Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anton Holzer

Ein großer Wurf

Jakob Tuggeners Fotobücher und Filme

Jakob Tuggener, hg. von der Jakob Tuggener-Stiftung, der Fotostiftung Schweiz und dem Steidl Verlag, Göttingen: Steidl, 2018, 13 Bücher und eine DVD in einer handgefertigten Holzkiste, 30 x 34 cm, insgesamt 1.336 Seiten, ca. 1.000 Abbildungen, Englisch / Deutsch, 500 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 149, 2018

 

Manche Künstler haben Erfolg, andere nicht. Sehr oft liegt das an den berühmten „Umständen“, wie immer man diese auch fassen mag. Gelegentlich aber stolpern Künstler über sich selber, sie schaffen es einfach nicht, die ihnen gebotenen Chancen zu nutzen. Der Schweizer Fotograf Jakob Tuggener (1904–1988) ist – zumindest teilweise – so ein Fall. Nicht, dass er zeitlebens erfolglos geblieben wäre. In den 1950er Jahren, auf dem Höhepunkt seinen Schaffens, fand er große Anerkennung. Dann aber wurde es immer ruhiger um ihn. Der Einzelgänger, um nicht zu sagen Eigenbrödler, zog sich mehr und mehr zurück. Sein umfangreiches fotografisches Werk, das seit den 1930er Jahren entstanden war, trat in den Hintergrund und geriet ein stückweit in Vergessenheit. Und dies, obwohl es seit den 1970er Jahren an Versuchen, es publizistisch aufzubereiten, nicht gemangelt hatte.

Nun aber, im Jahr 2018 und dreißig Jahre nach dem Tod des Fotografen, kehrt ein wichtiger Teil seines Werks mit einem Paukenschlag zurück in die Öffentlichkeit. Drei Institutionen haben sich gemeinsam der Wiederentdeckung des „ganzen“ Tuggener verschrieben: die von Maria Euphemia Tuggener, der letzten Frau des Fotografen, ins Leben gerufene Jakob Tuggener-Stiftung, die Fotostiftung Schweiz in Winterthur, in der das fotografische und filmische Werk seit Jahren aufbewahrt wird, und schließlich der Göttinger Steidl Verlag, der 2011 mit dem Reprint des wichtigsten publizistischen Werk Tuggeners, dem Fotoband Fabrik (Erstausgabe 1943), wesentlich zu dessen internationaler Wiederentdeckung beigetragen hat.

Der Name Martin Gasser taucht im bibliografischen Eintrag zum vorliegenden Gesamtwerk nicht auf. Das ist nicht ganz verständlich. Denn ohne seinen enorm wichtigen fotohistorischen Beitrag und seine jahrlangen Bemühungen um Tuggener wäre dieses Mammutwerk gewiss nicht in dieser Form erschienen. Seit dreißig Jahren beschäftigt sich der Schweizer Fotohistoriker nun schon mit dem Fotografen. 1996 hat er seine Dissertation über Jakob Tuggener vorgelegt, seither hat er eine Reihe von Ausstellungen und Publikationen über ihn realisiert. Von Gasser stammt auch der wichtigste Text in dieser sonst so textarmen Fotobuch-Sammlung. Jakob Tuggener – Bücher und Filme, so heißt eines der 13 Bücher des nun vorgelegten Werkkomplexes. Diese Publikation bildet gewissermaßen den wissenschaftlichen Schlüssel zu all den anderen Bänden und der mitgelieferten Filmedition mit 14 Kurzfilmen. Gasser, der diesen Schlüssel-Band herausgegeben hat, analysiert darin kenntnisreich die biografischen, historischen und fotohistorischen Hintergründe von „Tuggeners Büchern“. Serverin Rüegg steuert eine gut recherchierte Einordnung der Kurzfilme Tuggeners bei und Maria Euphemia Tuggener ergänzt diese Einführungen um ein knappes Charakterbild des Fotografen. Geliefert wird diese monumentale, ausgezeichnet gedruckte und gestaltete Tuggener-Edition in einer edel aufgemachten Holzkassette, die den Preis von 500 Euro ohne weiteres rechtfertigt. Wer noch ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für Fotopassionierte sucht, hier ist es.

Zeit seines Lebens hat Jakob Tuggener nur zwei Fotobücher verwirklichen können, 1956 ein Auftragswerk der Züricher Buchdruckerei Wetzikon und Rüti über das „Zürcher Oberland“ und sein berühmtes, bereits genanntes Werk Fabrik aus dem Jahr 1943. Wenn es nach Tuggener selbst gegangen wäre, hätten Dutzende Fotobücher erscheinen sollen. An die 60 Fotobuchmaquetten hat der Fotograf seit den 1930er Jahren zusammengestellt. Bis auf Fabrik wurde zu Lebzeiten keine einzige veröffentlicht. Dabei sah Tuggener im selbst gestalteten Fotobuch, das gänzlich auf den Text verzichtete, das ideale Medium, um seine Fotoreportagen ganz neuen Stils einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die neue Tuggener-Publikation hebt einen der großen Fotoöffentlichkeit bisher unbekannten Fotoschatz. Erstmals wird eine breite Auswahl der Buchmaquetten in der vom Künstler intendierten Form publiziert. Damit wird das Werk eines großen in aller Breite Fotografen sichtbar, das bisher nur ausschnittweise gezeigt wurde.

Jakob Tuggener hat seine berufliche Laufbahn nicht als Fotograf, sondern als Maschinenzeichner in einem Industriebetrieb in Zürich begonnen. Und diese Nähe zur Industrie, zur Technik, sollte ihn, so führt Martin Gasser aus, ein Leben lang begleiten. Er interessierte sich leidenschaftlich für Autos, Flugzeuge, Schiffe oder Lokomotiven – und für Frauen. Zu all diesen Themen, aber auch der Schweizer Landschaft, zu Kathedralen, dem Rhein oder zum ländlichen Leben stellte er Buchmaquetten zusammen. Die tanzenden Frauen (und Männer) porträtierte er in seinem legendären Bildband Ballnächte. Es war die einzige Maquette, die neben Fabrik je gedruckt wurde, freilich Jahre nach seinem Tod 1988. Sie erschien 2006 im Zürcher Scalo Verlag.

 Zur Fotografie fand Tuggener schon sehr früh, Mitte der 1920er Jahre. Das früheste erhaltene Foto stammt aus dem Jahr 1926. In den 1930er Jahren sattelte er ganz auf die Fotografie um. Seit 1934 verwendet Jakob Tuggener für seine Reportagen die Leica. Er arbeitete in den 1930er Jahren als freier fotografischer Mitarbeiter der Maschinenfabrik Oerlikon. Daneben arbeitete er als freier Industriefotograf, begann aber auch zu malen und zu filmen. In seinen dokumentarischen Kurzfilmen verfolgte er – so wie auch in der Fotografie – einen experimentellen Anspruch. Seine erste Filmarbeit stammt aus dem Jahr 1937, seine letzte aus dem Jahr 1971.

In den 1930er- und 40er Jahren gestaltete er zahlreiche Jubiläumsbücher und Firmenbroschüren für Schweizer Industriebetriebe, daneben verkaufte er seine Bilder und Reportagen auch an Zeitungen und Zeitschriften. Sein großer Durchbruch als Fotograf kam 1943, als es, mitten im Zweiten Weltkrieg, im Rotapfelverlag, Zürich-Erlenbach, den Fotoband Fabrik herausbrachte, der ihn fast über Nacht zu eine Star der Schweizer Fotoszene machte. Von diesem Ruhm konnte er bis weit in die 1950er Jahre hinein zehren. Die schnelle Arbeit des Fotoreporters lag ihm freilich nicht, er ging einen bedächtigeren Weg. „Nicht das sachliche Dokument oder die präzise Beschreibung interessierten ihn, sondern die Poesie des Unscheinbaren“, so Martin Gasser. Diese „Poesie des Unscheinbaren“ fußte zwar auf der neusachlichen Fotografie der Zwischenkriegszeit, erschöpfte sich aber nicht in formalen Spielereien und in der rein poetischen Schilderung der Dinge. Vielmehr verfolgte Tuggener in einen Reportagen, insbesondere in seinen Fotobüchern, einen dezidiert erzählerischen Anspruch, der Zusammenhänge sichtbar, Arbeitsabläufe, aber auch Freizeitsituationen verstehbar und intuitiv und assoziativ zugänglich machen sollte.

„Vor zehn Jahren“, so formulierte Tuggener 1950 in einem seiner seltenen publizistischen Beiträge, „habe ich begonnen, die Photographie als meine Sprache zu verwenden und in geschlossenen Büchern zu reden. Von den Ballnächsten, vom Eisen, von den Schiffen, von allem, was besonders meine Seele bewegt und erregt.“ Und enttäuscht fügte er hinzu: „Die Öffentlichkeit oder besser gesagt, die Verleger trauen der Sache nicht. Ein Buch ohne Worte, nur mit den Augen zu sehen, das verstünden die Leute nicht.“ Er selbst konnte dieses Misstrauen dem reinen Bild gegenüber nicht verstehen. Er glaubte an die Kraft der Bilder, die ganz ohne Text, und gleitet nur durch Seitenumbrüche und assoziative Bildmontagen, ein großes erzählerisches Potenzial entwickelten. Von den zahlreichen Absagen der Verleger ließ er sich nicht entmutigen und fertigte immer neue Maquetten an und überarbeitete die bestehenden.

 Ende der 1960er Jahre, Tuggener war damals bereits Mitte 60, begann die sukzessive Wiederentdeckung seines nur teilweise bekannten Werks. Wesentlich dazu beigetragen hat ein Fernsehfilm von Dieter Bachmann mit dem Titel „Zum Beispiel: Jakob Tuggener“, der 1969 ausgestrahlt wurde sowie eine anschließende Ausstellung in München. Als 1971 in Zürich die Stiftung für die Photographie als Plattform zur Präsentation der historischen und gegenwärtigen Schweizer Fotografie gegründet wurde, kam man rasch auf Tuggener zu. Unter den Protagonisten der Stiftung hatte der Fotograf zahlreiche Bewunderer und so erstaunt es nicht, dass die erste große Ausstellung über die Schweizer Fotografie und Fotogeschichte, die 1974 stattfand, Tuggener einen Ehrenplatz einräumte. Es folgten weitere Präsentationen aber auch Einladungen, das Werk in Form monografischer Publikationen vorzustellen. Diese scheiterten aber allesamt an der widerständigen, widerspruchsfreudigen Haltung des Fotografen – und nicht zuletzt an dessen stolzen Honorarvorstellungen.

Obwohl seine Fotos in den letzten Jahren viel ausgestellt wurden und Tuggener heute zu den wichtigsten Schweizer Fotografen zählt, wurde sein Hauptwerk, die Buchmaquetten, bisher kaum gezeigt und publiziert. Abgesehen von einer kleinen Ausstellung Anfang der 80er Jahre, bei der nur ein kleiner Ausschnitt aus Tuggeners Büchern gezeigt wurde und der genannten Scalo-Publikation im Jahr 2006 blieben die ungedruckten Bücher im Depot. Nun sind sie zusammen mit den ebenfalls in Vergessenheit geratenen Filmen wiederzuentdecken, nicht nach und nach, wie man vielleicht hätte erwarten können, sondern in einem einzigen großen Wurf, einer großen Edition. Die Bücher laden ein zum Schauen und Staunen ein, blätternd taucht man in eine Welt ein, die längst vergangen und in den Bildern doch so gegenwärtig ist. Es ist erstaunlich, dass dieses fotografische Werk, das Menschen und Dinge seit den 1930er Jahren poetisch umkreist, nach so langer Zeit so wenig Patina angesetzt hat. Vielleicht liegt es daran, dass der Fotograf kein Dokumentarist sein wollte, sondern ein Künstler. Einer, der wie es der Basler Kunsthistoriker Georg Schmidt bereits 1949 formulierte, die „Poesie des Zwielichtigen“ feierte, im Maschinenraum des Industriezeitalters ebenso wie in den rauschenden Ballnächten.

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