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Julia Margaret Cameron: "Sir John Herschel", April 1867

Mirjam Brusius

 

Die Schärfe der Unschärfe. Typologie eines Stilmittels in der frühen Fotografie

 

Magisterarbeit, Institution: Humboldt-Universität zu Berlin, Seminar für Kunstgeschichte, Prof. Dr. Horst Bredekamp, Dr. Peter Geimer (ETH Zürich), Stand der Arbeit: Abschluss Februar 2007, Art der Finanzierung: Studienförderung der Friedrich-Ebert Stiftung, Kontaktadresse:Mirjam Brusius, Berlin, e-mail: mibrusius(at)web.de

Erschienen in Fotogeschichte 104, 2007

Das Phänomen der Unschärfe prägte im 19. Jahrhundert wechselseitig die Diskurse über das Sehen, die Wahrnehmung und die Fotografie. Einerseits verfolgten in dieser Zeit Naturwissenschaftler das Ziel, für das Auge kaum erfassbare Vorgänge und Gegenstände durch die Fotografie möglichst deutlich sichtbar zu machen. Doch die hierfür praktikable und für die Fotografie charakteristische Schärfe erwies sich andererseits auch als ungeeignet. Eine unscharfe Fotografie glich der menschlichen Wahrnehmung mehr als die gleichwertig scharfen, leblosen Artefakte des fotografischen Apparats. Unschärfe war darüber hinaus eine Möglichkeit, die Fotografie als Kunst zu gestalten.

Die Arbeit beginnt mit einer Begriffsgeschichte visueller Unschärfe und ihrem Pendant, der Schärfe. Im weiteren Verlauf geht sie dem Vergleich von Kamera und Auge nach. Vor diesem Hintergrund wird das Augenmerk auf Julia Margaret Cameron (1815 – 1879), Peter Henry Emerson (1856 – 1936) und Heinrich Kühn (1866 – 1944) gerichtet. Die drei exemplarisch gewählten Fotografen haben die Frage nach dem fotografischen Fokus in Bild und Theorie radikal thematisiert. Dabei stehen sie trotz einiger Berührungspunkte mit mehr Unterschieden als Gemeinsamkeiten nebeneinander. So versteht sich die Gegenüberstellung vielmehr als synoptische Ideengeschichte von Unschärfe im 19. Jahrhundert.

Die Unschärfe in Camerons Porträtarbeiten ist noch keiner kunstfotografischen Strömung zuzuordnen und hat mit Wahrnehmungsfragen nichts gemein. Cameron erteilte mit ihren Arbeiten dem Exaktheitshabitus der Fotografie eine Absage, bevor sich dieser etablieren konnte. Die Fotografie wird in ihren Arbeiten zum selbstreflexiven Medium, dessen Materialität sichtbar wird. Emerson und Kühn zielten auf eine Nachahmung visueller Wahrnehmung durch die Fotografie und kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die genaue Bildbetrachtung zeigt, dass die Bilder dabei häufig Emersons und Kühns theoretischen Texten widersprechen. Auch die naturwissenschaftlichen Bezüge scheinen oft einer bloßen Nobilitierung der Unschärfe zu dienen. Unterliegen die unscharfen Fotografien nicht dem unmöglichen Versuch, den Seheindruck abbilden zu wollen, so eignen sie sich aber als Medium der Reflexion über Wahrnehmung. Dies gelingt ihnen mitunter besser als einer scharfen Fotografie.

Die Untersuchung widmet sich der fotografischen Unschärfe nicht nur als ästhetischem Stilmittel sondern auch als epistemologischem Phänomen. So wird der Diskurs von Schärfe und Unschärfe im 19. Jahrhundert von zwei kontroversen Ideen durchzogen: Helmholtz vertrat eine zentralistische Wahrnehmungstheorie, die den fovealen Sehbereich zum Ort der Erkenntnis bestimmte. Dem wurde ein Interesse am Unscharfen, Uneindeutigen und Nebensächlichen entgegengesetzt. Es findet sich u.a. in der Methode zur Zuschreibung von Gemälden Morellis, in der Psychoanalyse Freuds oder in der Philosophie von Peirce und Cassirer wieder.

 

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