Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Margareth Otti

Architektur und Fotografie

Andres Lepik, Hilde Strobl (Hg.): Zoom! Architektur und Stadt im Bild, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2015, 208 Seiten, 20 x 28 cm, dt./engl., 225 Abb. in Farbe und S/W, broschiert, 29,80 Euro

Hans Bunge (Hg.): Ernst Scheel. Fotograf 1903–1986, München/Hamburg: Dölling und Galitz Verlag, 2015, 256 Seiten, 23 x 28 cm, 290 Abb. in S/W, Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen, 39,90 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 138, 2015

Architektur und Stadt im Bild: Unprätentiös und nonchalant klingt der Titel der Publikation zur Ausstellung im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne, so als wäre die Verbindung von Architektur und Fotografie nicht kompliziert, vielschichtig und oft fragwürdig in ihren Zielen. Der Katalog versammelt Bildserien von 18 FotografInnen mit dem Anspruch, eine Grundlage für die Neubewertung der aktuellen Architekturfotografie zu bieten. Architekturfotografie neu: Nicht als Teil einer Vermarktungsmaschinerie und nicht als ausschließlich im Kunstkontext funktionierend. Für die Herausgeber steht die soziale Dimension von Architektur und gebautem Raum im Fokus; sie sehen Architekturfotografie als Basis für eine Auseinandersetzung mit den sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen der globalen Gesellschaft. Entstanden ist ein spannendes Panoptikum, das bauliche Auswirkungen politischer Systeme und sozialer Missstände anhand von beeindruckenden Bildserien rund um den Globus dokumentiert: Leerstehende kleine Geschäfte in der ländlichen Oberpfalz (Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch), gebaute Normalität in deutschen Städten (Peter Bialobrzeski), Monumente der Sozialistischen Moderne in Osteuropa (Roman Bezjak), scheinbar unschuldige Blicke auf Orte, an denen Asylsuchende unmenschlich behandelt wurden (Eva Leitolf), geballtes Leben auf engstem Raum in den Mega-Cities (Julian  Röder, Lard Buurman, Rufina Wu und Stefan Canham), Absurditäten eines manischen Wohnungsbaus (Livia Corona und Simona Rota), Tankstellen in Wien (Stefan Oláh) u.v.m. Die teilweise ironischen und kritischen Bilder unterstreichen deutlich, wie weit die gebaute Wirklichkeit und die konventionellen Fotografien von Architektur in den Hochglanzmagazinen auseinanderklaffen.

Das Buch beinhaltet neben der beeindruckenden Auswahl an spannenden Fotografien einen einführenden Kommentar von Andres Lepik, den ausführlichen Essay der Ausstellungskuratorin Hilde Strobl mit dem Titel „Die Macht der Bilder – Das Verhältnis von Architektur und Gesellschaft in der Fotografie“ und zwei Texte von Jutta von Zitzewitz zu Fotografie und Urbanisierung und Axel Sowa, der sich dem heiß-kalten Thema der Affekte in der Fotografie widmet. Der Band ist übersichtlich strukturiert und leicht zu handhaben: Zweiseitige Einführungen erläutern die lesenswerten Intentionen der Fotografinnen; das hellblaue Papier dieser Intros erleichtert das suchende Blättern. Die Autorin der Einführungen bleibt jedoch ungenannt; man möchte schon erfahren, wer die Fragen in den Interviews formuliert hat. Die abgebildeten Fotografien, manche davon großformatig, sind von durchwegs guter Qualität. Ihnen folgen die Biografien der Fotografinnen und Bildnachweise. Insgesamt ein Buch, das man gerne zur Hand nimmt, liest und anschaut, um sich von den Geschichten hinter den Bildern überraschen zu lassen.

Den Auftakt der Fotografenriege macht natürlich Iwan Baan, der, von Rem Koolhaas´scher Beauftragung geadelt, zu einem Star der Architekturfotografie aufstieg. Der erläuternde Text zu seinen Bildern ist Großteil jener seines TED-Vortrags, der in den social medias die Runde machte.[1] Seine Serie zeigt die Welt der Zabbaleen, der für die Müllsammlung und -trennung zuständigen Menschen in Kairo und deren informell organisiertes und bildlich auf Müll gebautes Viertel, ebenso wie ihre dekorativ überladenen Wohnungen. Die Fotografien sind mit erkennbarem Respekt den Zabbaleen gegenüber aufgenommen. Trotzdem ist offensichtlich, wer durch die Gunst des Geburtsortes auf der Butterseite gelandet ist: Die Betrachter der Bilder und der Fotograf. Schon länger wird der sogenannte ruin/slum/poverty porn kritisiert. Woher kommt die Lust, informelle, aufgrund von Armut improvisierte, verfallende oder zerstörte Bauwerke zu betrachten? Ein voyeuristischer Impuls und demzufolge die visuelle Ghettoisierung der Abgebildeten kann den Fotografen (als Erben der muckraker, der investigativen Fotojournalisten des 19. Jh. mit sozialreformatorischen Zielen) als auch den Betrachtern vorgeworfen werden. Andererseits bereiten die Bilder bestenfalls den Boden für kollektives Reclaiming: Verdrängtes wird sichtbar gemacht, das Leben an den Rändern der Gesellschaft dokumentiert, Komplizenschaft mit den abgebildeten Menschen formiert – darauf weisen Andres Lepik und Jutta von Zitzewitz in ihren Texten hin. Die Schaulust am Leben der Anderen entsteht vielleicht auch aus dem Überdruss an zu sauberen, zu menschenleeren, zu perfekten Bildern und Bauten. Wenn Architekturfotografie „lifts the building out of time[2] und „Zeit“ als Gegner von Architektur verstanden wird, entsteht das Verlangen, die zeitliche Dimension in der Architekturfotografie und der Architektur wieder zuzulassen.[3]

„Book for Architects“ nennt Wolfgang Tillmans seine subjektive und lustige Empfehlung an Architekten. 450 Bildtafeln zeigen in Arrangements Momentaufnahmen und Alltagsarchitekturen, wie zum Beispiel Warteschlangen vor Damentoiletten. Das „Book“ ist eigentlich eine Videoinstallation, und naturgemäß sind in Büchern abgebildete Videoinstallationen nicht sehr ergötzend. Falls man die Ausstellung nicht besuchen konnte, kann man die Ironie und den Witz der Bildtafeln auf den Abbildungen im Buch nur erahnen. Aber sie zeigen dennoch, wie sehr Architekten in ihrem manieristischen Designfetischismus gegenwärtig am Kontext, am Alltag und den Lebensrealitäten der Menschen vorbeiplanen. Das ist vielleicht der interessanteste Aspekt der Publikation: Die Frage, was der Auftrag der Architekturfotografie und die Aufgabe von Architektur gegenwärtig angesichts dieser gewaltigen Entwicklungen von Armut, Überbevölkerung, Migration, Unterbezahlung, Arbeitslosigkeit, Landflucht usw. sein kann und muss. Und es ist nicht der utopische Wunsch der Essayisten, die Fotografien mögen vielleicht einen sozialen Wandel auslösen, sondern es ist der vehemente Aufruf an die Architektenschaft, sich endlich von den weltfremden, überplanten Chichi-Bauten zu lösen und sich jenseits jedes Star-Architektentums endlich den wirklichen Problemen der Menschen und der Unperfektheit der Welt zuzuwenden. Und sich Wolfgang Tillmans’ Ratschlag zu Herzen nehmen: „Bei noch so guter Planung und Organisation muss man wissen, wann man diese aufgeben muss, um Möglichkeiten zuzulassen“ (S.170).

Ein Fotograf, der den an der Architektur nagenden Zahn der Zeit als auch den vorherrschenden Zeitgeist gleichermaßen einzufangen imstande war, ist Ernst Scheel (1903–1986). Seine Aufnahmen von Vertretern der Hamburger Architekturmoderne machten ihn international bekannt. Lange galt sein Werk als im Krieg zerstört, bis seine Tochter vor kurzem jede Menge an Originalabzügen im Keller entdeckte. Nach diesem Fund widmete man seinem Schaffen nun eine Ausstellung und die vorliegende erste Monografie, die das Œuvre des Fotografen durchforstet, wissenschaftlich aufgearbeitet präsentiert und präzise in den historischen Kontext einordnet. Der Band ist mit den abgebildeten edlen Fotografien ein Sammlerstück für Fotografieliebhaber. Nicht nur Scheels messerscharfe Aufnahmen der architektonischen Avantgarde im Sinne einer Bildästhetik des Neuen Sehens werden anschaulich präsentiert. Seine Auftragsarbeiten für Architekten, die Vorliebe für Ingenieursbauten, die Dokumentation seines Kriegsdienstes und des Wiederaufbaus, seine Sozialisation im künstlerische Umfeld und auch sein Desinteresse an Fotografie im Alter beschreiben eine repräsentative Künstlerkarriere im 20. Jahrhundert. Im Dienste der Architektur waren Höhen und Tiefen zu durchschreiten und die beeindruckende Lebensgeschichte zeigt auf, wie sehr sich die Profession des Architekturfotografen und die Arbeitsmethoden in wenigen Jahrzehnten drastisch verändert haben.


[2]Roger Connah: How Architecture Got it´s Hump, Cambridge/Mass. 2001, S. 44.

[3]Siehe dazu: Jeremy Till: Architecture depends, Cambridge/Mass. 2009, S. 77–115.

 

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