2005

Eigentlich sind sie grundverschieden. Während der Tanz als Raum-Zeit-Kunst nicht fixierbar ist und streng genommen performativ nur in der Aufführung existiert, definiert sich die Fotografie als "Raumzeitschnitt", als Stillstellung von Augenblicken, deren Reproduktion vervielfältigbar ist. In der Tanzfotografie gerate das mimetische Vermögen der Fotografie an ihre Grenze, denn Fotografie könne keine Bewegung nachahmen, schreibt Christiane Kuhlmann in Bewegter Körper – Mechanischer Apparat. Zur medialen Verschränkung von Tanz und Fotografie in den 1920er Jahren: "In der Langzeit-Belichtung wird Bewegung auf Kosten des Körpers sichtbar, in der Momentfotografie wird der Körper auf Kosten der Bewegung sichtbar. Am ehesten kann Fotografie Bewegung symbolisch umsetzen: durch Gestik, Mimik und Körperhaltung." (S. 195). Inwiefern sich bezüglich der beiden künstlerischen Medien dennoch Relationen – sogar wechselseitige – ergeben, legt die Autorin in ihrem Buch, der überarbeiteten Version ihrer Dissertation, dar. Sie konzentriert sich dabei auf Zeit und Ort der Weimarer Republik und geht von der Prämisse aus, dass damals sowohl die Fotografie wie auch der moderne Tanz geprägt gewesen seien durch Phänomene einer neuen Zeitlichkeit. Gemäß verschiedenen Quellen aus den 1920er Jahren zeichne sich diese aus durch Beschleunigung und Fragmentierung des Zeitflusses in der individuellen Wahrnehmung und führe zu einem "Neuen Sehen".

So läuft die Argumentation von Kuhlmann schließlich darauf hinaus, dass die Fotografie aufgrund bestimmter Techniken durchaus imstande gewesen sei, das ephemere Wesen des Tanzes in sich aufzuheben: "Sie akzeptiert das Flüchtige des Tanzes durch die eigene raum-zeitliche Unzulänglichkeit und zeichnet eine ausschnitthafte Spur, die durch ihre animistische Qualität die Bewegung des Tanzes und des Tanzkörpers im Kopf des Betrachters immer wieder in Gang setzen kann." (S. 206) Andererseits enthebt gerade diese Rezipienten-Disposition die Fotografie ihrer Funktion als reine Dokumentation oder Veranschaulichung, als die sie bis heute vorwiegend betrachtet wird. Gegen diese einseitige Betrachtung macht Kuhlmann auch den Einfluss der Fotografie auf die Wahrnehmung des Tanzes aus jener Zeit geltend.

Die Autorin zeigt dies am Beispiel der Arbeiten von drei Fotografinnen, Charlotte Rudolph, Suse Byk und Lotte Jacobi, die Tänzerinnen wie Gret Palucca, Mary Wigman, Valeska Gert und Vera Skoronel fotografiert haben. Ihre formalästhetischen Bildanalysen kontextualisiert Kuhlmann mit biografischen Angaben zu den Künstlerinnen und mit Reflexionen des zeitgenössischen Fotografie-, Kunst- und Tanzdiskurses. An die Untersuchung des konkreten Materials schließt ein theoretischer Teil zur Tanzfotografie an, in dem die Autorin sich vor allem auf Philippe Dubois und Roland Barthes beruft und deren allgemeine Erkenntnisse zum fotografischen Akt und dem "Wesen der Fotografie" wiederum für ihren Gegenstand, die Tanzfotografie der 1920er Jahre, fruchtbar macht.

Am besten nachvollziehbar ist die von Kuhlmann festgestellte und analysierte mediale Verschränkung von Fotografie und Tanz dort, wo die Autorin eng an den Bildern der drei Künstlerinnen deren jeweils unterschiedliche, spezifische Auffassung und Realisierung von Tanzfotografie aufzeigt. Dabei kommt sie zum Ergebnis, dass der "Akt der Bildproduktion, der als konstituierendes Moment im gesamten Bild-Akt angesehen werden kann" (S. 179), sowohl bezüglich der Wahl der technischen Mittel als auch hinsichtlich der Ins-Bild-Setzung der jeweiligen Form des modernen Tanzes bei den drei Fotografinnen divergiert. Während Rudolph das zeitliche Intervall zwischen dem Moment des Sehens und dem des Auslösens im Studio durch antizipierendes Sehen überwinde und dem individualistischen Ausdruckstanz jeweils mit Empathie begegne, lasse sich in Jacobis Fotografien eine vorsätzliche "Distanz zum Tanz" nachweisen, wobei eine Entsprechung in Bildästhetik und Akt der Bildgenerierung festgestellt wird. Suse Byks Arbeiten bezeichnet Kuhlmann schließlich als "Re-Inszenierungen", in denen das bewegte Objekt, vor allem der Grotesktanz von Valeska Gert, zunächst filmisch aufgezeichnet werde und anschließend in den Fotografien durch Vergrößerung oder Fragmentierung eine groteske Bildwirkung erhalte.

Diese Beobachtungen sind durch die empirischen und induktiven Beschreibungen sowie in den Bildinterpretationen weitgehend schlüssig belegt. Weniger fundiert ist die Untersuchung hingegen da, wo – vor allem in Bezug auf den Tanz – allgemeine ästhetische Zusammenhänge dargestellt und größere historische Bögen geschlagen werden. Da reproduziert die Autorin zuweilen grobe Vereinfachungen und Klischees, die in der Reihe Studien und Dokumente zur Tanzwissenschaft eigentlich nichts mehr zu suchen hätten. So lässt sie etwa Äusserungen wie jene von Kurt Jooss weitgehend unreflektiert, wonach auf die "Epoche des Spitzentanzes und der Schwerelosigkeit" eine "Generation tanzbesessener Künstler mit heißem gegenwärtigem Herzblut" folge, die "den Menschen schlechthin" suchte (S. 18). Auch andere Voten von – unbestrittenen – Autoritäten im Tanz werden zuweilen zu vage kontextualisiert und als vermeintlich objektiv konstatierende Aussagen nicht hinterfragt. Während Kuhlmann bezüglich der Tanzfotografie die jeweiligen medialen Eigenheiten stets sauber trennt und bedenkt, tut sie das im Hinblick auf die verbale Übersetzung und sprachliche Reflexion von Tanz kaum.

Freilich liegt das Erkenntnisinteresse der Studie nicht auf der Tanzentwicklung; deshalb wäre der Autorin denn auch eine gewisse fokussierende Verknappung durchaus nachzusehen, allerdings ist gerade nicht einsichtig, warum dann etwa der "Tanz als eine Kunst der Selbst-Auslöschung" bis zu den 1760 erschienenen "Letteres [sic!] sur la danse et sur les ballets" von Jean Georges Noverre zurückverfolgt und dieser als "Urvater des modernen Konzeptes von Choreographie" bezeichnet wird (S. 191). Das ist für die Argumentation gar nicht nötig und aus tanzhistorischer Sicht schief. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive interessanter und glaubwürdig ist die Untersuchung in ihrem Hauptanliegen, in der genauen Analyse der Tanzfotografie und dem Ziel, diese als eigenständiges Kunstgenre auszuweisen, das sowohl den Tanz als auch die Fotografie jener Zeit zu beeinflussen vermochte und diesbezüglich bis heute nachwirkt. Dabei ist insbesondere die sorgfältige Aufbereitung der Fotografien von großem Wert. So hat Kuhlmann diese aus verschiedenen Archiven, Sammlungen und Tänzernachlässen zusammengetragen und im umfangreichen Abbildungs-Anhang geordnet.

Sind die Bilder im Buch Bewegter Körper – Mechanischer Apparat Ausgangspunkt und gleichzeitig Dokumentation der theoretischen Ausführungen, so bilden die Fotografien in Charlotte Rudolph. Tanzfotografie 1924 - 1939 das Zentrum und sind auch vom Druck her sehr schön präsentiert. Diesen Band hat ebenfalls Christiane Kuhlmann herausgegebenen. Sie hat ihn mit einem bebilderten Essay versehen, der wichtige Fakten und Erkenntnisse aus dem Hauptkapitel ihrer Dissertation zusammenfasst und auch für ein breiteres, nicht akademisches Publikum zugänglich macht. So lesen wir da neben allgemeinen Informationen zum Beruf der Fotografin in der Weimarer Republik, zur Tanzfotografie und zur Tanzbewegung der Moderne auch Interessantes etwa zum Verhältnis von Kunst und Kommerz, das gerade im heutigen Kontext der Tanzfotografie wieder aktuell geworden ist.

Den ausgewählten Fotografien von Rudolph stellt Kuhlmann außerdem eine Auswahlbibliografie sowie zwei Texte der Künstlerin hintan. Darin wird nochmals deutlich, inwiefern Rudolph die Bewegung interessierte – im Tanz und in der Fotografie: "Die Bewegung des Tänzers unterliegt räumlichen Gesetzen, infolgedessen muß das Tanzbild die Bewegung in ihrer räumlichen Wirkung wiedergeben." (S. 82). Stellungsaufnahmen interessierten sie nicht. Die Bedeutung von Rudolphs Verdiensten für den Tanz und dessen Entwicklung hat denn auch bereits Gret Palucca als eminent wichtig beschrieben. Bewegung wollte die Fotografin den Betrachtern vermitteln und keine starren Posen. Dass ihr das in ihrem auf den ersten Blick still stellenden Medium gelungen ist, sieht man, wenn man die in Kuhlmanns Publikationen versammelten Bilder betrachtet. Plastisch präsentiert sich da ein Tanz, der bedeutungsvoll über den Augenblick hinausweist. Von vornherein ignoriert seien, so Rudolph, jene Beschauer, "denen es genügt, wenn der Tänzer "hübsch" ist und ein "schönes Kleid" trägt." (S. 84).

 

last issues: