Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Cornelia Brink

Nachdenken über Fotografie

Reinhard Matz: Fotografien verstehen, hg. von Bernd Stiegler, Köln: Verlag der Buchhandlung Walter König, 2017, 21 x 15 cm, 256 S., 87 Abb. in S/W, broschiert, 16,80 Euro.

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 148, 2018

 

„Der Fotografie geht es gut“ – Reinhard Matz‘ Statement gleich im ersten Beitrag des hier zu besprechenden Buchs wird die FotohistorikerInnen freuen. Ihr gehe es gut, weil sie in der Kunstszene, in Museen, Galerien, Auktionen und Festivals angekommen sei. Fachzeitschriften, Professuren für fotografische Praxis und wissenschaftliche Qualifikationsschriften über fotohistorische Spezialthemen bestätigen den Befund. Bevor sich der fotointeressierte Leser entspannt zurücklehnen kann, liest er im folgenden Absatz: „Der Fotografie geht es schlecht.“ Immer weniger werde in Printmedien mit Fotografien geworben, und seit preiswerte digitale Kameras zur Verfügung stünden, lasse kaum noch jemand sein Porträtfoto im Atelier des professionellen Fotografen aufnehmen. In Deutschland fehle nach wie vor ein Museum zur Sammlung, Geschichte und Erforschung der Fotografie, für die Geschichte und Theorie der Fotografie sei eine einzige Professorin bestellt. Matz diagnostiziert folglich einen Pyrrhus-Sieg: Als Sonderfall Kunst behandelt boomt die Fotografie, aber um den Preis, dass ihr das Eigene verloren zu gehen droht.

Gegen den Trend aktueller Aufmerksamkeitsökonomien bestimmt Matz die Fotografie ausdrücklich über den Gebrauch, der von ihr gemacht wird und „zu weit über 99 %“ Teil der Alltagskultur sei. Fotografie gilt ihm als „spezifische Sichtweise der Wirklichkeit“, und um die erkennen und verstehen zu können, braucht es über Bildästhetik, Autorschaft und Technik hinaus Kenntnisse ihrer Herstellungsbedingungen, von Funktion, Gebrauch und Wirksamkeit. Von diesem Ausgangspunkt her hat der Fotograf, Kurator und Fotohistoriker Matz – eine seltene Verbindung – in Zusammenarbeit mit dem Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler als Herausgeber einen Band älterer und jüngerer Texte vorgelegt. An ganz unterschiedlichen Bildbeispielen zeigen diese, wie sich das Medium Fotografie als eigenständiges Medium anschauen und denken, historisch kontextualisieren und bewerten lässt. Matz geht davon aus, dass man durch Fotografien sehr viel über historische Prozesse und gesellschaftliche Zustände erfahren kann. Was das konkret heißen kann, führt er in sechsundzwanzig Beiträgen vor, die Autor und Herausgeber den Bereichen Fotografietheorie, der Fotografiegeschichte und Fotografiekritik zugeordnet haben.

Die Beträge wurden über einen großen Zeitraum von über dreißig Jahren, sehr verstreut und aus unterschiedlichen Anlässen publiziert. Zwei Beiträge wurden eigens für den Sammelband verfasst. Leserinnen und Leser begegnen Fotografen wie Alfred Renger-Patzsch, August Sander, Chargesheimer, Walker Evans und Helmar Lerski, von den jüngeren sind Marc Garanger, Michael Schmidt oder Rudolf Herz vertreten. Fotografinnen sind kaum darunter. Motivisch überwiegen Aufnahmen von Städten und Industrieanlagen. Was hält diese Beiträge konzeptionell zusammen? Wie lässt sich ihre erneute Publikation rechtfertigen, wenn man bedenkt, dass sich Gebrauch und Technik der Fotografie in den vergangenen dreißig Jahren immens verändert haben?

Zur ersten Frage: Auch wenn den LeserInnen immer wieder neue Aspekte der Fotografie erschlossen werden und Bildmotive und Kontexte thematisch oft weit auseinander liegen mögen, bleibt als roter Faden Matz‘ spezifische Perspektive auf die Fotografie als eine der zentralen Kulturtechniken des 19. und 20. Jahrhunderts unverkennbar. Der Historiker Matz interessiert sich für die Vielfalt fotografischer Gebrauchsweisen, fragt etwa mit Siegfried Kracauer, wie sich die Werksfotografie der Kruppwerke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als „kollektiver Blick“ verstehen lässt, an dessen Herstellung neben dem Fotografen zahlreiche Akteure beteiligt sind. Der Fotograf Matz denkt über die technischen Voraussetzungen fotografischer Aufnahmen nach, so in „Was gewinnt der Raum, wenn er eine Dimension verliert?“, ursprünglich ein Vortrag zur Architekturfotografie, oder auch in „Kunstreproduktion als interpretierende Kunst“, wo er zeigt, wie Fotografien plastische Kunstwerke, hier Details des Kölner Domchorgestühls, je nach Einstellung immer wieder anders zu sehen geben. Auch als politisch interessierter Zeitgenosse zeigt sich Matz in zahlreichen Beiträgen, etwa in seinen Ausführungen zur humanistischen Fotografie im Aufsatz über Martin Fengels Porträts von Kindern einer Münchener Montessori-Schule: „Das ist der Preis einer humanistisch ausgerichteten Fotografie damals wie heute: Sie kann sich nur durch Zurückstellung geschichtlicher oder sozialer Differenzierungen, Bedingtheiten und Besonderungen zugunsten eines vor- oder überhistorisch Allgemeinen formulieren“ (S. 223).

Matz‘ theoretischer und historischer Zugang zum Medium rekurriert auf Autoren, die explizit über Fotografie geschrieben haben wie Barthes, Eco und Dubois, außerdem auch auf Marx, Freud und Foucault. Anregend ist der Gedanke, die Analyse einer Fotografie mit der „Traumarbeit“ im Sinne Freuds zu vergleichen, wie Matz es am Beispiel der Aufnahme einer Straßenwalze von Renger-Patzsch aus dem Jahr 1940 vorführt, die als „widerspruchsfreie, bieder affirmative Technikpräsentation“ die Zeit ihrer Entstehung völlig ausblende: „Sehr ähnlich [wie bei der Traumdeutung, CB] muss es darum gehen, nicht durch die Bildwirklichkeit hindurch die gezeigten Dinge zu betrachten, sondern gerade umgekehrt und gegen die Evidenz des Augenscheins durch das manifeste Material einer Fotografie hindurch deren spezifische Verarbeitungsweise vorgegebener Wirklichkeit als Produktion von Bedeutungen zu analysieren und dies als Symptom im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Bedingungen zu interpretieren“ (S. 22 f.). Regelmäßige Verweise auf literarische Texte zeugen von der Belesenheit des Verfassers und erklären vielleicht auch seine präzise Sprache. Die macht die Lektüre ebenso zu einem Genuss wie gelegentliche sprachliche Seitenhiebe auf die „Struffskys“, deren Fotos Matz als „großformatige Verklärungen unserer Welt“ kritisiert, die „maßgeblich durch Steuerabschreibung derer finanziert werden, die ihren Zustand wesentlich zu verantworten haben“ (S. 10). Was sich ebenfalls durch die Beiträge zieht: Matz schaut sehr genau hin. „Gemeinhin betrachte ich Fotografien in Ruhe“, heißt es an einer Stelle (S. 60).

Und zur zweiten Frage nach der Relevanz einer Neuveröffentlichung? Ja, die Lektüre auch der älteren Beiträge lohnt, nicht jedem Leser wird allein der neueste Aufsatz die interessantesten Denkanstöße bieten. Mit Reinhard Matz ist ein Autor wieder (oder neu) zu entdecken, der einerseits von einer dezidierten fototheoretischen Position aus argumentiert, der auf der anderen Seite die Lesenden aber mit vorsichtigen Deutungen einer Fotografie auch am Blick auf die Fotos teilhaben lässt: „Wenn man so will…“ (S. 222). Einen nach wie vor gültigen Beitrag zu aktuellen Diskussionen liefern nicht zuletzt die eher unüblichen Ansichten zur digitalen Fotografie, unter anderem in „Who is afraid of Bits and Bytes?“ (2005). Die Fotografie, schreibt Matz und widerspricht damit denen, die seit einigen Jahren den Abgesang auf das Medium anstimmen, habe mit ihrer Digitalisierung einen bedeutenden Schritt weiter zu sich selbst gefunden. Vermassung und Manipulation gab es schon vor der digitalen Fotografie: „Artefakt war sie immer, aber erst jetzt, erst seit ihre immer wieder vermutete Unschuld gefallen ist, hat sie die Chance, als solches auch wahrgenommen zu werden. […] Wir werden angesichts von Fotografien immer weniger glauben, aus dem Fenster zu schauen, wo wir doch tatsächlich immer nur in Schaufenster sehen“ (S. 80).

Zu bemängeln habe ich an diesem Buch sehr wenig. Sicher, die Qualität der Abbildungen, mehrheitlich S/W-Fotografien, lässt mitunter zu wünschen übrig, vor allem, wenn sie briefmarkenklein reproduziert sind. Das sollte nicht sein, schmälert Erkenntnis und Vergnügen an der Lektüre aber wenig. Fotos werden durchgängig als Argument an passender Textstelle eingesetzt, das heißt sparsam, und Matz verzichtet auf Abbildungen in den Aufsätzen, deren Argumentation keinen Bildbeleg braucht. Die Doppelexistenz von Reinhard Matz als Fotograf und theoretisch versierter Fotohistoriker, wie sie in „Fotografien verstehen“ stets präsent ist, steht für Aufklärung im besten Sinn. Sein Buch ist unbedingt lesenswert!

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