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Matthias Christen

Ein halbes Jahrhundert in Bildern

Mary Panzer: Things As They Are: Photojournalism in Context since 1955. With an afterword by Christian Caujolle - London: Chris Boot Ltd., 2006 (in association with World Press Photo)  - 30 : 23 cm, 384 Seiten, 600 Abb. in Farbe, Klappbroschur, £ 25

Erschienen in Fotogeschichte 104, 2007

Nach einer gut hundertfünfzigjährigen, über weite Strecken sehr erfolgreichen Geschichte befindet sich der Fotojournalismus heute offensichtlich in einer schwierigen Situation. Wichtige Publikationsorgane sind vom Markt verschwunden. In den verbleibenden wird der Raum für Bildgeschichten knapp. Die entsprechenden Budgets schrumpfen, und Redaktionen, die früher Fotografen wochenlang auf Recherche schickten, bedienen sich vermehrt aus dem Bestand billigerer stock-foto-Agenturen. Gleichzeitig bringt die Krise neue Chancen: Fotos, die früher in Magazinen erschienen wären, finden Eingang in Museen und Galerien. Ein boomender Kunstmarkt eröffnet neue Absatzmöglichkeiten, und mit dem Internet als neuem Vertriebsweg sind neue Formen von Öffentlichkeiten entstanden. So arbeitet die traditionsreiche Fotoagentur Magnum unter dem Titel "Magnum in Motion" seit 2005 sehr erfolgreich mit neuen multimedialen online-Formaten.

In dieser Situation kommt Things As They Are: Photojournalism in Context since 1955, erstmals 2005 erschienen und seit kurzem als preiswerte Paperbackausgabe lieferbar, genau richtig. Der opulent ausgestattete Band basiert auf einer Ausstellung, die der Gründer der französischen Fotoagentur Vu und langjährige Bildredakteur der Libération Christian Caujolle im Auftrag der Organisation World Press Photo kuratiert hat. Anhand von über hundert erstklassigen Fotoreportagen aus den letzten fünfzig Jahren widerlegt Things As They Are eindrücklich die These namhafter Kritiker wie John Szarkowski, wonach der Fotojournalismus im Niedergang begriffen ist, seit er Mitte des vergangenen Jahrhunderts die führende Rolle in Sachen aktueller Bildberichterstattung an das Fernsehen verloren hat. Wie in Robert Lebecks und Bodo von Dewitz" Kiosk: Eine Geschichte der Photoreportage (Göttingen: Steidl, 2001) sind die einzelnen Geschichten aufwändig in ihrem Originalkontext reproduziert, in der Form also, wie sie ursprünglich in den Zeitschriften erschienen sind. Trotz der unverkennbaren Parallelen kommt es zwischen den beiden Bänden allerdings kaum zu Dopplungen. Things As They Are verlängert die von Kiosk abgedeckte Zeitspanne über die späten 70er Jahre hinaus in die Gegenwart. Auch der geografische Rahmen ist etwas weiter gesteckt; neben den bekannten Magazinen aus Europa und den USA kommen auch weniger bekannte aus Mittel- und Südamerika, Afrika und Fernost zum Zug. Anders als in Kiosk sind die Bildstrecken zudem mit kurzen Einführungen versehen, die über die Publikations- und Wirkungsgeschichte der einzelnen Reportagen, das Profil der Zeitschriften, deren Publikumsstruktur und die Arbeitsweise der Fotografinnen und Fotografen Auskunft geben. So ist von Mary Ellen Marks berühmter Serie über die Falkland Road, einen Bordellbezirk im indischen Bombay, zu erfahren, dass die Geschichte ursprünglich von der amerikanischen Geo-Redaktion in Auftrag gegeben, nach der Fertigstellung jedoch als zu verstörend abgelehnt wurde und schliesslich im deutschen stern untergekommen ist, dessen Redaktion eine offenere und aggressivere Form von Bildsprache vertrat.

Eine umfangreiche Einleitung von Mary Panzer zum Fotojournalismus der letzten fünf Jahrzehnte und ein kurzer, aber sehr informativer Text von Christian Caujolle zur gegenwärtigen Lage und den möglichen Zukunftsperspektiven helfen die einzelnen Reportagen in einem übergeordneten historischen Zusammenhang zu verorten. Beide Texte machen deutlich, dass der Fotojournalismus als angewandtes Bildgenre in fotografischen Kategorien allein nicht zu begreifen ist. Er ist abhängig von der parallel laufenden Entwicklung der Kamera-, Übermittlungs- und Drucktechnik, der Wirtschaftsgeschichte der Magazine, dem Anzeigenmarkt, dem Wandel der Publikumsstruktur und der Konkurrenz von Seiten anderer Nachrichtenmedien. All diese Faktoren, die mit der Fotografie nur bedingt zu tun haben, bestimmen mit, welche Geschichten in den Magazinen wie erzählt werden. Zudem sind Fotoreportagen immer das Resultat arbeitsteiliger Prozesse, in denen der Fotograf oder die Fotografin neben den Redakteuren, Art Directoren, Layoutern und Textautoren jeweils nur ein Akteur unter vielen ist. Deutlich zu kurz kommt dabei in Things As They Are vor allem der Anteil der Texte. Wie wichtige sie für das Verständnis und die Wirkung der Bildstrecken sind, zeigen Ron Haeberles Fotos vom Massaker in My Lai, die am 5. Dezember 1969 in Life erschienen sind. Das kleinformatige Bild eines alten Mannes, das neben den Fotos der massenhaft ermordeten Zivilisten fast unscheinbar wirkt, erhält durch die Nachricht im Begleittext, dass auch er unmittelbar nach der Aufnahme im Beisein des Fotografen erschossen wurde, einen ganz anderen Stellenwert.

Angesichts der zunehmenden medialen Differenzierung, der Tatsache, dass immer mehr Geschichten parallel in unterschiedlichen Kontexten erscheinen und die Bindung an das Magazin als bevorzugtem Publikationsort sich lockert, wäre es sinnvoll gewesen, den Begriff des Fotojournalismus genauer zu fassen, als dies in der Einleitung geschieht. Das ändert allerdings nichts am hervorragenden Gesamteindruck. Things As They Are ist die perfekte Ergänzung zu Lebecks und von Dewitz" Kiosk und wird wie dieser für weitere Arbeiten auf dem Gebiet des Fotojournalismus und seiner Geschichte zu einer festen Referenz werden.

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